Griechenland-Krise: Mehrheit der Deutschen ist für das Referendum

60 Prozent der Deutschen befürworten eine Volksabstimmung. Laut IWF benötigt das Land weitere 50 Milliarden Euro. Das Live-Blog vom 2. Juli
Die Wörter Ja (nai) und Nein (oxi) in einer griechischen Zeitung an einem Kiosk in Athen © Chris Ratcliffe/Bloomberg/Getty Images

Die aktuellen Ereignisse in Griechenland lesen Sie hier.

Laut Internationale Währungsfonds braucht Griechenland bis 2018 weitere Hilfen in Höhe von 50 Milliarden Euro. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch war das zweite Hilfsprogramm für Griechenland ausgelaufen, die fällige IWF-Kreditrate von rund 1,5 Milliarden Euro wurde nicht überwiesen – Griechenland ist faktisch zahlungsunfähig.  

Griechenlands Ministerpräsident Tsipras hat bekräftigt, dass das Referendum am Sonntag stattfindet. Die Euro-Finanzminister wollen erst nach der Volksabstimmung über neue Finanzhilfe verhandeln, die Gespräche wurden vorerst ausgesetzt.  

In einem Brief hat Tsipras die Auflagen der Gläubiger nun größtenteils akzeptiert – allerdings stoßen einige seiner Änderungswünsche immer noch auf Ablehnung in der Eurogruppe.

Laut einer Umfrage sind 60 Prozent der befragten Deutschen dafür, das griechische Volk abstimmen zu lassen. Gespalten sind die Deutschen aber bei der Frage, ob Griechenland in der Eurozone bleiben soll. 

In Frankreich hingen Tausende auf die Straße, um die griechische Regierung zu unterstützen. Sie sehen im Staatsbankrott eine "Katastrophe für die Eurozone und den Finanzplaneten".

Die Europäische Zentralbank hatte den Rahmen der Notkredite für die griechischen Banken nicht ausgeweitet. Griechische Banken und Börsen bleiben deshalb geschlossen, Geldabhebungen und Überweisungen ins Ausland sind reglementiert.
Über die Zerrissenheit der griechischen Regierung vor dem Referendum berichtet Zacharias Zacharakis aus Athen. Fragen und Antworten zur Lage finden Sie hier
Die Ereignisse vom Mittwoch zum Nachlesen in unserem Blog gibt es hier.


  • 22:46 Uhr
    Jenny Becker

    Für den ARD-"Deutschlandtrend" wurden 1001 Deutsche zur Griechenland-Krise befragt: Die Hauptverantwortung für die Eskalation sehen mehr als zwei Drittel (68 Prozent) bei der Regierung von Alexis Tsipras. Nur vier Prozent machen die anderen Euro-Länder dafür verantwortlich. Ein Viertel der Deutschen (24 Prozent) sieht die Verantwortung bei beiden gleichermaßen.

    Das für Sonntag geplante Referendum stößt bei den Deutschen auf Zustimmung. 60 Prozent der Befragten finden es richtig, das griechische Volk abstimmen zu lassen. Bei der Frage, ob Griechenland in der Eurozone verbleiben soll, sind die Deutschen gespalten. 45 Prozent sind dafür, genauso viele lehnen das ab.

    Bei einem möglichen Staatsbankrott Griechenlands machen sich mehr als zwei Drittel (69 Prozent) der Befragten große oder sehr große Sorgen um die Situation der griechischen Bevölkerung. Ein knappes Viertel (24 Prozent) macht sich große oder sehr große Sorgen um die deutsche Wirtschaft, 31 Prozent sorgen sich um den Zusammenhalt der EU, 19 Prozent um ihre persönlichen Ersparnisse.

  • 22:12 Uhr
    Jenny Becker

    Tausende Franzosen haben für den Kurs der griechischen Regierung demonstriert. Auf Aufruf mehrerer Gewerkschaften zogen sie durch Paris und skandierten "Solidarität mit dem griechischen Volk" oder "Widerstand in Griechenland, in Frankreich". Ein Staatsbankrott Griechenlands sei "eine Katastrophe für die Eurozone und den Finanzplaneten", sage der linke Europaabgeordnete Jean-Luc Mélenchon, der in vorderster Reihe ging. Was derzeit passiere, ziele auf den Sturz der Regierung unter Ministerpräsident Tsipras ab. Auch in anderen französischen Städten, unter anderem in Toulouse, fanden am Abend Solidaritätskundgebungen mit Griechenland statt.

