In keinem anderen Land im Euroraum machen Arbeitnehmer im Schnitt so viele Überstunden wie in Deutschland. Und nicht einmal die Hälfte der Überstunden wird vergütet, wie die Infografik zeigt, die das Portal Statista für ZEIT ONLINE erstellt hat. Demnach fielen im vergangenen Jahr insgesamt rund 1,87 Milliarden Überstunden in Deutschland an – davon wurden aber nur 43 Prozent bezahlt, 57 Prozent blieben unbezahlt. Nicht gezählt werden solche Überstunden, die später durch Freizeit ausgeglichen werden, weil sie die Arbeitszeit unter dem Strich nicht verlängern.

Die Grafik zeigt auch, wie sich die durchschnittlich erbrachten Überstunden pro Arbeitnehmer seit der Wiedervereinigung entwickelt haben. Der klarste Trend: Die Tendenz, Überstunden – wenn sie denn schon anfallen – auch zu entlohnen, ist stark gesunken. 1991 wurden von allen Überstunden noch 64 Prozent bezahlt; ein Tiefstand war im Krisenjahr 2009 erreicht, als nur noch 37,5 Prozent aller Überstunden vergütet wurden. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bei der Bundesagentur für Arbeit erklärt den langfristigen Trend unter anderem mit neuen Instrumenten zur Arbeitszeitflexibilisierung, etwa Arbeitszeitkonten.

Insgesamt arbeiten die deutschen Arbeitnehmer heute aber weniger über die vereinbarte Arbeitszeit hinaus als noch in den 1990er Jahren. In den Boomjahren nach der Wiedervereinigung fielen pro Jahr rund 2,5 Milliarden Überstunden an, 2007 – also vor Ausbruch der Wirtschaftskrise – waren es noch 2,1 Milliarden. Inzwischen sind es weniger als zwei Milliarden. Im Krisenjahr 2009 waren es gar nur 1,79 Milliarden.

Im vergangenen Jahr leistete ein Arbeitnehmer im Schnitt 21,1 bezahlte und 27,8 unbezahlte Überstunden. Allerdings unterscheidet sich die Mehrarbeit je nach Branche und Position. Bei Arbeitern fallen eher bezahlte Überstunden an als unbezahlte, während Angestellte in geringerem Umfang bezahlte Überstunden leisten, wie das IAB in einer Studie herausfand. Der Umfang unbezahlter Überstunden steige "mit dem Tätigkeitsniveau und der Position in einem Betrieb" an, betroffen sind vor allem Führungskräfte.

Unbezahlte Mehrarbeit ist zudem im Dienstleistungssektor üblicher als in der Industrie. Ferner leisten vollzeitbeschäftigte Arbeitnehmer generell mehr Überstunden als Teilzeitkräfte. Auch bei einem höheren Arbeitslosigkeitsrisiko seien Beschäftigte eher zu Überstundenarbeit bereit, schreiben die IAB-Forscher. Unbezahlte Mehrheit ist häufig auch Ausdruck der Arbeitskultur in einem Betrieb und kann ein Signal für vermehrten Arbeitsdruck, aber auch für hohe intrinsische Motivation sein.