Wirtschaftsexperten haben die Bundesregierung im Schuldenstreit mit Griechenland vor weiteren Zugeständnissen gewarnt. Die Regierung um Ministerpräsident Alexis Tsipras werde sich auch an neu vereinbarte Reformauflagen nicht halten, sagte der Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Clemens Fuest, der Bild. Deshalb sollte Deutschland keinesfalls neue Kredite vergeben. Über schon vergebene Kredite und die Konditionen sollte Berlin allerdings verhandlungsbereit sein. Der Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage, Christoph Schmidt, sagte, ein Nachgeben der Gläubiger wäre auch für die europäische Integration insgesamt schädlich, weil eine Transferunion in den Geberländern keine breite Akzeptanz hätte.

Die griechische Regierung hatte am Donnerstag angekündigt, eine ursprünglich für diesen Freitag fällige Rückzahlung an den Internationalen Währungsfonds (IWF) zusammen mit anderen Ratenzahlungen erst gebündelt zum Monatsende leisten zu wollen. Insgesamt wären das 1,6 Milliarden Euro.

Die IWF-Regularien sehen diese Möglichkeit vor. Sie wurde aber nach Auskunft der Organisation zuletzt in den 1980er Jahren von einem Land wahrgenommen – von dem afrikanischen Staat Sambia. 

Der ungewöhnliche Schritt erhöht aus Sicht von Beobachtern die Wahrscheinlichkeit einer Staatspleite. "Die Verzögerung der Zahlung an den IWF ist eine Eskalation in der Konfrontation", sagte der Wirtschaftsprofessor Nicholas Economides von der New Yorker Universität Stern School of Business im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Bloomberg. Sie erhöhe das Risiko einer Pleite und das Risiko eines sogenannten Grexits, also eines Austritts Griechenlands aus der Eurozone.

Ein für Freitag angedachtes erneutes Krisentreffen zwischen dem griechischen Regierungschef Tsipras und  EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker wurde nach Informationen aus Regierungskreisen abgesagt. Tsipras will nun das griechische Parlament am Abend über den Verhandlungsstand unterrichten. Kanzlerin Angela Merkel rief Tsipras zu umfangreichen Zugeständnissen auf. Nötig seien "deutliche Anstrengungen vonseiten Athens", sagte Merkel in einem Interview mit dem Sender France 2. Es bleibe das Ziel der derzeitigen Verhandlungen, dass Griechenland in der Eurozone bleibe. 

Hans-Werner Sinn plädiert für Austritt

Der Präsident das Wirtschaftsforschungsinstituts ifo, Hans-Werner Sinn, hält ein Ausscheiden für die sinnvollste Option in der Schuldenkrise. Nur ein Austritt und eine Abwertung der Währung könne Griechenland wieder flott machen, sagte er zu Bild. Schließlich habe das Land 325 Milliarden Euro von der Staatengemeinschaft erhalten, was aber nicht geholfen habe. Die Arbeitslosigkeit sei heute mehr als doppelt so hoch wie vor fünf Jahren, als die Hilfsprogramme begannen.