ZEIT ONLINE: Die Griechenland-Krise schwelt immer noch, aber der Goldpreis, das Krisenbarometer der Finanzmärkte, stürzt ab. Wie kann das sein?

Wolfgang WrzesniokRoßbach: Natürlich ist in Europa das Augenmerk auf die Griechenland-Krise gerichtet. Unsere Kunden in Deutschland kaufen auch noch im größeren Maße Gold. Aber das weltweite Bild sieht ganz anders aus: In China erleben wir aktive Goldverkäufe, und das ist ein wesentlich größerer Markt als der deutsche oder europäische. Deswegen sinkt der Goldpreis. Auf der Welt wird Gold verkauft, obwohl in Griechenland Krise herrscht.

ZEIT ONLINE: Ist Gold überhaupt noch der wichtigste Krisenindikator der Finanzmärkte?

Wrzesniok: Wenn es eine globale Krise gäbe, dann würde auch weltweit Gold gekauft werden. Momentan sehen viele Leute aber nicht die akute Krise. Ansonsten hängt es immer von den lokalen Gegebenheiten ab, zum Beispiel in China: Dort sind die Aktienmärkte zuletzt stark eingebrochen, und es wurde viel Gold verkauft. Warum? Chinesen haben mit Aktien spekuliert und zwar auf Kredit. Durch den Kurssturz waren die Aktien nicht mehr werthaltig genug, deshalb mussten sie Kapital nachschießen auf ihre Kredite. Dazu haben sie Gold verkauft, was zum fallenden Preis führte. Wenn Sie so wollen, hat Gold also genau in dieser Zeit seinen Ruf als ultimative Reserve erfüllt. Es hatte seinen Wert behalten und wurde deshalb verflüssigt.

ZEIT ONLINE: Kaufen die Deutschen derzeit weiter Gold, weil sie davon ausgehen, die Krise in der EU sei noch nicht überwunden?

Wrzesniok: Ganz eindeutig. Hier in Deutschland trauen viele dem Braten noch nicht. Eine Umfrage von uns unter Kunden hat ergeben: Drei Viertel unserer Kunden sagen, dass sie weitere Käufe planen. Trotz des gefallenen Preises. Wir hatten grundsätzlich in diesem Jahr eine Steigerung der Käufe zwischen 30 und 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Und seit dem kurzzeitigen Kollaps des Goldpreises am Montagmorgen hat sich die Nachfrage noch einmal erhöht um 30 bis 50 Prozent gegenüber den Vorwochen. Der Rückschluss, der sich daraus ziehen lässt: Die Kunden in Deutschland haben schon längst die Entscheidung getroffen, dass sie noch mehr Gold im Portfolio haben möchten. Aber es gibt keine Panik. Niemand setzt jetzt 100 Prozent auf Gold, weil er denkt, dass die Welt untergeht.

ZEIT ONLINE: Wie ist es denn für Sie als Händler, selbst mit diesem Kriseninstrument zu handeln? Sie profitieren ja davon, dass der Preis steigt, weil irgendwo auf der Welt eine Krise ausbricht?

Wrzesniok: Das würde ich anders sehen. Ich glaube, dass Gold eine Versicherung ist gegen etwas, was im Weltwährungssystem passieren kann oder in Europa rund um den Euro und die Schuldenkrise. Aber dass ich mich darüber freuen würde, wenn unsere Haltung bestätigt würde, das ist nicht der Fall. Das wäre ja so, als würde sich eine Versicherung freuen, wenn ein schlechtes Ereignis eintritt, gegen das sie ihre Kunden absichern will. Wir sehen jedenfalls nicht den Weltuntergang voraus, propagieren den auch nicht, sondern Gold ist eine Portfoliobeimischung, und so sehen wir es auch. Im Übrigen verkaufen wir ja auch Altgold und Schmuck.

ZEIT ONLINE: In letzter Zeit gleicht Gold aber eher einem Zockerpapier als einer soliden Versicherung. Die Schwankungen am Markt sind erheblich.

