Man muss sich schon sehr durchringen, um in der Ukraine derzeit überhaupt noch von einer Waffenruhe zu sprechen. Mehr noch, um weiter auf eine Umsetzung des Minsker Friedensabkommens zu hoffen. Gerade jetzt, wo die Ukraine-Sondergesandte der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), Heidi Tagliavini, offenbar resigniert ihr Amt aufgeben will, weil die Lage (wieder einmal) eskaliert und die Kämpfe im Osten des Landes zunehmen. Vom G-7-Gipfel ging deshalb auch eine deutliche Nachricht nach Moskau: Die Sanktionen enden nicht nur erst, wenn die Gründe dafür weggefallen sind. Sie sollen sogar verschärft werden, wenn die Lage in der Ostukraine weiter eskaliert.

Die klare Botschaft von Elmau: Russland muss handeln. In dieser Frage waren sich die sieben Staats- und Regierungschefs schnell einig. Beim Abendessen am Sonntag, in intimer Atmosphäre ohne die Mitarbeiter im Rücken, versicherten sie sich in einer intensiven Debatte ihrer gemeinsamen Haltung im Konflikt mit Russland – das sie dennoch ratlos bleiben lässt: Welche Ziele verfolgt Präsident Wladimir Putin, der unter ihnen keinen Platz mehr hat, am Ende wirklich? Darauf gibt es viele mögliche Antworten, keine davon wird sich in der Abschlusserklärung des Gipfels wiederfinden.

Doch der Krieg, der so viel Leid über das Land gebracht hat, ist in diesen Tagen lange nicht die einzige Sorge des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko. Und deshalb schaute auch die Gipfel-Runde nicht nur darauf. Die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, saß an diesem zweiten Tag in Elmau mit am Tisch – auch wegen der Ukraine.

Die Energiepreise explodieren

Die Zahlen, über die Lagarde sprach, sind brutal: Die Wirtschaftsleistung der Ukraine ist im ersten Quartal um 17,6 Prozent eingebrochen, für das Gesamtjahr ist der IWF nur wenig optimistischer und erwartet ein Minus von 9 Prozent. Die Landeswährung Hrywnja wurde um rund 60 Prozent abgewertet, der IWF rechnet mit einer Inflation von 46 Prozent in diesem Jahr. Die Energiepreise sind kaum noch zu kontrollieren, Gas verteuerte sich innerhalb eines Jahres auf das Neunfache. Staatliche Gehälter und Mindestlöhne, Vergünstigungen und Sonderrenten – so weit es ging, wurde alles eingefroren oder zusammengestrichen. Trotzdem sind die Befürchtungen, das Land könne bankrott gehen, sehr real.

Grundsätzlich will der IWF die Ukraine mit Kredithilfen von 17,5 Milliarden Euro über vier Jahre unterstützen, damit die Wirtschaft nicht vollends abschmiert und das Land vor allem die Schulden bedienen kann. Experten sehen die Auszahlung der nächsten Tranche von 1,7 Milliarden als letzte Rettung vor der Staatspleite.

Bevor die allerdings ausgezahlt wird, verlangt der IWF, dass sich die Ukraine mit den Gläubigern einigt. Die Kreditgeber sollen Zugeständnisse machen. Verhandlungen bringen jedoch seit Wochen keinen Erfolg; Mitte des Monats läuft die Frist aus.

Der japanische Ministerpräsident Shinzō Abe und der kanadische Premier Stephen Harper machten auf ihrer Anreise nach Elmau in Kiew Halt. Sie machen nun Druck, der Ukraine wirtschaftlich noch stärker zu helfen. Die Chancen für eine Art Marshall-Plan für die Ukraine dürften allerdings schlecht stehen: Schon im Vorfeld des Gipfels hieß es, neue Mechanismen oder Geberkonferenzen seien nicht geplant.