Griechenland: Großdemonstrationen für und gegen Tsipras-Kurs
Ein Nein im Referendum heiße ein würdevolles Leben in Europa, so Tsipras. Laut Varoufakis ist eine Einigung sicher – egal wie abgestimmt wird. Das Live-Blog vom 3. Juli
In Griechenland haben mehrere zehntausend Menschen die Regierung unterstützt. Auf dem Syntagma-Platz vor dem Parlamentsgebäude sprachen sie sich für ein Nein im Referendum am Sonntag aus. Premierminister Alexis Tsipras rief das Volk von der Bühne aus auf, erneut Geschichte zu schreiben. "Lasst uns Europa nicht in den Händen derjenigen lassen, die seine demokratische Tradition ersticken wollen", sagte Tsipras vor geschätzten 30.000 Teilnehmern. Zeitgleich demonstrierten rund 17.000 Menschen am nahe gelegenen Panathinaiko-Stadions für ein "Ja".
Ein Nein im Referendum würde einen besseren Deal für Griechenland bedeuten, sagte Finanzminister Yanis Varoufakis dem irischen Radiosender RTE (Minute 7:23). Von der EU habe die Regierung diese Woche sehr annehmbare neue Vorschläge erhalten. Da der Internationale Währungsfond (IWF) mittlerweile einen Schuldenschnitt unterstütze, würden Griechenland nach einem Nein ein Teil der Schulden erlassen. Sollten die Griechen mit Ja stimmen, würde die Regierung umgehend den Gläubigervorschlag vom 25. Juni unterschreiben. So oder so sei eine Einigung mit den Gläubigern bereits mehr oder weniger erreicht.
In einer Fernsehansprache konkretisierte Tsipras die Forderungen. Griechenland müssten 30 Prozent der Schulden erlassen werde. Für die übrigen Schulden verlangte er eine "Gnadenfrist von 20 Jahren."
Der Euro-Rettungsfond ESM erklärte Griechenland offiziell für zahlungsunfähig. Es folgte damit dem IWF, der die zuletzt fällige Rate von Griechenland nicht bekommen hatte.
Griechenland braucht weitere 50 Milliarden
Laut IWF benötigt Griechenland bis 2018 weitere Hilfen in Höhe von 50 Milliarden Euro. Die Schuldenlast sei nicht tragbar, ein Schuldenschnitt unumgänglich, heißt es in einem Bericht. Dessen Veröffentlichung so kurz vor dem Referendum hatten nach Reuters-Informationen die Euro-Länder zu verhindern versucht. Andere Länder, allen voran die USA, hätten jedoch darauf gedrungen, dem Volk die Fakten zugänglich zu machen.
Der griechische Staatsrat erklärte das Referendum für rechtens. Die Klage, es sei verfassungswidrig, weil die Verfassung keine Volksabstimmungen über finanzpolitische Fragen zulasse, wurde abgewiesen.
Letzte Umfragen lassen keine Vorhersagen über den Ausgang der Abstimmung zu. Demnach gaben 44,8 Prozent der Befragten an, sie würden mit Ja stimmen, 43,4 Prozent mit Nein. Der Rest sei noch unentschieden.
Die aktuellen Ereignisse lesen Sie hier, unseren Live-Blog von Freitag hier:
Jenny Becker
Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis hat gesagt, dass eine Einigung mit den Gläubigern unmittelbar nach dem Referendum folgen wird – unabhängig davon, wie es ausgeht.
Sollten die Griechen im Referendum mehrheitlich mit Ja stimmen, würde die Regierung "einfach über der gestrichelten Linie des Vorschlags vom 25. Juni" unterschreiben, sagte er dem irischen Radiosender RTE (Minute 7:23). Für den Fall, dass das Volk mit Nein stimmt, seien bereits auf vertraulichem Wege neue Vorschläge von den Gläubigern eingegangen. Die Regierung habe von der EU in dieser Woche sehr annehmbare Vorschläge erhalten. "A deal is more or less done", sagte Varoufakis, eine Einigung sei mehr oder weniger bereits erzielt.
Ein Nein würde zu einem besseren Deal führen, so Varoufakis. Da der IWF sich für einen Schuldenschnitt ausspreche, würde ein Nein zu einem Schuldenschnitt für die Griechen führen.
Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem widersprach in der niederländischen Zeitung de Volkskrant. Es habe keine neuen Vorschläge gegeben. Das habe sich Varoufakis ausgedacht.
Jenny Becker
Jenny Becker
Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass Vertreter der Euro-Zone beim IWF offenbar versucht haben, die Veröffentlichung des Berichts über die Schuldensituation Griechenlands zu verhindern. Die Europäer hätten Einwände gegen den Zeitpunkt der Publikation gehabt. Andere Länder, allen voran die USA, hätten sich aber durchgesetzt.
Der IWF-Bericht war am Donnerstag öffentlich geworden. Darin heißt es, Griechenland habe etwa 50 Milliarden Euro zusätzlichen Finanzbedarf – und brauche wohl einen Schuldenschnitt. Der IWF stellte sich damit den EU-Finanzministern und insbesondere der deutschen Regierung entgegen, die sich weigert, Griechenland einen Teil der Schulden zu erlassen.
ZEIT-Redakteur Mark Schieritz hatte sich in seinem Blog-Eintrag gewundert, warum der Bericht erst zu diesem Zeitpunkt veröffentlicht wurde, hätte er doch eine Einigung mit der griechischen Regierung wahrscheinlicher gemacht.
In seiner Fernsehansprache heute verwies Tsipras auf das IWF-Dokument. Es bestätige, was offensichtlich sei - die griechischen Schuldenlast sei untragbar.