  • 21:02 Uhr
    Jenny Becker

    Die griechischen Banken fordern zum Geldeinzahlen auf! Die drei größten Banken nehmen nun wieder Einzahlungen ihrer Kunden entgegen, teilten die Nationalbank, die Bank von Piräus und die Alpha Bank mit. Die Regelung gelte in den meisten der rund 800 Filialen des Landes. Die Geldbestände der Banken sind durch die massenhaften Abhebungen der Griechen stark geschrumpft.

    In den für Rentner geöffneten Filialen sollen nun auch Überweisungen zwischen Konten innerhalb Griechenlands sowie die Anmeldung zum Online-Banking möglich sein.

  • 20:55 Uhr
    Jenny Becker

    Im Interview mit dem griechischen Sender ANT1 sagte Tsipras den Griechen, die Bankenschließungen seien bald vorbei. Die gegenwärtigen Probleme würden "nicht lange dauern". Er erwarte eine Einigung mit den Gläubigern 48 Stunden nach dem Referendum am Sonntag. In Anbetracht der Schlangen vor den Geldautomaten sprach er von "peinlichen Szenen". An diesen seien die Eurozonen-Partner Schuld, die die Europäische Zentralbank gezwungen hätten, die für die griechischen Banken wichtige Unterstützung einzufrieren.

    Constantine Michalos, Präsident der Athener Industrie- und Handelskammer, glaubt nicht an solche Versprechen. Er sagte dem britischen Telegraph: "Jeder, der denkt, die Banken würden am Dienstag wieder öffnen, träumt."

  • 19:21 Uhr
    Steffi Dobmeier

    An dem Votum am Sonntag können nur Griechen teilnehmen, die auch in Griechenland sind an diesem Tag. Um es auch anderen Landsleuten zu ermöglichen, ihre Stimme beim Referendum abzugeben, setzt die Fluggesellschaft Aegean Airways am Sonntag und am Montag zusätzliche Flüge ab Brüssel und London ein. Sie sind auch billiger als sonst: 199 Euro von Brüssel nach Athen und zurück, 148 britische Pfund (etwa 208 Euro) von London aus.

  • 19:02 Uhr
    Steffi Dobmeier

    Huch! Das sind Worte, die das Verhältnis zwischen der Eurogruppe und Griechenland nicht unbedingt verbessern. Martin Schulz, Präsident des Europaparlaments, sagt über Alexis Tsipras im Handelsblatt, dieser sei "unberechenbar und manipuliert die Menschen in Griechenland, das hat fast demagogische Züge". Sein Glaube an die Verhandlungsbereitschaft der griechischen Regierung sei mittlerweile auf einem absoluten Tiefpunkt angekommen.


    Nach Ansicht von Schulz gehen an Neuwahlen in Griechenland kein Weg vorbei, wenn die Bevölkerung für das Reformprogramm der Gläubiger stimmt. Die Zeit bis zur Wahl müsse "mit einer technischen Regierung überbrückt werden, damit wir weiter verhandeln können", sagte er. Wenn diese Übergangsregierung eine vernünftige Vereinbarung mit den Geldgebern fände, sei Syrizas Zeit vorbei. "Dann hat Griechenland wieder eine Chance."

  • 18:48 Uhr
    Steffi Dobmeier

    Der EU-Währungskommissar hat bei den Griechen für ein Ja zum Sparkurs geworben. "Ein Ja bedeutet, dass das griechische Volk die Wahl dafür trifft, fest im europäischen Projekt und im Euro-Projekt verankert zu bleiben", sagte Pierre Moscovici in Brüssel. Ein Nein würde seiner Ansicht nach die Situation für die Griechen viel komplizierter machen.

