Die Lebensader der Fifa

An dem Thema kam zuletzt kein Fernsehzuschauer vorbei. Ob Expertentalk im Morgenmagazin, investigative Berichte in Frontal 21 oder die große Runde bei Jauch und Plasberg: Bei ARD und ZDF lief der Fifa-Skandal in einer Dauerschleife. Mal unterhaltsam, mal hintergründig, fast immer kritisch. Programmauftrag erfüllt, könnte man meinen.

Was dabei selten gesehen wird: Die öffentlich-rechtlichen Sender sind nicht nur Berichterstatter, sondern gleichzeitig einer der wichtigsten Bausteine für die Geldmaschine Fifa. Zwar tauchen in der Öffentlichkeit fast ausschließlich Sponsoren wie adidas oder Coca-Cola auf. Das große Geld verdient die Fifa aber mit TV-Rechten. ARD, ZDF, BBC und Co. zahlen Hunderte Millionen Euro, um mit einer Organisation ins Geschäft zu kommen, die sie auch in ihren eigenen Berichten als hochgradig korrupt entlarven.

"Die Medienrechte sind das Bäreneinkommen im Fifa-Haushalt, hier wird wesentlich mehr erlöst als mit den Sponsoren", sagt Christoph Breuer, Leiter des Instituts für Sportökonomie an der Sporthochschule Köln. Wie viel, darüber gibt es nur Schätzungen. Für die Fußball-WM in Brasilien sollen ARD und ZDF laut Handelsblatt etwa 150 Millionen Euro gezahlt haben, vier Jahre später seien für das Turnier in Russland bereits rund 200 Millionen fällig gewesen. Genaue Summen nennen die Sender nicht und verweisen auf die Vertraulichkeit der Verträge. "Das war schon immer so", sagt ein ZDF-Sprecher auf Anfrage. Auch die ARD verweist auf ein kurzes Statement, darüber hinaus gebe es zu dem Thema keine Auskünfte. Die Auskunftspolitik wirkt merkwürdig bei Fernsehsendern, die in ihren Programmen die Fifa immer wieder auffordern, transparenter zu werden und zum Beispiel die Gehälter der Spitzenfunktionäre offenzulegen.

Ein korruptionsanfälliges Geschäft

Die TV-Sender spielen ein Spiel mit, welches der nun zurückgetretene Präsident Joseph Blatter installiert hat. Der Schweizer hat aus dem Sportverband Fifa eine Geldmaschine gemacht, die mit den größten Sportereignissen – allen voran der Männer-Fußball-WM – Milliarden von Sponsoren und Sendern einnimmt. Die Rechte für die Live-Übertragung werden teils direkt, teils über Vermarktungsagenturen verkauft – ein korruptionsanfälliges Geschäft. "Es ist kein Geheimnis, dass beim Kauf und Verkauf von Medienrechten für die Turniere das meiste Geld die Hände wechselt", sagte Davi Bertoncello, Chef des brasilianischen Sportvermarkters Hello Group, der Nachrichtenagentur Bloomberg. Im Blick hatte Bertoncello dabei den Sportvermarkter José Hawilla, der jahrelang TV-Rechte in Lateinamerika verhandelte. Männer wie Hawilla sind die wirklich Mächtigen in diesem Geschäft, von denen die Öffentlichkeit selten etwas mitbekommt. Für den Experten Bertoncello ist Hawilla denn auch "eine der wichtigsten Personen in diesem Sport". Diese Geschäfte laufen in der überwiegenden Mehrheit zwar im Verborgenen, aber legal ab. Hawillia hat den Versuchungen des Geldes aber trotzdem nicht widerstehen können: Der 71-Jährige ist einer der Drahtzieher im aktuellen Skandal, er hat bereits gestanden.

Bei der Vergabe der begehrten Lizenzen stehen öffentlich-rechtliche Sender im direkten Wettbewerb mit der privaten Konkurrenz. Die Konsequenz: Der Preis steigt. In den TV-Anstalten herrsche der Glaube, "die Rechte nicht ohne Weiteres substituieren zu können", sollte die Konkurrenz mehr bieten, sagt Sportökonom Breuer.

Marketing-Daumenregel: Plus 20 Prozent dank der WM

Die Fußball-WM ist weltweit die wichtigste Plattform, um eine Marke ins rechte Licht zu rücken. Der frühere Markenchef des Fifa-Sponsors Visa, Andrew Woodward, hat in seinem Blog die Daumenregel beschrieben, nach der die Branche kalkuliert: Gut umgesetzt bringe das Sponsoring bei einer WM ein 20 Prozent besseres Ergebnis als konventionelles Marketing. Entsprechend offen sind die Firmen, viel Geld auszugeben. Ein Geschäft, welches sich auch die Öffentlich-Rechtlichen nicht entgehen lassen wollen.

Die Sender sind Teil des Systems

Zwar regt sich auch bei den Sendern Widerstand gegen die Fifa-Praktiken – dieser fällt angesichts der enormen wirtschaftlichen Bedeutung der Fußballturniere aber schmallippig aus. Das ZDF müsse gemeinsam mit den anderen öffentlichen Sendern auf Abhilfe drängen, sagt der Vorsitzende des ZDF-Fernsehrats, Ruprecht Polenz. Vor allem seien hier aber die Fußballverbände gefordert. In Großbritannien, wo der Widerstand gegen die Blatter-Fifa generell stärker ist, kam im Unterhaus zumindest die Frage auf, ob die staatliche Rundfunkanstalt BBC die Fifa noch für die WM-Übertragungsrechte bezahlen sollte, wenn das Finanzgebaren des Weltfußballverbands so anrüchig sei.

Allerdings wissen die Sender genau, dass die Zuschauer sehr wohl zwischen einem korruptionsanfälligen Veranstalter und dem Ereignis Fußball-WM trennen. Laut einer Emnid-Umfrage hält fast die Hälfte der Deutschen die Fifa für eine kriminelle Vereinigung. Polenz argumentiert jedoch, "der Fußball auf dem Spielfeld ist – anders als die Vergabe von Austragungsorten – nicht von Korruptionsvorwürfen betroffen". Seine Schlussfolgerung: "Die Menschen sind als Fußballfans daran interessiert, die Spiele im Fernsehen sehen zu können. Diesem Zuschauerwunsch sollte und wird das ZDF Rechnung tragen."

Sportökonom Breuer sieht darin auch die eigentliche Ursache für die enormen Summen, die von den TV-Anstalten ins Fifa-System gespeist werden: Die Sender bedienten auch nur die Märkte. "Am Ende der Verwertungskette steht der Zuschauer." Solange der weiter Kreditkarten benutze oder die Brause trinke, die im WM-Taumel angepriesen werde, würden sich die Sender um die Rechte bemühen.

Der Ex-Visa-Manager Woodward, der jahrelang Sponsoringdeals abgeschlossen hat, sieht die Wahrnehmung von Fußball inzwischen sehr nüchtern: "Die WM ist das beliebteste Sportereignis der Welt, die Menschen lieben es. Korruption ist ihnen egal." Sie würden einfach nur gerne Fußball gucken.