Arbeitnehmer sind flexibel, Arbeitgeber eher nicht

Rainer K. arbeitet in einem deutschen Unternehmen und hat viele Kunden und Kollegen an der amerikanischen Westküste. Mit denen muss er regelmäßig telefonieren, das tut er spät abends, meist von daheim aus. Oft seilt er sich dafür aber auch aus dem Restaurant ab oder aus Verabredungen mit Freunden und seiner Partnerin. Die anderen finden das störend, er findet es manchmal nervig.

Sein Arbeitgeber aber hat damit ein großes Problem: Denn auch, wenn der Ingenieur mitspielt – strenggenommen könnte Rainer K. darauf pochen, dass er am nächsten Tag vor zehn Uhr morgens nicht im Büro erscheint, wenn er tags zuvor um 23 Uhr so ein Telefonat geführt hat. Danach müsste er eine elfstündige Ruhezeit einhalten. So will es das deutsche Arbeitszeitgesetz. Außerdem arbeitet er oft mehr als acht Stunden am Tag. Laut Gesetz geht auch das nicht.

Ist so etwas heute überhaupt noch zeitgemäß? Das Gesetz von 1994 stammt aus einer Zeit, als es noch kaum Handys gab, erst recht keine Smartphones und mobiles Internet. Aus einer Zeit, in der Arbeiten noch hieß, an einem bestimmten Ort anwesend zu sein, weil es die Flexibilität, wie sie neue Kommunikationsmedien ermöglichen, noch nicht gab. Müsste man dieses Gesetz also nicht längst anpassen an die neue Zeit?

DGB will Flexibilität nur mit Zeiterfassung

Müsste man, findet die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Sie forderte vergangene Woche in einem Thesenpapier, den Achtstundentag abzuschaffen. Mit der Begründung, eine starre Arbeitszeitenregelung behindere die Flexibilität der Arbeitgeber im digitalen Zeitalter. Ohne diese Flexibilität seien Unternehmen im globalen Wettbewerb nicht mehr konkurrenzfähig. Statt der Obergrenze von acht Stunden täglich sollte das Gesetz nur noch eine Obergrenze für die Wochenarbeitszeit enthalten.

Wie lang die sein soll? Dazu äußert sich der BDA zurzeit nicht ausdrücklich: "Durch die Umstellung von einer täglichen auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit würde sich am Umfang der Arbeitszeit nichts ändern. Es würden aber für alle Branchen und alle Arbeitnehmer neue Möglichkeiten geschaffen", sagt ein Sprecher auf Anfrage. Anfang des Jahres hatte der Verband noch öffentlich über die 48-Stunden-Woche gesprochen.

Arbeitet Deutschland also zu unflexibel und vor allem wenig? Davon will Reiner Hoffmann, Vorstand des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), nichts wissen: "Deutsche Arbeitszeiten sind bereits außerordentlich flexibel. Mit der Debatte um die Auswirkung der Digitalisierung wollen die Arbeitgeber nur die Rolle rückwärts bei den Arbeitszeiten einleiten. Immer häufiger wollen die Arbeitgeber die Lage und Länge der Arbeitszeiten zur Disposition stellen. Doch wenn wir mit ihnen über moderne Arbeitszeitmodelle diskutieren, die den Beschäftigten mehr Souveränität ermöglichen, beißen wir regelmäßig auf Granit", so lautet sein Gegenvorwurf an die Unternehmer.

Über Flexibilität könne man mit ihm immer reden, betont der DGB, er habe nichts dagegen, dass Arbeit flexibler geleistet und mit nach Hause genommen würde. Doch dann müsse man die gesamte Arbeitszeit auch besser erfassen. Das könne jeder Mitarbeiter trefflich über Smartphone-Apps. Und mehr als 40 Stunden Wochenarbeitszeit seien mit den Gewerkschaften nicht drin.

Schutz für Arbeitnehmer

Ist das Arbeitszeitgesetz also nun die große Errungenschaft für die Beschäftigten, worauf die Gewerkschaften pochen – oder ein großer Hemmschuh für die moderne Wirtschaft?  

In erster Linie regelt das Arbeitszeitgesetz den Acht-Stunden-Tag, den regulär niemand überschreiten soll sowie die Ruhezeiten. Sein erklärtes Ziel ist dabei der "Gesundheitsschutz der Beschäftigten". Nun können in Ausnahmen auch bis zu zehn Stunden abgeleistet werden, sagt das Gesetz ausdrücklich, doch nicht mehr. Denn diverse Studien von Arbeitsmedizinern hätten ergeben, dass nach acht Stunden bereits die Fehlerquote und die Verletzungsgefahr deutlich ansteige, so sagt es das Arbeitsministerium in der Erklärung des Gesetzes. Zudem belegten Arbeitsmediziner, dass dauerhaft längere Arbeitszeiten die Menschen häufiger krank machen. Stresskrankheiten, Herz-Kreislauf- oder Magen-Darm-Beschwerden nehmen dann zu. "Die Regulierung soll ja dazu dienen, Arbeitnehmer zu schützen", findet Enzo Weber, Leiter des Forschungsbereichs Prognosen und Struktur beim IAB.

