Während in Deutschland sehr viel über die griechische Wirtschaftsmisere berichtet wird, gerät eine andere Krise etwas aus dem Blick: die Turbulenzen an den chinesischen Aktienmärkten. Dabei werden wir in beiden Fällen die Folgen noch lange spüren. Der im Januar 2015 angetretenen griechischen Regierung kann man vorhalten, die Rezession durch ihren Widerstand gegen weitreichende marktorientierte Reformen verschärft zu haben. In China hingegen sind die gegenwärtigen Probleme eher auf eine zu weit gehende Liberalisierung zurückzuführen. 

Viele Ökonomen haben die weitere Öffnung der chinesischen Wirtschaft seit Jahren gefordert. Um weiter zu wachsen, brauche das Land ein neues Wirtschaftsmodell, erklärten sie, denn das bisherige auf Export und Investitionen gründende Modell sei nicht nachhaltig. In der Ära von Wen Jiabao und Hu Jintao, die bis 2013 anhielt, hatte der Staat an Einfluss gewonnen. Nun hofften chinesische und ausländische Experten auf eine wachsende Bedeutung des Marktes.

Entsprechend genau analysierten sie die personellen Entscheidungen, welche in Peking 2012 und 2013 getroffen wurden. Die "Pekinologie" war wichtig, um die wirtschaftspolitischen Intentionen der neuen Führung zu erahnen. Alles in allem schien sich durch das neue Personaltableau ein Gleichgewicht zwischen marktorientierten Reformern und Staatskapitalisten abzuzeichnen; im Finanz- und Fiskalbereich allerdings dominierten die Reformer. Daher erwartete man hier eine ambitionierte Öffnung.

Tatsächlich beschloss die neue chinesische Regierung Ende 2013 eine umfangreiche Reformagenda. Sie schuf eine Freihandelszone in Shanghai und trieb die Internationalisierung der Währung Renminbi voran. Später liberalisierte sie auch die Börsen von Shanghai und Shenzhen. Andere Vorstöße der Politik, etwa die Zusammenlegung von Staatsbetrieben, versprachen nicht unbedingt mehr Markt. Doch im Finanzsektor war das der Fall.

Allerdings gab es zwei Herausforderungen: Erstens sank das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes. Staatspräsident Xi Jinping führte deswegen das Mantra des "neuen Normalzustands" ein, das besagt, dass die Qualität des Wachstums wichtiger sei als die Quantität und dass niedrigeres Wachstum in Chinas aktueller Entwicklungsphase zu erwarten sei. Leider scheint die neue Führung selbst an diesem Grundsatz zu zweifeln. Seit Anfang 2015 verspricht sie sieben Prozent Wachstum. Dies zeigt, wie nervös sie angesichts des neuen Normalzustands ist.

Gewagte Hoffnung auf die Börsen

Zweitens wurden die Reformen von einer gnadenlosen Antikorruptionskampagne begleitet. Natürlich kann die Bekämpfung von Korruption ökonomische Reformen unterstützen. Im chinesischen Fall aber hat die Korruptionsbekämpfung durch die Partei die Wirtschaft eher gelähmt; sowohl Stimmung als auch Wachstum sind beeinträchtigt.

Angesichts dieser Probleme hofften die Marktreformer in der politischen Führung offenbar, dass expandierende Finanzmärkte ihnen helfen könnten. In einer Situation, in der die privaten Unternehmen nur wenig investierten, die Konsumnachfrage schwach war und die Staatsunternehmen hoch verschuldet, sollte ein Börsenboom die Wirtschaft ankurbeln. Es war eine gewagte Wette, und es ist anzunehmen, dass sie von Anfang an auf Widerstand stieß.

Anfang 2015 deuteten sich die ersten Probleme an: Die Börsenkurse kamen ins Straucheln. Regierungs- und Parteimedien beeilten sich, zu erklären, dass der Aufwärtstrend anhalten werde. Vordergründig schien das den Finanzsektor zu unterstützen. Tatsächlich aber verleitete es die Anleger dazu, auf weitere – durch die Regierung gestützte – Kursgewinne zu setzen, und gefährdete dadurch wirkliche Marktreformen. Als die Aktienblase dann im Juni und Juli dieses Jahres platzte, verpuffte auch die Idee, dass marktorientierte Reformen über den Finanzsektor angestoßen werden könnten. Stattdessen griff die Regierung massiv in den Markt ein, um die Kurse an den Börsen zu stabilisieren.

Gesichtsverlust für die Reformer

In der Folge ist vielfach auf die Verluste hingewiesen worden, die Kleinanleger durch diese Turbulenzen erlitten haben, und darauf, dass die Regierung das Vertrauen in ihre Marktreformen erschüttert habe. Beides ist richtig. Aber die eigentliche Tragödie liegt darin, dass die Reformer innerhalb der Regierungselite an Gesicht und Einfluss verloren haben. Sofern die Pekinologie in 2013 richtiglag und sie tatsächlich den Finanzsektor nutzen wollten, um die Wirtschaft weiter zu öffnen, so sind sie damit gründlich gescheitert – und zwar nicht nur aus Sicht der Kleinanleger oder internationalen Märkte, sondern insbesondere auch in den Augen ihrer Gegner innerhalb der Regierung.

Das wirft die Frage auf, wer noch in der Lage ist, das chinesische Wirtschaftssystem zu reformieren und ein neues Wachstumsmodell für China zu entwerfen. Die jüngsten Entwicklungen dürften leider jene Kräfte in der Regierung stärken, die am liebsten am Status quo festhalten wollen. Zumindest in naher Zukunft werden die Reformer Schwierigkeiten haben.