Jenny Becker
Tsipras hielt eine Rede vor seinen Anhängern, die sich auf dem
Syntagma-Platz versammelt haben. Er rief einmal mehr zu einem „Nein“ im
Referendum auf. „Lasst uns Europa nicht in den Händen derjenigen lassen,
die seine demokratische Tradition ersticken wollen“, sagte Tsipras vor
geschätzten 30.000 Teilnehmern. Die Griechen würden ohne Schwerter
und scharfe Munition kämpfen. Dafür hätten sie das Recht auf ihrer
Seite. Er rief dazu auf, erneut Geschichte zu schreiben. „Am Sonntag
werden wir nicht nur einfach über unseren Verbleib in Europa
entscheiden, sondern über die Frage, ob wir mit Würde in Europa
bleiben.“ Die Griechen müssten sich gegen Ultimaten wehren und gegen
"diejenigen, die Euch terrorisieren".
Unterstützung erhielt die griechische Regierung auch außerhalb ihres Landes. In Berlin, Frankfurt, Freiburg und Stuttgart kamen jeweils ein paar Hundert Demonstranten zusammen, die sich gegen die Sparvorlagen aussprachen. In Brüssel zählte die Polizei 3.000 "Nein"-Teilnehmer.
Auf der „Ja“-Demo
kritisierte der Athener Bürgermeister Giorgos Kaminis die
Tsipras-Regierung. Sie behaupte innerhalb von 48 Stunden nach dem
Referendum einen Deal abzuschließen, dabei rede keiner der Gläubiger mit
ihnen. Kaminis gewann 2010 die Bürgermeisterwahl als unabhängiger
Kandidat mit Unterstützung verschiedener Parteien, unter anderem der
oppositionellen Pasok.
Jenny Becker
Die Tsipras-Rede wurde wohl nicht in voller Länge im griechischen Fernsehen gezeigt. Wie die Korrespondentin des Guardian, Helena Smith, schrieb, zeigen die Medien relativ offen ihre politische Haltung und setzen sich für ein "Ja" im Referendum ein.
Jenny Becker
BBC-Korrespondent Chris Morris filmt von einem Dach am Syntagma-Platz die Menge der "Nein"-Demonstranten.
Jenny Becker
Ob 25.000 nicht etwas wenig geschätzt ist? Fotos der gerade
stattfindenden "Nein"-Demonstration lassen deutlich mehr Teilnehmer
vermuten. Ein Korrespondent der BBC schreibt, dass sei die wohl größte
Demo, die er je auf dem Syntagma in Athen gesehen hat. Fragt sich, wie
diese vielen Menschen reagieren werden, sollte das Referendum knapp mit
"Ja" enden.
Jenny Becker
Alexis Tsipras sucht die Nähe zu seinen Anhängern: Auf Twitter gab er
bekannt, dass er gleich zu den "Nein"-Demonstranten sprechen wird. Dort haben sich nach dpa-Angaben 25.000 Menschen versammelt. Die Teilnehmerzahl der "Ja"-Proteste wurde auf 17.000 geschätzt.
Sybille Klormann
US-Senatoren haben an IWF-Chefin Lagarde einen Brief verschickt, in dem sie vor den Konsequenzen warnen, sollte im Schuldenstreit mit Griechenland keine zufriedenstellende Lösung erzielt werden. US-Manager haben in Griechenland Milliarden investiert in der Hoffnung auf Reformen, inwieweit sie betroffen sind, hat unser USA-Korrespondent Thorsten Schröder hier aufgeschrieben.
Sybille Klormann
Wie gespalten das Land vor dem Referendum ist, zeigt sich zur Stunde eindrücklich auf Athens Straßen: Vor dem Parlamentsgebäude demonstrieren Tausende Gegner der Sparpolitik. Gleichzeitig sind nicht weniger Ja-Anhänger vor dem alten Olympiastadion Panathinaikon versammelt unter dem Motto "Wir bleiben in Europa".
Sybille Klormann
...und tatsächlich bleiben sie diesmal nicht ganz friedlich. Unser Reporter Steffen Dobbert ist mittlerweile im Zentrum von Athen unterwegs und schildert Eindrücke via Twitter.
Sybille Klormann
Wieder gibt es in Athen Proteste...
Sybille Klormann
Eine neue Umfrage von heute Abend sagt eine äußerst knappe Entscheidung für Sonntag voraus.
41,7 Prozent der Befragten zeigen sich demnach mit den Forderungen der
Gläubiger einverstanden, 41,1 Prozent kündigten ein Nein an, hieß es laut dem Nachrichtenportal To ProtoThema. Befragt
wurden landesweit 1.400 Menschen.
Sybille Klormann
Der griechische Staatsrat hat soeben entschieden: Das Referendum ist gültig – und kann damit am Sonntag stattfinden. Die Kläger hatten den knappen Zeitraum zur Vorbereitung und eine
unklare und zu komplexe Fragestellung moniert. "Das Referendum wird normal stattfinden", sagte nun Gerichtspräsident Nikos Sakellariou.
Die
beiden Kläger hatten weiter erklärt, das Referendum sei verfassungswidrig,
weil die Verfassung keine Volksabstimmungen über finanzpolitische Fragen
zulasse. Die Begründung des Staatsrats für die Ablehnung der Klagen
sollte noch am Abend veröffentlicht werden.
Sybille Klormann
Die 60-Euro-Regel bleibt bestehen. Die griechische Regierung und die Banken haben nach Rücksprache bestätigt, dass jeder Grieche weiterhin 60 Euro pro Tag abheben darf. Aus Angst, den Banken könnte das Geld ausgehen, war zuvor auch die Rede von 20 Euro täglich.