Wie weit sind Himmel und Hölle voneinander entfernt? Es sind etwa 700 Meter – ich habe es am Montag selbst gemessen.

Am Morgen nach dem Referendum ging ich in die Apotheke in meinem Viertel. Mein Apotheker war zuversichtlich, dass das überzeugende Nein-Ergebnis des Vorabends Gutes für Griechenland bewirken würde. "Alles wird gut", sagte er. Ich ging nach Hause und traf zufällig meinen Nachbarn. Seine Sicht des Referendums war eine völlig andere. "Jetzt sind wir verloren", sagte er zu mir.

Diese kurze Episode bringt die kollektive Schizophrenie, unter der die Griechen leiden, auf den Punkt. Wir schwanken nicht erst seit dem Referendum zwischen Himmel und Hölle, auch nicht erst seit die Wahlen im Januar Syriza an die Macht brachten. Die Griechen leben seit dem ersten Rettungspaket 2010 am Abgrund.

In den vergangenen fünf Jahren haben die meisten Griechen beinahe täglich einen seelischen Kampf durchgemacht, wenn sie an die Zukunft ihres Landes dachten und daran, wie diese sie betreffen würde. Wird es weitere Hilfe geben? Was werden die neuen Maßnahmen auslösen? Wird die Troika ihre Überprüfung beenden? Wird die Regierung weitere Sparvorgaben erfüllen müssen? Wird mein Lohn pünktlich bezahlt werden? Werde ich nächste Woche noch einen Job haben? Wird es bald wieder Wahlen geben? Wird Griechenland im Euro bleiben?

Die Stille vor dem Automaten

Diese Fragen stellen wir uns seit fünf Jahren regelmäßig. An manchen Tagen lassen sich darauf glaubhaft optimistische Antworten finden. An anderen gibt es keine überzeugende Reaktion darauf und die Zukunft sieht düster aus. Es ist kein Wunder, dass immer mehr Griechen in den vergangenen Jahren wegen psychischer Erkrankungen Hilfe gesucht haben.

Logischerweise ist die psychische Belastung für die Griechen enorm gewachsen, seit vor ein paar Tagen Banken geschlossen und Kapitalkontrollen eingeführt wurden. Allerdings ist etwas Überraschendes passiert: Anders als viele, mich eingeschlossen, erwartet haben, ist es relativ ruhig geblieben. Die Griechen sind nicht in Panik verfallen. Die Leute stellen sich geduldig an, manchmal stundenlang, um ihre täglichen 60 Euro aus den Bankautomaten zu bekommen.

Natürlich gibt es gelegentlich Auseinandersetzungen und Rufe der Verzweiflung. Aber schon in den besten Zeiten sind die Griechen notorisch ungeduldig. Jetzt zu sehen, wie sie ruhig in einer Schlange stehen, ist deshalb unglaublich. Was sofort auffällt, ist die Stille. Nur wenige sprechen, die meisten stehen nur da und denken nach. Das ist ein weiteres Zeichen für die Verinnerlichung dieser Krise. Während die Griechen warten, bis sie ihr Geld bekommen, fragen sie sich, wie es dazu kommen konnte und wie sie aus diesem Schlamassel wieder herauskommen sollen. Sie fragen sich, ob ihre Ersparnisse noch da sein werden, wenn sie das nächste Mal in der Schlange stehen, oder ob sie stattdessen für die humanitäre Hilfe anstehen werden, die EU-Ratspräsident Donald Tusk für den Fall eines Grexit versprochen hat.