Der Ort, an dem Javier Rojas' ganze Hoffnung hängt, liegt rund 180 Kilometer weit von seinem Zuhause entfernt: keine große Entfernung in Rojas' Heimatland Kolumbien. Rojas sehnt sich nach dem Wasser des Sees El Cercado im nordöstlichsten Zipfel des Landes, dem Departement La Guajira. In El Cercado staut sich der Río Ranchería zu einem schimmernden Spiegel, gesäumt von grünen Bergen. Eine Idylle. 

Ganz im Norden aber, wo Javier Rojas herstammt, erinnert nichts an grüne Hügel. Im Gegenteil: Dort ist das Department so karg wie eine Wüste. Schon immer war diese Gegend trocken, aber in den vergangenen Jahren hat es noch weniger geregnet als sonst. Die Wasserknappheit hat sich stark verschärft – und zwar so sehr, dass sie die Existenz seines Volkes bedrohe, sagt Rojas. Das Wasser des Stausees, glaubt er, könnte die Rettung sein.

Rojas ist ein Wayúu. Damit gehört er zur größten indigenen Gemeinschaft Kolumbiens. Ihre mehr als 270.000 Mitglieder siedeln vor allem in der Guajira: meist außerhalb der größeren Städte, in ärmlichen Siedlungen und ohne Anschluss an die öffentliche Infrastruktur. Die Wayúu halten Ziegen und anderes Kleinvieh, sie jagen und fischen, manchmal bauen sie Gemüse an, und sie treiben regen Handel mit Venezuela, wo zahlreich weitere Wayúu-Clans leben.  

"Sie haben uns den Fluss gestohlen"

Die Wayúu sind wehrhaft und das Leben in karger Landschaft gewohnt. Die spanischen Kolonisatoren konnten sie nie ganz unterwerfen. Der aktuelle Wassermangel aber könnte seinem Volk zum Verhängnis werden, sagt Javier Rojas, und verantwortlich dafür sei die kolumbianische Regierung: "Sie haben uns den Fluss gestohlen." Weil der Ranchería-Fluss am Oberlauf durch den See El Cercado gestaut werde, führe er weiter unten kaum noch Wasser. "Er ist praktisch ausgetrocknet. Und jetzt sterben unsere Kinder." Eigentlich ist der See zur Versorgung der größeren Städte in der Guajira gedacht. Aber er ist noch nicht fertig – und selbst wenn, würden die von ihm ausgehenden Wasserleitungen einen großen Teil der Wayúu vermutlich nicht erreichen.

Aufgrund des Wassermangels, sagt Rojas, seien Krankheiten wie die Tuberkulose weit verbreitet. Stillende Mütter bekämen nicht ausreichend zu essen, mehr als 30.000 Kinder seien stark geschwächt, Tausende bereits an Durst und Unterernährung gestorben. Etwa 15 bis 20 Liter Wasser pro Tag hat jede Wayúu-Familie zur Verfügung – zum Vergleich: In Deutschland liegt der Pro-Kopf-Verbrauch bei rund 120 Litern.   

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Rojas’ Zahlen lassen sich nicht überprüfen, denn die Wayúu begraben ihre toten Kinder traditionell auf eigenem Territorium, zumeist ohne das offiziell registrieren zu lassen. Doch unabhängige Stellen bestätigen: Die Guajira leidet unter einer schweren Wasserkrise, und sie trifft vor allem die Wayúu außerhalb der Städte. "Eine signifikante Zahl von Kindern ist in den vergangenen Monaten in der Guajira aus vollkommen vermeidbaren Gründen gestorben", berichtet die Defensoría del Pueblo, eine staatliche Ombudsstelle. Sie seien Unterernährung, Wassermangel und schlechten hygienischen Verhältnissen zum Opfer gefallen. "In ihrer Mehrheit waren es Wayúu."

Damit ist die Guajira noch sehr weit vom künftigen Ziel der Vereinten Nationen entfernt, alle Bürger mit Wasser und sanitärer Infrastruktur zu versorgen. "Der Staat hat uns verlassen", sagt Rojas. "Wir sind völlig auf uns alleine gestellt." Die kolumbianische Regierung verweist auf die Nothilfe, die sie den Bewohnern der Guajira gewähre: Man verteile Nahrungsmittel, versorge Schwangere und stillende Mütter medizinisch, habe sich um Zehntausende unterernährte Kinder gekümmert, baue Brunnen und Meerwasserentsalzungsanlagen.

Hilfsorganisationen kritisieren jedoch, dass dahinter keine langfristige Strategie stecke. "Es ist, als ob man die Hilfe mit dem Fallschirm abwirft und dann verschwindet", sagt die Mitarbeiterin eines kirchlichen Hilfswerks.

Doch das Paradoxe ist: Für die großen Unternehmen in der Region herrscht an Wasser kein Mangel. El Cerrejón ist ein Bergbaukonzern, der im Department einen der größten Kohletagebaue der Welt betreibt. Für die Regierung in Bogotá ist der Bergbau sehr wichtig: Sie nennt ihn eine "Entwicklungslokomotive" für das Land; Deutschland ist ein wichtiger Kunde. Die Bodenschätze sollen Kolumbien Wachstum und Wohlstand bringen.

Wayúu-Anführer Javier Rojas © privat

Cerrejón-Arbeiter leben in einer Siedlung, die der Konzern eigens für sie in die Einöde gestellt hat. Hier sind die Gärten grün, und die staubigen Straßen werden mit Wasser gesprengt. Der Konzern pumpt Grundwasser ab, um den Tagebau trocken zu halten. Durch die Sprengungen, die er zur Exploration vornehme, beschädige er den regionalen Wasserhaushalt zusätzlich, kritisieren Umweltschützer.

Der Grundwasserspiegel sinke, berichtet auch Javier Rojas: "Früher gruben wir nur ein paar Meter tief und fanden sauberes Wasser. Heute müssen wir 50, 60 Meter tief graben, und was wir dann finden, ist brackig. Aber etwas anderes gibt es nicht."

Die große Frage ist: Wo liegt die Hauptursache dafür? Ist es tatsächlich der Stausee, der das Wasser des Ranchería-Flusses zurückhält? Die historische Trockenheit? Der Tagebau von El Cerrejón?