    Er geht davon aus, dass weiter verhandelt wird – unabhängig vom Ausgang des Votums. "Wir müssen die Gespräche mit Griechenland einen Tag nach dem Referendum wieder aufnehmen." Das sei bei einer Zustimmung des griechischen Volkes zum Sparpaket viel einfacher. Man sei jedenfalls keineswegs am Ende der Verhandlungen angelangt.

  • 18:42 Uhr
    Steffi Dobmeier

    Im Zentrum von Athen schiebt ein Mann einen leeren Einkaufswagen durch die Straßen. In vielen Supermärkten gehen erste Grundnahrungsmittel aus.



     Foto: Louisa Gouliamaki / AFP, Getty Images

  • 18:28 Uhr
    Steffi Dobmeier

    Frankreich und Deutschland haben unterschiedliche Ansichten zum Umgang mit der Krise: Während der französische Präsident François Hollande deutlich gemacht hatte, dass eine Einigung mit Athen "sofort" gefunden werden müsse, hatte die Bundeskanzlerin gesagt, dass es vor dem Referendum am Sonntag keinerlei Verhandlungen mehr mit Athen geben werde.

    Das hatte mehrere Medien in Frankreich dazu gebracht, darüber zu berichten, dass die Situation in Griechenland die Spannungen zwischen beiden Länder befeuert. Dem hat nun der französische Premier widersprochen. Manuel Valls dementierte "ausdrücklich" jegliche "Distanzierung" zwischen den beiden Regierungen. Berlin und Paris stimmten sich in der Krise laufend ab. Noch nie sei die deutsch-französische Beziehung "so stark und so nützlich für Europa" gewesen, sagte er.

  • 18:17 Uhr
    Steffi Dobmeier

    Wenn die Griechen am Sonntag gegen die Auflagen der Gläubiger stimmen, wird laut Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem ein neues Rettungspaket unglaublich schwierig. Damit würde jede Grundlage für weitere Gespräche fehlen, sagte er.

    Dijsselbloem erklärte die Abstimmung zur Schicksalswahl: Ein Nein stelle die Mitgliedschaft Griechenlands in der Eurozone infrage. Damit brachte er einen Grexit ins Spiel. Anders als viele Griechen glaubten, würde eine Ablehnung der Gläubiger-Vorschläge die Verhandlungsposition der Regierung Tsipras nicht stärken, sagte er .

  • 17:30 Uhr
    Steffi Dobmeier

    Der Internationale Währungsfonds wird deutlich: Griechenland braucht 50 Milliarden Euro bis 2018 und einen umfangreichen Schuldenschnitt, um sich erholen zu können. Nur so könne sich die Wirtschaft stabilisieren, teilte der IWF in Washington mit.

    Grund: Die Finanzen Griechenlands hätten sich wegen der langsamen Umsetzung von Reformen verschlechtert. Deshalb müssten die Kreditgeber dem Land verbilligte Zinsraten und mehr Zeit zur Rückzahlung zugestehen. Laut IWF sollte Griechenland eine Erholungspause von 20 Jahren haben, bevor das Land Schuldenrückzahlungen macht. Die letzten Zahlungen sollten nicht vor dem Jahr 2055 getätigt werden.

    Die Analyse des IWF wurde fertiggestellt, noch bevor Griechenland diese Woche eine fällige Schuldenrate von etwa 1,6 Milliarden Euro nicht an den Währungsfonds zahlte. Der IWF ist zusammen mit der Europäischen Union und der Europäischen Zentralbank einer der wichtigsten Gläubiger Griechenlands.

  • 16:59 Uhr
    Steffi Dobmeier

    Beim Thema Referendum duldet die populistische Partei Unabhängige Griechen (Anel) keine Widerworte: Der Juniorpartner der griechischen Regierungskoalition hat einen Abgeordneten aus der Fraktion ausgeschlossen, der sich für ein Ja bei der Volksabstimmung ausgesprochen hatte. Verteidigungsminister Panos Kammenos, Vorsitzender der Partei, hat laut Pressestelle über den Ausschluss von Konstantin Damavolitis entschieden.

    Kammenos ist der Politiker, der sich mit den markigsten Worten für eine Ablehnung der Gläubiger-Sparauflagen einsetzt. "Wir befinden uns im Krieg – und da wird keine Nachsicht geübt", sagte er. "Wer den Krieg nicht unterstützt, fliegt raus."

