ZEIT ONLINE: Herr Schellnhuber, ist die Hitzewelle in Indien ein Zeichen des Klimawandels?

Hans Joachim Schellnhuber: Sie ist Ausdruck einer allgemeinen Entwicklung, die wir seit einigen Jahrzehnten beobachten. Die Temperaturextreme nehmen massiv zu.

ZEIT ONLINE: Sind die mehr als 2.300 Hitzetoten in Indien Opfer der Erderwärmung?

Schellnhuber: Die Rekordhitze lässt sich zwar nicht exakt auf vom Menschen verursachte Treibhausgasemissionen zurückführen, aber es gibt einen systemischen Zusammenhang. Das Potsdam-Institut hat schon vor einigen Jahren in einer Studie über die Folgen des Klimawandels in Indien berechnet, dass zum Beispiel in Hyderabad die Zahl der extremen Hitzetage um etwa 35 pro Jahr zunehmen wird. Die unerträgliche Hitze ist also nicht wirklich überraschend – und ihre schrecklichen Folgen sind es auch nicht.

ZEIT ONLINE: Mit welchen Einschlägen ist zu rechnen, wenn die Erderwärmung ungebremst voranschreitet?

Schellnhuber: Auf jeden Fall wird der Meeresspiegel steigen, viele Millionen Menschen könnten deshalb ihre Heimat verlieren. Obendrein wird es wohl häufiger Extremwetter geben, auch in Mitteleuropa, auch in Deutschland – so wie im Frühsommer des Jahres 2013, als beispielsweise eine Flutwelle des Inn die schwersten Überschwemmungen seit 500 Jahren verursachte. Vor allem aber wird Extremwetter die Tropen und Subtropen heimsuchen. Historisch einzigartige Hitzewellen könnten sich in Zentralafrika bei einem Anstieg der mittleren Erdtemperatur um vier Grad fast jedes Jahr ereignen. Konventionelle Landwirtschaft wäre dann nicht mehr möglich, Afrika würde sich also gegen Ende des Jahrhunderts nicht mehr ernähren können – dann, wenn dort wahrscheinlich zweieinhalb Milliarden Menschen leben werden. Was meinen Sie, wohin die wollen?

ZEIT ONLINE: Eine rhetorische Frage.

Schellnhuber: Wir erleben gerade, wie hysterisch viele Europäer reagieren, angesichts von ein paar Tausend afrikanischen Flüchtlingen. Wegen des Klimawandels ist in Zukunft mit Flüchtlingsströmen ganz anderer Dimension, mit einem Drama ungeahnten Ausmaßes zu rechnen.

ZEIT ONLINE: Gehören wir zu der letzten Generation, die das noch verhindern kann?

Schellnhuber: So drastisch würde ich es nicht ausdrücken. Selbst wenn wir noch mal 20 Jahre verlieren, sollte der Kampf gegen die Erderwärmung nicht aufgegeben werden; man könnte dann immer noch dafür sorgen, dass die globale Mitteltemperatur nur um drei Grad statt um vier Grad steigt. Aber tatsächlich gehören wir zu der letzten Generation, die mit viel gutem Willen die Erderwärmung noch in halbwegs erträglichen Grenzen halten kann: bei einem Plus von rund zwei Grad.

ZEIT ONLINE: Woher nehmen Sie Ihren Optimismus, nach all den ziemlich erfolglosen Weltklimakonferenzen?

Schellnhuber: Auch wenn Sie es kaum für möglich halten – ich habe den Eindruck, dass die Botschaft vom Klimaschutz immer tiefer ins kollektive Bewusstsein einsinkt, sogar bis hinein in das der Kommunistischen Partei Chinas. Langsam formiert sich der Wille, das Schlimmste noch abzuwenden, bis hin zu großen Unternehmen und Investoren. Das Endspiel wird spannender, und es gibt überhaupt keinen Grund, die Flinte ins Korn zu werfen.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielen bei der Klimarettung die Repräsentanten der sieben großen Industrienationen, die sich gerade auf Schloss Elmau zu ihrem jährlichen Stelldichein versammeln?

Schellnhuber: Die Hauptmusik beim Klimaschutz spielt bei der Weltklimakonferenz Ende des Jahres in Paris. Da geht es um Völkerrecht, nicht nur um Absichtserklärungen wie in Elmau. Aber die G 7 spielt bei der Willensbildung eine wichtige Rolle.

ZEIT ONLINE: Beim Klimaschutz die Führung zu übernehmen, dazu haben sich die Reichen bereits vor mehr als 20 Jahren in der Klimarahmenkonvention verpflichtet. Tun sie es auch?

Schellnhuber: Nein, sie haben noch nicht wirklich demonstriert, dass Wohlstand möglich ist, ohne die Erdatmosphäre als Müllkippe für Treibhausgase zu missbrauchen. Zwar stammen die meisten Emissionen inzwischen aus den Schwellenländern – aber vormachen, dass sich auch ohne CO2 gut wirtschaften lässt, das können nur die, die es sich leisten können: also die Reichen. Die anderen werden folgen, wenn es funktioniert.