Wie immer nach einem Tag der Entscheidung für Griechenland erwacht Europa im gleichen Muster. Nichts ist entschieden, noch weniger ist klar. Neue Gipfel werden anberaumt, Finanzminister, Staats- und Regierungschefs wenden kostbare Zeit auf, um sich wieder und wieder mit diesem südöstlichen Zipfel Europas zu befassen. Das Verhandeln und Feilschen auf europäischer Bühne scheint kein Ende zu nehmen.

Dazwischen sind ein paar Emotionen gestreut, einige haben die "Faxen dicke", andere reisen beleidigt ab. In den Talkshows vor allem in Deutschland und Griechenland wird das Thema dann häppchengerecht aufbereitet, und alle Seiten dürfen sich ihre vorbereiteten Sprachhülsen um die Ohren hauen. Das Ergebnis ist viel Lärm, aber kein Erkenntnisgewinn. Die einzig fassbare Veränderung ist die zunehmende Erschöpfung aller Beteiligten; die sinkende Geduld, besonnen nach einer Lösung zu suchen; die verbale Aufrüstung und Verrohung.

Diese Tage der griechischen Landschildkröte lähmen Europa, lassen Griechenland in der Ungewissheit hängen und bringen uns in der Sache keinen Schritt weiter. Mit dem Referendum wurde diese Logik noch einmal auf die Spitze getrieben. Da hat eine Regierung zu einem der stärksten demokratischen Mittel gegriffen und seine Bürgerinnen und Bürger abstimmen lassen. Und am Tag darauf: Business as usual. Stell dir vor, es ist Referendum, und danach passiert – nichts.

Das ist der Albtraum eines jeden überzeugten Europäers, der die Union als das entscheidende Vehikel betrachtet, um eine lebendige Demokratie, funktionierende Marktwirtschaft und ein verständnisvolles Miteinander zwischen den einst verfeindeten Völkern zu schaffen. Europa hat seit 2010 keine Antwort auf die Frage gefunden, wie man mit einem Staat umgeht, der in Not geraten ist. Stattdessen wird gefragt, wer daran die Schuld trägt.

Grexit wäre verantwortungslos

Der größte und reichste Wirtschaftsraum der Welt hat es nicht geschafft, einer Volkswirtschaft in der Größe von Hessen zu Wachstum zu verhelfen und den Menschen darin eine Perspektive zu geben. Die gleiche betrübliche Bilanz muss man auch den griechischen Regierungen ausstellen. Sie alle haben mehr oder weniger brav die Medikamente der Troika eingenommen, selbst aber kaum Ideen zur Gesundung präsentiert. Das ist umso bedauerlicher, weil die Kenntnis der Problemlage dort deutlich ausgeprägter war als bei den europäischen oder amerikanischen Krisenbeobachtern.

Was also kann getan werden, um den ewig erscheinenden Krisenkreislauf zu durchbrechen? Die simple Lösung vieler ist der Grexit: Sollen die Griechen die Suppe doch selbst auslöffeln, Europa leistet dann humanitäre Hilfe und macht sich sonst schlank.

Das ist in zweierlei Hinsicht unvertretbar. Erstens hat Europa seit 2010 in Griechenland mitregiert und sein wichtigstes Ziel, die Stabilisierung der Eurozone, erreicht. Das Ergebnis dieser Politik im Land allein Athen zu überlassen, wäre verantwortungslos. Zweitens ist der Grexit die sozial ungerechteste Lösung. Verlieren werden Rentner und Arbeitnehmer, deren Einkommen dann nur noch die Hälfte wert sind; gewinnen werden Steuerflüchtige, die ihr Geld im Ausland geparkt haben. Die in der Krise gewachsene Ungleichheit in Griechenland würde noch ausgeprägter werden.

Die schwierige, aber verantwortungsvolle Lösung ist, aus dem Krisenkreislauf herauszutreten und zwei Grundfragen zu beantworten. Das Vorbild für den Schritt aus dem Kreis bietet erstaunlicherweise eine Allianz aus dem Europäischen Parlament und dem IWF. Beide haben etwas getan, was weder die Eurogruppe und die EZB noch die griechische Regierung bisher unternommen haben: Sie haben das in Griechenland seit 2010 angewandte Programm des Sparens und Reformierens evaluiert. Die Überprüfung der eigenen Annahmen, ein Hinterfragen der Prinzipien des Programms und eine ehrliche Bilanz seiner Erfolge und Misserfolge müssen die Grundlage für einen Neuanfang sein.