Weil der strenge Acht-Stunden-Tag in vielen Berufen nicht einzuhalten ist, etwa in allen Branchen mit Bereitschaftsdiensten, lässt das Gesetz bereits viel Raum für Ausnahmen. Polizei, Feuerwehr, Ärzte, landwirtschaftliche Mitarbeiter und Tierhalter, sie alle dürfen auch mehr als 10 Stunden am Stück arbeiten. Doch nur, wenn die Beschäftigten dafür entschädigt werden und insgesamt nicht mehr als 48 Stunden pro Woche ackern. Spezialregelungen gelten außerdem für Lastwagenfahrer und Busfahrer. Und völlig vom Gesetz ausgenommen sind leitende Angestellte, Chefärzte, Pfleger, die mit den Betreuten zusammenwohnen sowie die Bereiche Luft- und Binnenschifffahrt.

Welche Branchen am längsten arbeiten

Raum für Flexibilität lässt das Gesetz also reichlich. Trotzdem verstößt die Praxis oft dagegen. In rund 42 Prozent der deutschen Arbeitsverträge steht die 40-Stunden-Woche (in den übrigen weniger), tatsächlich arbeiten aber fast zwei Drittel der Deutschen an der gesetzliche Höchstgrenze – oder sogar länger. Besonders in Ordnungs- und Sicherheitsberufen, Verwaltungen und Büros sowie bei Ingenieuren seien Wochenarbeitszeiten von 45, 48 oder gar 50 Stunden die Regel, sagen Statistiken.

Drei Viertel aller Deutschen leisten Überstunden, sagt ein Forschungsbericht des Arbeitsministeriums – und längst nicht immer bezahlte. Jeder Fünfte arbeite jeden Tag ein bis zwei Stunden länger als ihm der Arbeitgeber vergüte. Jeder Siebte sogar zwei bis vier Stunden täglich. Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) findet diese Zahlen zwar zu hoch gegriffen, geht aber auch von zwei Stunden Mehrarbeit pro Woche aus. Die Zahl der Überstunden ist bereits seit Jahren konstant. Davon profitieren deutsche Arbeitgeber erheblich.

Zwar schlüsseln Statistiken auf, dass die Deutschen im Europavergleich nicht gerade zu den am längsten Arbeitenden gehören. "Wir erleben einerseits eine generelle Arbeitszeitverkürzung, weil die Zahl der Teilzeitverträge stark zugenommen hat", sagt Gerhard Bosch, Arbeitszeitforscher von der Universität Duisburg-Essen, "aber ich sehe nicht, dass wir eine Ausweitung der Arbeitszeit brauchen. Denn andererseits sehen wir einen großen Teil von Beschäftigten, der Überstunden macht. Es findet eine Polarisierung statt." 

Deutsche sind schon sehr flexibel

Diejenigen, die in Vollzeit beschäftigt sind, arbeiten immer länger und oft mehr, als das Gesetz erlaubt. Das gilt vor allem für die Branche der Unternehmensberatungen, Hotels und Gaststätten, Transport und Verkehr sowie Medien.

Studien haben auch herausgemeißelt, wann Mitarbeiter am häufigsten "zu viel" leisten: Je älter Mitarbeiter sind, desto mehr Überstunden machen sie. Je größer das Unternehmen, desto eher tun sie es. Wenn es gar nicht erst eine Arbeitszeiterfassung gibt, wie bei Unternehmensberatungen oder Medien, ackern Angestellte am längsten. Müssen Firmen Überstunden dagegen bezahlen oder in Freizeit abgelten, tun sie auch viel, um sie gar nicht erst anfallen zu lassen. Sonst wird es teuer. Und je höher das Gehalt, desto länger werden die Arbeitstage ebenfalls. Doch beim Spitzenpersonal sind Überstunden ja per Arbeitsvertrag mit dem üppigen Gehalt abgegolten. Und leitende Angestellte fallen ohnehin nicht unter das Achtstundengesetz.

Arbeitsforscher Bosch findet jedenfalls: "Wir sind in Europa dasjenige Land mit der höchsten Arbeitszeitflexibilität". Trotz Arbeitszeitgesetz. Deshalb verfangen die Argumente der Arbeitgeber bei ihm nicht: "Bei Unternehmen mit 20.000 Angestellten sind es höchstens 20, die regelmäßig mit Amerika telefonieren. Soll man für die das ganze Gesetz kippen und den Gesundheitsschutz für alle Angestellten aus den Angeln heben? Da hat der Gesetzgeber einen Schutzauftrag."

Auch Enzo Weber vom IAB sagt: "Wegen der Amerikatelefonate kann man die generelle Arbeitszeit nicht einfach heraufsetzen. Und man muss die gesetzlichen Vorgaben auch nicht ändern. Außerdem heißt flexibel zu reagieren nicht nur, die Anforderungen an die Beschäftigten heraufzuschrauben. Auch Familien brauchen mehr Flexibilität, dazu müssten auch die Arbeitgeber ihren Teil beitragen." Ohne dass sich beide Seiten an einen Tisch setzen, sei da gar nichts zu machen, sagen beide Arbeitszeitexperten. Bisher können sie nur froh sein, wenn Angestellte wie Rainer K. freiwillig mitspielten.