    Damavolitis ist nicht der einzige Anel-Abgeordnete, der sich skeptisch zum Referendum geäußert hat. Neben ihm gibt es drei weitere. Damit könnte die Regierungsmehrheit langsam bröckeln. Bislang gehören 149 Abgeordnete der dominierenden Syriza-Partei und 13 Anel-Abgeordnete zur Regierungsmehrheit. Die absolute Mehrheit im Parlament liegt bei 151 Sitzen.

  • 15:46 Uhr
    Marcus Gatzke

    In Griechenland werden verschiedene Plakate geklebt und Flugblätter verteilt. Auf einem ist Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble abgebildet. Die Aufschrift lautet: "Seit fünf Jahren trinkt er Dein Blut – jetzt sage ihm NEIN!", berichtet der Journalist Gerd Höhler aus Athen.

  • 15:34 Uhr
    Marcus Gatzke

    Helmut Schmidt 2011 in der ZEIT:

    "Im Verhältnis zur damaligen Lage Deutschlands und zur Hilfsbereitschaft dieser Länder, die wenige Jahre zuvor noch unsere Kriegsfeinde gewesen waren, ist das gegenwärtige griechische Problem ein minores – und der Teufel soll die europäischen Regierungschefs holen, wenn sie es nicht fertigbrächten, Griechenland zu retten."

  • 15:13 Uhr
    Marcus Gatzke

    Im Schweizer Tagesanzeiger schreibt der Journalist Constantin Seibt über die Austeritätspolitik in Europa:

    "Selten haben so zahlreiche Regierungschefs quer durch Länder und Parteien so einig auf dieselbe Karte gesetzt. Für die Sparpolitik riskieren sie Milliarden, ihr Gesicht, die Zukunft ihres Landes. Und das ohne Reserve. Als die griechische Regierung über Alternativen sprechen wollte, prallte sie gegen eine Wand. Am Ende stand es 18:1. Und der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble fragte, wer wohl auf dem richtigen Kurs sei. Das eine Auto oder die 18 Autos in der Gegenrichtung."

  • 14:45 Uhr
    Marcus Gatzke

    Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis will zurücktreten, sollten die Griechen am Sonntag mehrheitlich mit Ja stimmen. Was hat er in den vergangenen fünf Monaten nicht alles an Prügel einstecken müssen. Einer der am häufigsten wiederholten Vorwürfe: Brüssel ist kein Hörsaal in einer Universität. Lange Monologe über seine persönliche Vorstellung eines künftigen Europas lösen die Krise in Griechenland nicht. Die Kritik ist berechtigt und mit ihm als Finanzminister ist eine Einigung mit den Gläubigern nur schwer vorstellbar.

    Trotzdem sei an dieser Stelle nochmal auf das große Interview verwiesen, dass wir mit Varoufakis im Februar geführt haben. Immer noch lesenswert, weil immer noch aktuell.

  • 14:39 Uhr
    Steffi Dobmeier

    Am Montag sollen die griechischen Banken wieder öffnen – und zwar unabhängig vom Ausgang des Referendums. Das sagte Staatsminister Nikos Pappas in einem Bloomberg-Interview.

    Die Regierung hatte die Kapitalverkehrskontrollen zunächst bis zum 6. Juli beschlossen. Nach bisherigem Stand war man davon ausgegangen, dass die Banken erst am Dienstag wieder öffnen.

  • 14:35 Uhr
    Steffi Dobmeier

    Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier versteht die Griechen nicht mehr – und das offenbar im wahrsten Sinne des Wortes. "Ehrlich gesagt, und das meine ich so, wie ich sage, ich bin nicht mehr in der Lage, das Verhalten der griechischen Regierung zu dechiffrieren", sagte er in Wien.

    Dort sprach Steinmeier vor dem Ständigen Rat der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Eigentlich ging es um andere Themen, um den weiteren Dialog mit Russland anlässlich der Ukraine-Krise und Rüstungskontrollen. Doch Griechenland war auch in Wien Thema, zumindest auf der Pressekonferenz.

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