Es fühlt sich an wie eine Endlosschleife: Die Finanzminister der Eurozone reisen nach Brüssel, tagen etwa eine Stunde, um dann schon wieder auseinanderzugehen. Ergebnis? Fehlanzeige.

So passierte es am Mittwochabend und so geschah es nur 19 Stunden später, am Donnerstagnachmittag. Kurz vor 16 Uhr wurde das Treffen der Eurogruppe beendet. Man erwarte bessere Vorschläge aus Griechenland, heißt es aus Verhandlungskreisen. Für Außenstehende ist das Tagen und Vertagen kaum noch nachvollziehbar. Was machen die da?

Es ist ein wenig wie bei kleinen Kindern: Werden die von ihren Eltern aufgefordert, ihr Zimmer aufzuräumen, passiert erst einmal nichts. Auch mehrfaches genervtes Ermahnen führt nicht zum gewünschten Erfolg. Erst wenn Mama oder Papa ins Zimmer kommen und helfen (und im Ernstfall mehr als die Hälfte des Chaos selbst beseitigen), packen plötzlich alle mit an. Um im Bild zu bleiben: In Brüssel sind manche noch im Stadium des genervten Ermahnens.

Oder ganz konkret: Bundeskanzlerin Angela Merkel – und mit ihr die anderen Staats- und Regierungschefs – wollen sich noch nicht in den Streit über einen Kompromiss einschalten. Bei ihrer Ankunft in Brüssel sagte Merkel: Athen müsse weiter mit den drei Gläubiger-Institutionen arbeiten, dann müssten die Euro-Finanzminister entscheiden. "Der Europäische Rat wird sich nicht in diese Verhandlungen einmischen." Merkel kommt noch nicht ins Kinderzimmer. Sie hat am Montagabend auf dem Eurozonen-Gipfel einen Blick gewagt – und schnell die Tür wieder zugemacht.

Zurück zu den Finanzministern: Um zu verstehen, warum die ihr Treffen am Donnerstag so schnell beendet haben, lohnt ein Blick auf die vergangenen 24 Stunden. Nach der gescheiterten Eurogruppe am Mittwochabend setzt sich der griechische Premier Alexis Tsipras gegen 23 Uhr mit Vertretern der Institutionen, also dem IWF, der EZB und der EU-Kommission, zusammen. Sie sollen in den kommenden zwölf Stunden einen Kompromiss ausarbeiten. Dafür müssen sogenannte technische Gespräche mit den Gläubigern geführt werden. Dabei wird ganz konkret über Mehrwertsteuersätze und Renteneintrittsjahre verhandelt. Tsipras führt die Gespräche im Gebäude der EU-Kommission. Gegen ein Uhr nachts fährt er ins Hotel zurück

Griechenland hat jeden Kompromiss abgelehnt

Am Donnerstagmorgen werden die Verhandlungen fortgesetzt, ab neun Uhr mit dem Spitzenpersonal der Griechenland-Krise: IWF-Chefin Christine Lagarde, EZB-Präsident Mario Draghi, EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker und dem Chef des Eurostabilitätspaktes ESM, Klaus Regling. Als informelle Frist für eine Einigung gilt elf Uhr, schließlich will die Eurogruppe ab 13 Uhr wieder tagen. Für ihre Sitzung benötigen die Finanzminister aber auch ein wenig Vorlauf, um das Kompromisspapier zwischen Griechenland und seinen Gläubigern bewerten zu können.

Das Problem ist nur: Die Positionen sind offenbar in einigen zentralen Punkten unvereinbar. "Es ist in der Nacht so gewesen, dass Griechenland jede Art von Kompromiss abgelehnt hat und ständig mit neuen Wünschen gekommen ist – das war so nicht vereinbart", sagt Hans Jörg Schelling, der österreichische Finanzminister.

Die Differenzen sind groß. Die griechische Seite will am Ende am liebsten einen Schuldenerlass in irgendeiner Form schriftlich fixiert wissen. Und wie bekommt man noch Kontrollen für die Umsetzung der Reformen in den Kompromiss? Am Ende sind die Differenzen so groß, dass es nicht gelingt, ein gemeinsames Kompromisspapier zu formulieren. Mit Verspätung gehen die Finanzminister um 13:30 Uhr in ihre Sitzung. Es gibt im Unterschied zum gestrigen Abend zwar eine "Beratungsgrundlage". Das aber ist inhaltlich nur das Angebot der Gläubigerseite – also der Institutionen. Es enthält unter anderem einen Reformplan, einen Finanzierungsplan – alles aus Sicht der Institutionen.

Und jetzt?

Wie geht es nun weiter? Am Mittwochabend ist Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble nach Berlin zurückgeflogen, um am Donnerstag wieder anzureisen. Ob er heute erneut abreist, ist noch offen. Das nächste Treffen der Eurogruppe ist nun für Samstag angesetzt. Das ist sinnvoll, wenn man vom Ende her rechnet: Der Bundestag benötigt den kommenden Montag und Dienstag zur Abstimmung. Zuvor muss das griechische Parlament über Reformen entscheiden – also am Sonntag. Es bleibt also nur der Samstag für die nächste Sitzung.

Und warum all dieses Hin und Her? Für beide Seiten steht viel auf dem Spiel. Alexis Tsipras muss seine Syriza-Fraktion, die ihn zum Regierungschef gemacht hat, hinter sich behalten – sie pocht auf den Schuldenschnitt und will partout keine weiteren Milliardenkredite. Auf der anderen Seite stehen die Gläubiger, die einen Staatsbankrott verhindern und gleichzeitig auch ein echtes Reformprogramm in Griechenland durchsetzen wollen. Aber die Frage ist eben: um welchen Preis?