Wird über Griechenland überhaupt noch ernsthaft verhandelt? Oder geht es nur noch darum, die Schuld zu verteilen? Je länger die Gespräche zwischen der Regierung in Athen und den internationalen Kreditgebern dauern, je öfter sich Angela Merkel, François Hollande oder Jean-Claude Juncker mit Alexis Tsipras zusammensetzen, desto schwieriger wird es, das eine von dem anderen zu unterscheiden: den Versuch, sich doch noch zu verständigen, und die Vorbereitungen für den Fall, dass genau diese Verständigung nicht mehr gelingt. Ob in Brüssel, Berlin oder Athen – das Spiel um den Schwarzen Peter hat längst begonnen.

"Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg", hat Angela Merkel am Mittwoch gesagt, als sie in Brüssel ankam, und hinzugefügt: Selbstverständlich würde sie mit dem griechischen Kollegen sprechen, wenn der das wünsche. Sollte heißen: An mir liegt es nicht, wenn wir nicht zusammenkommen. Am Abend saßen sie dann wieder zusammen, Merkel, Tsipras und Hollande. Ob sie sich dabei auch inhaltlich angenähert haben, blieb vorerst offen. Tsipras wiederum hatte bereits vor zehn Tagen in der französischen Zeitung Le Monde geschrieben: "Wenn es noch keine Einigung gibt, dann liegt das nicht an unserer Unversöhnlichkeit." Nicht wir sind stur, ihr seid es – auch diese Botschaft war leicht zu entschlüsseln.

Auch in manchen Gesprächen, die nun am Rande der eigentlichen Verhandlungen stattfinden, wird die Schuldfrage immer offener formuliert. Alleine das ist kein gutes Zeichen. Das bestehende Hilfsprogramm für Griechenland läuft am 30. Juni aus; um die darin insgesamt noch vorgesehenen rund 17 Milliarden Euro (inklusive der geblockten Mittel für eine Rekapitalisierung der griechischen Banken) auszahlen zu können, müssten sich Griechenland und die Geldgeber in den nächsten acht Tagen zumindest ansatzweise verständigen. Gelingt das nicht, wäre die bisherige "Rettungspolitik" an ein vorläufiges Ende gekommen.

Zumindest für das jüngste Kapitel in der langen Griechenland-Saga lässt sich die Schuldfrage vergleichsweise einfach beantworten. Als die linke Syriza Ende Januar an die Macht kam, gab es bei den Kreditgebern durchaus die Bereitschaft und die Einsicht, dass man dem griechischen Wählerwillen entgegenkommen musste. Sogar in Berlin traf man Regierungsvertreter, die die Hoffnung formulierten, Syriza könne mit dem alten, verderbten System in Griechenland aufräumen und einen Neuanfang verkörpern. Wie groß der Spielraum für ein Entgegenkommen tatsächlich war, diese Bereitschaft hätte eine kluge Regierung austesten müssen. Syriza hat das Gegenteil getan.

Strategie oder Stümperei?

Statt maßvoll mit dem Willen der eigenen Wähler zu argumentieren, haben Tsipras und seine Mitstreiter versucht, aus dem griechischen Wahlergebnis den Auftrag für eine grundsätzliche Korrektur der europäischen Politik abzuleiten. Statt die Erwartungen im eigenen Land zu moderieren, haben sie sie zusätzlich befeuert. Statt sich in der Eurogruppe Verbündete zu suchen, hat der griechische Finanzminister einen Kollegen nach dem anderen vor den Kopf gestoßen. Und was am schwersten wiegt: Statt zu Hause ernsthaft einen Neuanfang zu versuchen, setzt Syriza manche Unsitte des griechischen Klientelismus nun unter linken Vorzeichen fort.

Ob Ungeschick oder Mutwille, Strategie oder Stümperei – die vorläufige Bilanz der Regierung Tsipras ist verheerend. Die griechischen Wirtschaftsdaten sind abermals eingebrochen; die Fronten in Brüssel sind so verhärtet wie kaum je zuvor; die Chance auf eine Korrektur der europäischen Politik ist vertan.

Sucht man nach einer rationalen Erklärung für das Verhalten der griechischen Regierung, findet man zwei Motive: Zu Hause in Athen ist Tsipras zum Gefangenen seiner eigenen Versprechen geworden; die Idee, möglicherweise in einem Referendum über eine neue Vereinbarung mit den Gläubigern abstimmen zu lassen, kann man als Versuch deuten, aus dieser Gefangenschaft auszubrechen. Am Verhandlungstisch in Brüssel wiederum mag der griechische Ministerpräsident noch immer darauf spekulieren, dass er am längeren Hebel sitzt und die anderen, voran Merkel, schlussendlich doch nachgeben werden. Weil ihnen die politischen und wirtschaftlichen Folgen eines Grexit noch immer zu hoch erscheinen. Und weil die deutsche Kanzlerin zu viel Angst hat, am Ende als böse Buben in der EU da zustehen.

Die Zeichen mehren sich, dass auch dieses griechische Kalkül nicht aufgehen könnte.