In den Gassen rund um die Athener Einkaufsmeile Ermou starren die Menschen an diesem Sonntagabend fassungslos auf ihre Handys. "Es geschieht tatsächlich", sagt ein junger Mann. "Sie machen die Banken dicht. Ich glaub es nicht!" Ein schwüler, ein drückender Sommerabend, kurz hat es geregnet, die Menschen sitzen draußen in den Cafés und diskutieren aufgebracht. "Was soll nur aus diesem Land werden?", entfährt es einer älteren Dame.

Hier im Zentrum der griechischen Hauptstadt hatten nur wenige die spontane Ansprache des Ministerpräsidenten im Fernsehen mitbekommen. Um 21.05 Uhr war Alexis Tsipras auf der Mattscheibe erschienen, wie so häufig in letzter Zeit, wieder mit zusammengezogenen Augenbrauen, einem Gesichtsausdruck, der Ernsthaftigkeit vermitteln, aber bloß keine Schwäche offenbaren soll.

Nur kurz verkündet Tsipras, dass die Banken ab Montag nicht mehr öffnen und die Automaten nur beschränkt Bargeld ausgeben werden, um dann gleich zum Angriff überzugehen. Es sei absolut klar, dass die Weigerung der Europäischen Zentralbank, das griechische Finanzsystem mit zusätzlicher Liquidität zu versorgen, nur einen Zweck habe: "den Willen des griechischen Volkes zu brechen und damit den ruhigen und demokratischen Ablauf des Referendums zu beeinflussen".

Unerwähnt lässt der Premier jedoch, was an diesem Sonntag kaum einem in Griechenland entgehen konnte. Man muss es in drastische Worte fassen: Panisch stürmten die Menschen zu den Bankautomaten, den ganzen Tag über waren an fast allen Geräten, die noch Bargeld ausgaben, lange Schlangen zu sehen. Und jeder, der an den Geldschlitz trat, entnahm der Maschine dicke Bündel von 50-Euro-Scheinen. Eben alles, was ein Bankautomat an einem Tag hergibt.

Wenn es in all diesen Wochen der Eskalation im Schuldenstreit einen wirklich sichtbaren Bank Run gab, dann an diesem 28. Juni 2015. Es war ein Bankensturm des Volkes, der einfachen Leute, die insgesamt zwar wohl nicht die hohen Summen abheben konnten wie zuvor, weil die Filialen am Wochenende geschlossen waren. Aber gerade deshalb wurde diese Panik umso sichtbarer und deshalb wiederum umso akuter.

Dabei war es ansonsten in Athen ein fast gespenstisch ruhiger Sonntag, den offenbar viele für einen Ausflug an die umliegenden Strände nutzten. Das Parlament hatte in der Nacht zuvor den Weg für ein Referendum über das Sparprogramm freigemacht. Vor allem den treuen Syriza-Freunden imponierte diese Entschlossenheit der Regierung und die darin implizierte Wertschätzung des Volkes. Andere aber raunten sich zu, dass in einigen Supermärkten schon die Grundnahrungsmittel ausverkauft wären. 

"Nein, hier gibt es noch alles", ruft Koula Theodorou in ihr Handy. "Das sind die Medien, die wollen uns verrückt machen." Die Besitzerin eines kleinen Lebensmittelladens, der auch sonntags geöffnet ist, telefoniert mit einer Freundin. Tatsächlich sind die Nudel-, Reis- und Mehlregale noch gut gefüllt, Obst und Getränke bestens sortiert. Trotzdem, die Ladenbesitzerin wirkt verunsichert und stellt die Gegenfrage: "Haben Sie das irgendwo beobachtet, dass die Leute Hamsterkäufe machen?"

Bisher sieht man solche Szenen noch nicht in Griechenland, aber was an diesem Montag und der ganzen Woche noch auf die Nation zukommt, ist schwer vorauszusagen. Die Unsicherheit, die Anspannung vor dem geplanten Referendum – wer weiß, wozu sie noch führt.