In Brüssel gibt es nicht mehr viele Menschen, die der Regierung in Athen noch über den Weg trauen. Seit ein paar Tagen sind es wieder zwei weniger. Dummerweise, zumindest aus griechischer Sicht, handelt es sich gleich um zwei sogenannte Schwergewichte. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker lehnte am Wochenende brüsk ein Telefonat mit Ministerpräsident Alexis Tsipras ab. Und Parlamentspräsident Martin Schulz, ebenfalls eher als Griechen-Versteher bekannt, machte in Teilen der Führung sogar eine "ideologische Verbohrtheit" aus.

Juncker und Schulz gesellen sich damit zur Gruppe derjenigen, die vom Poker der Griechen völlig entnervt sind. Denn im Schuldenstreit haben sich Geldgeber und –nehmer zwar in wenigen Punkten angenähert. In den wichtigsten Verhandlungsbrocken wie Rente und Umschuldung sind die Differenzen aber so groß, dass der Weg zu einer Lösung ohne gewaltige Zugeständnisse von einer Seite unmöglich scheint.

In manchen Punkten erstaunlich nahe

Aber zunächst: Wo geht es voran? Beim jahrelangen Zankapfel Schuldenabbau sind sich Griechen und ihre Gläubiger erstaunlich nahe. So soll Athen nach dem Willen von Europartnern, IWF und EZB in diesem Jahr einen Überschuss von 1,0 Prozent der Wirtschaftsleistung erwirtschaften. Griechenland soll ein Angebot gemacht haben, das nur knapp darunter liegt – in Raum stehen 0,6 beziehungsweise 0,75 Prozent. "Ob nun 0,6 oder 1,0 Prozent – davon geht die Welt nicht unter", relativiert Rolf Langhammer vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel die Unterschiede. Auch für 2016 bis 2018 liegen die Ziele nur noch maximal 0,5 Prozentpunkte auseinander. Wichtig sei in diesem Falle eher die Symbolik: Athen soll selbst schon ein Prozent angeboten haben und rückt nun erneut von einer seiner raren Zusagen ab. "Es muss auf jeden Fall ein Primärüberschuss her, wenn die Geldgeber ihr Gesicht wahren wollen." Der sogenannte Primärüberschuss ist wichtig: Die Kennziffer zeigt die Fähigkeit eines Landes an, seine Schulden abzutragen.

Bei der Mehrwertsteuer (in Griechenland gibt es drei Sätze) liegen die Positionen schon weiter auseinander. Hier wollen die Griechen die untersten Sätze senken, die Gläubiger dagegen den Hauptsatz von 23 Prozent halten oder sogar noch erhöhen.

Völlig auseinander liegen die Verhandlungspartner bei der Rente. Die Geldgeber verlangen Änderungen bei der Frühverrentung, durch die 800 Millionen Euro eingespart werden sollen. Für Athen ist das aber eine rote Linie, die nicht überschritten werden darf. Tsipras kündigte in einem Interview an, eine Einigung sei nur möglich, wenn die Gläubiger ihre Forderungen nach Rentenkürzungen fallen ließen. Für den Griechen steht seine Glaubwürdigkeit auf dem Spiel: Er war mit dem Versprechen an die Macht gewählt worden, dem Volk keine schmerzhaften Reformen mehr abzuverlangen. Jürgen Matthes vom arbeitgebernahen Institut für Wirtschaft in Köln schlägt deshalb vor, die Renten erst mittelfristig zu senken und so in den nächsten Monaten die Kaufkraft nicht noch mehr zu schwächen. Die griechischen Vorschläge, früher in Rente zu gehen, hält Matthes für "völlig falsch". Tatsächlich hören die Griechen durchschnittlich mit 56 Jahren auf zu arbeiten – in Deutschland sind es 61. "Für ein Industrieland, das wirtschaftlich so daniederliegt, ist das eine erhebliche Belastung", findet Langhammer.

Wer sind die wirklich Armen?

Der frühere Weltbank- und OECD-Berater fragt sich ganz grundsätzlich, ob Athen hier nicht die Falschen protegiert. "Viele Rentner haben durchaus Vermögen angehäuft, weil sie beim Staat oder staatsnahen Einrichtungen gearbeitet haben. Sie haben in der Vergangenheit gut gelebt und könnten sich gut finanzieren." Die Regierung solle hier kürzen und mit dem Geld die aus Langhammers Sicht wirklich Armen unterstützen: zum Beispiel junge Familien, deren Ernährer arbeitslos geworden ist. "Denen hat man bislang nichts weggenommen, weil da nichts mehr zu holen ist." Langhammer fühlt sich an Entwicklungsländer in Lateinamerika erinnert, wo Gruppen verschont wurden, die sich bei jeder Wahl politisch leicht mobilisieren ließen.

Unvereinbar erscheinen auch die Positionen beim Thema Schuldenschnitt. Die Europartner wollen darüber noch nicht einmal diskutieren, Tsipras träumt offenbar immer noch von einem Schuldenerlass. Offiziell will Athen mindestens umschulden, um die besonders drängenden Schulden bei der EZB zügig zu begleichen.

Doch Griechenland und die Gläubiger liegen nicht nur in den Inhalten weit auseinander – auch die Taktik lässt sich nur schwer vereinbaren. Tsipras will an den Finanzministern vorbei direkt mit Merkel einen "politischen Deal" ausmachen, weil er sich davon mehr Zugeständnisse erhofft. Doch nicht nur Juncker lässt den Regierungschef bislang auflaufen. Auch Merkel und Frankreichs Staatspräsident François Hollande ließen am Mittwoch lange offen, ob der Grieche am Rande des EU-Lateinamerika-Gipfels in Brüssel mit den Spitzenpolitikern über die Schulden reden darf – was er am Ende doch durfte. Merkels Dogma für den Weg zu Finanzhilfen lautet bislang "regelbasiert". Und das klingt nicht nach einem milliardenschweren Zugeständnis unter vier Augen.