Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat vergangene Woche ein Gutachten veröffentlicht, in dem die Schulden Griechenlands als langfristig nicht tragfähig dargestellt werden. Viele Ökonomen fordern daher einen Schuldenschnitt, konservative Politiker in Deutschland hingegen scheuen dieses Thema. Leider verdeckt diese polarisierte Debatte eine pragmatische Lösung, von der alle Seiten profitieren würden.

Die Schlussfolgerung des IWF beruht auf der Annahme, dass sich Griechenland von 2020 an wieder am freien Markt verschulden und hierfür Zinsen in Höhe von 6,25 Prozent zahlen müsste. Die Ökonomen aus Washington schreiben jedoch explizit, dass die Verschuldung tragfähig wäre, wenn sich Griechenland langfristig bei öffentlichen Geldgebern wie etwa dem Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) verschulden könnte und diese ihre günstigen Refinanzierungskosten an Griechenland weitergeben würden.

Die Schulden Griechenlands sind inzwischen auf knapp 180 Prozent der Wirtschaftsleistung gestiegen (2009: 127 Prozent). Dies erscheint auf den ersten Blick so hoch, dass viele Menschen intuitiv meinen, nur ein radikaler Schuldenschnitt könnte das Land wieder auf die Beine bringen. Doch bei der Tragfähigkeit von Schulden kommt es nicht allein auf die absolute Höhe an, sondern auf das Zusammenspiel von Schuldenhöhe, Wachstum, Inflation, Zinssatz und dem Überschuss/Defizit des Staatshaushaltes.

Bei niedrigen Zinssätzen etwa können höhere Schuldenstände tragfähig sein. Ein Prozent Zinsen auf 100 Milliarden Euro Schulden zu zahlen, ist eben das Gleiche wie fünf Prozent auf 20 Milliarden. Japan zum Beispiel wird gemeinhin als starker und solventer Staat wahrgenommen, obwohl der Schuldenstand noch deutlich höher als in Griechenland bei etwa 230 Prozent vom BIP liegt. Russland hingegen hat mit nur 12 Prozent Verschuldung schon Probleme, Investoren für seine Staatsanleihen zu finden.

Die Sparpolitik hat die Schuldenrückzahlung verhindert

Ein zentraler Faktor für die Tragfähigkeit von Schulden ist die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes. Griechenlands Schulden sind seit der Krise nominal von 301 Milliarden Euro im Jahr 2009 auf 317 Milliarden Euro im vergangenen Jahr angewachsen, eine Steigerung um fünf Prozent in sechs Jahren. Zum Vergleich: Die Schulden Deutschlands haben sich im gleichen Zeitraum um 22 Prozent erhöht. Das Drama ist die Entwicklung der Wirtschaft, die in Griechenland seit der Krise von 237 Milliarden Euro (2009) auf 179 Milliarden Euro (2014) geschrumpft ist. Das ist ein Rückgang um fast ein Viertel. Die gewaltige Steigerung der Schuldenquote erklärt sich fast ausschließlich aus dem Einbruch der Wirtschaftsleistung.

Für Griechenland gilt wie für alle Länder eine einfache Rechnung: Sobald die Summe aus Wirtschaftswachstum, Inflation und Haushaltssaldo größer ist als die Zinslast, geht die relative Schuldenlast zurück. Die Sparpolitik, die eigentlich die Rückzahlung der Schulden ermöglichen sollte, hat tragischerweise genau das Gegenteil erreicht. Griechenland soll nach den Vorschlägen der Geldgeber jetzt binnen drei Jahren einen Überschuss vor Zinsen von 3,5 Prozent des BIP erwirtschaften. Um einen derartigen Haushaltsüberschuss zu erzielen, müsste die Regierung auf breiter Front Ausgaben kürzen sowie die Steuern erhöhen. Keine Bundesregierung hat jemals innerhalb kürzester Zeit 100 Milliarden Euro eingespart – denn so viel Geld wäre es übertragen auf unser Land.

Bei der aktuellen Diskussion um einen Schuldenschnitt gilt es jetzt genau zu unterscheiden. Ist damit eine nominale Reduzierung der Schuldenlast gemeint, beispielsweise indem Gläubiger auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten? Oder kommt es zu einer Umschuldung, in dem etwa höher verzinste Schulden bei der EZB und dem IWF auf den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) umgelegt werden, der mit Laufzeitverlängerungen und niedrigeren Zinsen für Entlastung sorgt?

Ökonomisch erreicht man mit beiden Schritten genau das gleiche. Politisch ist aber erstere Strategie kaum durchsetzbar.