Wrzesniok: Die Geschichte des Goldes als Versicherung fürs Vermögen dauert nun schon 6.000 Jahre an, die hat schon viel Auf und Ab beim Goldpreis überstanden. Deshalb ist der Begriff Zockerpapier nicht richtig. Natürlich gibt es das, zum Beispiel bei dem Anstieg, den wir bis auf 1.900 Dollar je Unze gesehen haben. Das war übertrieben nach oben. Aber die Frage nach dem Zockerpapier würden Sie doch auch niemandem stellen, der Aktien verkauft.

ZEIT ONLINE: Kommt ganz darauf an, welche er verkauft. Einer Ihrer Kollegen sagt allerdings, das Gold stecke schon seit 6.000 Jahren in einer Blase.

Wrzesniok: Das ist eine interessante Ansicht, aber Gold ist doch etwas, auf das sich alle Kulturen der Welt aufgrund seiner Eigenschaften als Wertträger einigen konnten. Natürlich kann man sagen, es ist eigentlich für nichts gut, außer für Schmuck und bestimmte industrielle Anwendungen. Aber es hat gewisse Vorteile: Es ist nicht künstlich herstellbar, es ist überall anerkannt, leicht transportierbar, es hat ein geringes Volumen, ist aber sehr werthaltig, ein Kilo ist so groß wie eine Zigarettenschachtel und ist 35.000 Euro wert. Deshalb hat sich die Menschheit darauf geeinigt, dass Gold ein ultimativer Maßstab ist.

ZEIT ONLINE: Aber ist es Privatleuten wirklich noch als Wertanlage zu empfehlen? Langfristig über 100 Jahre mag es seinen Wert annähernd behalten, aber angesichts der Kurssprünge kann man auf 30 oder 40 Jahre gesehen viel Geld damit verlieren. Zuletzt von den achtziger Jahren bis 2005.

Wrzesniok: Das ist wie mit jeder Geldanlage. Wenn jemand zocken möchte, dann setzt er darauf, dass der Goldpreis mal fünf Prozent sinkt oder acht Prozent steigt. Wenn Sie zocken wollen, ist Gold genau so ein Finanzprodukt wie jedes andere. Aber das treibt nicht die Anleger um, die physisches Gold kaufen und eben keinen Optionsschein oder Zertifikat. Die wollen die Sicherheit haben und das Gold auch mitnehmen. Wenn Sie aber zum Beispiel den Goldpreis nicht in Dollar nehmen, sondern in Euro, dann ist er in den vergangenen Monaten um 10 bis 15 Prozent gestiegen – und damit mehr als die Aktienmärkte in diesem Zeitraum. Es hat damit den Verlust, den der Euro erlitten hat, für uns Europäer mehr als aufgewogen.

ZEIT ONLINE: Wohin geht es nun nach dem Kurssturz?

Wrzesniok: Wir werden weiter Kursschwankungen haben, keine Frage. Der Preis kann auch noch einmal fallen. Aber wenn Sie mich fragen: Fällt er eher auf 1.000 Dollar oder steigt es innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre eher auf 1.500? Dann sage ich: Letzteres. Weil ich glaube – ohne absoluter Schwarzmaler zu sein –, dass die Schuldenkrise, die mit der weltweiten Finanzkrise 2008 begonnen hat, noch nicht vorbei ist. Es gibt auch noch einige fundamentale Gründe: Die Goldproduktion wird wieder fallen, es wird viel weniger Angebot in Form von Altgold auf den Markt kommen, generell wird die Weltbevölkerung im Durchschnitt reicher, und sie wird ihr Vermögen absichern wollen. Und man wird auch in Deutschland wieder Gold in Form von Schmuck neu entdecken. Das spricht dafür, dass der Goldpreis wieder steigt.

ZEIT ONLINE: Viele sehen aber eine Blase beim Gold. Sie nicht?

Wrzesniok: Nein, die Blase hatten wir bei 1.900 Dollar je Unze. Der Kurs hat sich jetzt fast halbiert. Und wir haben Produktionskosten von 1.350 Dollar, also weit über dem aktuellen Goldkurs. Man kann mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass sehr viele Minen weltweit nicht auf Jahre hinaus gesehen Verlust machen werden. Eine Blase lässt sich hier beim besten Willen also nicht erkennen.