ZEIT ONLINE: Herr Stergiou, viele sagen, die jahrelange Steuerhinterziehung und alltägliche Korruption sei der Hauptgrund für die Krise in Griechenland. Wie sehen das die Griechen?

Andreas Stergiou: Das ist momentan kein großes Thema in Griechenland. Keiner erwartet derzeit von den Griechen, dass sie ihre Steuern bezahlen. Sie machen sich Gedanken darüber, wie es mit den Banken weitergeht und fragen sich: Werden morgen all meine Ersparnisse weg sein? Woher bekomme ich Lebensmittel? Dazu kommt: Die Gesellschaft ist tief gespalten. Da denkt niemand über Steuern nach. Die Steuerhinterziehung betrifft ohnehin nur eine bestimmte Gruppe von Leuten, die Steuerimmunität genießt, wie die Reeder. Die sind per Gesetz seit 1975 von der Steuer befreit und kontrollieren in Wahrheit auch viele andere Unternehmen in diesem Land, zum Beispiel viele Medien.

ZEIT ONLINE: Warum gibt es diese Steuergesetze immer noch?

Stergiou: Wenn Sie mich fragen: Das ist das große Versäumnis der Troika. Sie hätte auf strukturelle Reformen pochen müssen. Darauf, dass Steuerhinterziehung erschwert wird, indem die Gesetzgebung vereinfacht wird. Die gesamte Steuergesetzgebung ist in Griechenland 11.500 Seiten dick, in Großbritannien sind es nur 62 Seiten. Es ist doch klar, dass es da unzählige Lücken und Schlupflöcher gibt. Oder nehmen Sie die Vollendung des Grundbuchs: Bei uns weiß die Regierung immer noch nicht, welches Stück Land wofür genutzt wird und wem es gehört. Die EU hat aber immer nur auf fiskalische Maßnahmen gedrängt.

ZEIT ONLINE: Aber die griechische Regierung hätte doch auch etwas tun können.

Stergiou: In nur fünf Monaten konnte die neue Syriza-Regierung da nicht viel ändern. Viele Ministerien sind paralysiert. Alle haben fünf Monate lang auf den EU-Kompromiss und das Ende der Verhandlungen gewartet. Alle anderen Pläne hat man vorerst auf Eis gelegt.

ZEIT ONLINE: Aber es gab eine Menge Vorgängerregierungen seit Ausbruch der Krise. Haben die auch alle nichts getan?

Stergiou: Die Regierungen waren abgeneigt, das Geld von den Wohlhabenden zu holen. Oder inkompetent, ich weiß es nicht, aber es hat sich wenig getan. Stattdessen haben sie die Last den sozial Schwächeren aufgebürdet. Allerdings leidet auch die aktuelle Regierung unter einer etatistischen Mentalität: der Staat ist ein Heiligtum. Statt den Staat zu reformieren oder Reformen einzuleiten, hat man erst mal Beamte wieder eingestellt.

ZEIT ONLINE: Und jetzt, wo das Land im Chaos versinkt, kann sie Steuerhinterziehung und Korruption vermutlich noch schwerer kontrollieren?

Stergiou: Absolut. Die Steuern werden bei den Banken bezahlt. Wer wäre denn heute noch so dumm, in eine Bank zu gehen, und seine Steuern zu zahlen, ohne zu wissen, ob es einen Schuldenschnitt gibt und morgen schon seine gesammelten Einlagen wertlos sind? Die Staatseinnahmen sind komplett eingebrochen. Die aktuelle Regierung ist nicht für die Misere verantwortlich. Aber wenn das Land pleitegeht, werden trotzdem alle ihr die Schuld zuweisen.

ZEIT ONLINE: Hat sie schon Gutes auf den Weg gebracht?

Stergiou: Zwei Gesetzesvorhaben waren positiv: Ein Gesetz zur Bewältigung der humanitären Krise. Sie müssen wissen, viele Menschen haben ihre Jobs und ihre Wohnung verloren und sozial Schwache haben weder Elektrizität noch eine gute Krankenversicherung. Nun können sie billigere Nahrungsmittel bekommen und Staatszuschüsse. Und ein zweites Gesetz erleichtert Steuerschuldnern, dass sie das Geld ans Finanzamt in Raten zahlen. Früher war es auf einen Schlag zu tilgen.

ZEIT ONLINE: Das dürfte eher die kleinen Steuersünder betreffen – unternimmt die Regierung auch etwas gegen die großen?

Stergiou: Noch nicht wirklich. Viele Bürger haben deshalb den Eindruck, sie müssten für etwas einstehen, was andere angerichtet haben. Wenn Griechenland pleitegeht, werden die großen Profiteure diejenigen sein, die ihr Geld im Ausland gebunkert haben, die Millionen auf Schweizer Konten lagern oder in deutsche und britische Immobilien steckten. Und die jetzt nur darauf warten, dass sie hier alles "für ein Stück Brot" übernehmen können, wie man bei uns sagt. Denen käme es zugute, wenn das Land in die Katastrophe stürzte und eine eigene Währung bekäme. Dann würden sie ihr Geld zurücktransferieren.

ZEIT ONLINE: Wie wird das Referendum Ihrer Meinung nach ausgehen?

Stergiou: Das wird eine Zitterpartie, eine klare Mehrheit gibt es bislang nicht. Aber ich gehe von einem Nein aus. Denn viele Bürger glauben, dass mit einem Austritt aus dem Euro auch die Schulden Griechenlands getilgt sind. Sie denken, dass eine neue Währung ihre Probleme aus der Welt schaffen würde. Man müsste sie aufklären, dass ein Verbleib in der Eurozone wichtig ist und nur sehr wenige davon profitieren würden. Nüchterne Stimmen werden aber momentan kaum gehört.

ZEIT ONLINE: Und was müsste die Regierung Ihrer Meinung nach jetzt tun?

Stergiou: Sie müsste jetzt alles tun, was in ihrer Macht steht, um die Lage zu normalisieren. Zusehen, dass die Leute Lebensmittel haben und nicht die Banken stürmen. Die Lage ist sehr gespannt und das Land ist gespalten. Die griechische Gesellschaft hat Jahrzehnte gebraucht, um über den Bürgerkrieg hinwegzukommen. Jetzt reißt eine neue Wunde auf und teilt das Land in zwei Lager, die sich gegenseitig beschimpfen als Nationalverräter, als Kollaborateure der EU und als Profiteure der Katastrophe. Das ist unser größtes Problem.