Casimira Rodríguez war 13 Jahre alt, als ihr Kampf gegen die Ausbeutung begann. Dabei schien es an jenem Tag zunächst, als nehme endlich ein besseres Leben seinen Anfang. Eine Dame aus der Stadt Cochabamba kam mit dem Auto in Casimiras Bergdorf, auf der Suche nach einem neuen Hausmädchen. Wenn Casimira für sie arbeite, dann könne sie weiter zur Schule gehen, versprach die Besucherin. "Und du verdienst trotzdem genug, um deine Eltern zu unterstützen."

Das Mädchen verließ die Lehmhütte seiner Eltern – und fand sich in der Stadt in einem 15-Personen-Haushalt wieder, den sie praktisch alleine versorgen sollte. Casimira – lange schwarze Zöpfe, weiter Rock, den traditionellen Schal um die Schultern – putzte, machte Essen, wusch, sie kümmerte sich um die Kinder. "Das Kochen habe ich mir selbst beigebracht", erinnert sich die heute 48-Jährige. "Wenn etwas nicht klappte, haben sie mich schikaniert." Sie war die Erste, die aufstand, und die Letzte, die zu Bett ging. Den versprochenen Lohn, sagt sie, habe sie bis heute nicht erhalten.

Ihre Arbeitgeber fanden das vermutlich völlig normal, denn in Bolivien gelten Hausangestellte meist nicht viel. Etwa 137.000 gibt es im Land, und den meisten ergeht es kaum besser als Casimira. Sie verlassen ihre Heimatdörfer als junge Mädchen, sie kennen ihre Rechte nicht, und weil sie keinen Schulabschluss haben, finden sie keine bessere Arbeit.    

16 Stunden Schwerstarbeit

So arbeiten sie mehr als 16 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche. Sie leisten Schwerstarbeit für ein Bett in einem Verschlag hinter der Küche und für die Essensreste, die vom Tisch der Herrschaften abfallen. Viele erfahren körperliche Gewalt.

Im September wollen die Vereinten Nationen neue Entwicklungsziele verabschieden. Sie sollen auch für die reichen Industriestaaten gelten, nicht nur für die Armen – ein Paradigmenwechsel. Wir stellen jede Woche ein Ziel vor. Ein Klick auf das Bild bringt Sie zur Übersicht.

Solche Zustände wären in einer gerechteren Welt undenkbar. Doch in der Wirklichkeit sind sie Alltag, nicht nur in Bolivien. Deshalb haben die Vereinten Nationen die Forderung nach einer menschenwürdigen Arbeit für alle auf ihre Liste der neuen Entwicklungsziele gesetzt (s. Infobox). Als Voraussetzung dafür sehen sie ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum an, das allen zugute kommen soll. Das Ideal ist Vollbeschäftigung.

Natürlich sind auch viele wohlhabende Industrieländer weit davon entfernt. Aber das Beispiel Boliviens zeigt eindrücklich, warum ein würdevoller Job für so viele Menschen ein Traum bleibt – und was passiert, wenn eine Regierung sich daran macht, etwas zu verändern.

Rassistische Verhältnisse

Bolivien gehört zu den ärmsten Ländern Lateinamerikas, aber das ist nicht das Hauptproblem. Das Hauptproblem ist, dass die gut ausgebildete, weiße Elite in den Städten bis heute naserümpfend auf die indigene Bevölkerungsmehrheit herabsieht. Entsprechend ungleich sind die Chancen verteilt. Wer zum Volk der Quechua, Aymara oder Guaraní gehört, wächst oft in armen Verhältnissen auf und wird am Fortkommen gehindert.

Casimira Rodríguez ist eine Quechua, die es geschafft hat, den Verhältnissen zu trotzen. Jahre hat es gedauert. Den ersten Schritt tat sie Ende der achtziger Jahre: Ein neuer Arbeitgeber erlaubte ihr, die Sonntagnachmittage bei einem kirchlichen Nähzirkel für Hausangestellte zu verbringen. Aus dem Nähzirkel wuchs nach und nach eine Gewerkschaft und es war Casimira, die sie aufbaute. Sie arbeitete nur noch halbtags und widmete den Rest ihrer Zeit der neuen Organisation. Casimira organisierte Proteste, mietete Räume, sprach im Radio und druckte Flugblätter. Die Gruppe wuchs und irgendwann stieg Casimira zur Gewerkschaftschefin auf.