Es klingt einfach, wenn der Multimillionär George Kukis seine Lösung für Griechenlands Schuldenproblem präsentiert: "Wenn die griechische Regierung Geld braucht, sollte sie die vier oder fünf Familien fragen, die Griechenland seit den 1950er Jahren regiert haben." Die hätten reichlich Vermögen angehäuft, stellte Kukis letztens fest. Er ist selber Grieche, hat aber seinen Wohnsitz in Genf – und damit gut reden. Denn die Reichen, die ihr Geld ins Ausland geschafft haben, sind das zweite große Problem, das Hellas hat, neben den Politikern, die über Jahrzehnte von den politischen Strukturen profitierten. Vor allem finanziell. Beide Probleme muss das Land endlich angehen, um wieder zu Einnahmen zu kommen, sagen Landeskenner.

Von den Normalbürgern nämlich ist langsam nichts mehr zu holen. Mehrere Reformen, Einkommenskürzungen und die Senkung von Sozialabgaben haben große Teile der Bevölkerung nach 2008 in eine Lage gebracht, die man im besten Falle als schwierig bezeichnen kann. Im schlimmsten Fall muss man sie desaströs nennen. Viele vormalige Normalverdiener verdienen jetzt gar nichts mehr und sie tragen die gesamte Last der Sparpakete. Die Wohlhabenden dagegen trugen vor allem eines: ihr Geld außer Landes. Da auch das Steuersystem schlecht organisiert ist – die Behörden arbeiten ohne zentrale Register, ohne Computer und mit zu wenig Personal, wird es doppelt schwer, die Reichen zur Verantwortung zu ziehen.

Freiwillig würden sie sich am Umbau des Landes ohnehin nicht beteiligen, kritisiert der Politologe und Klientelismusforscher Andreas Stergiou von der Universität Kreta: "Es fehlt eine patriotisch gesinnte bürgerliche Oberschicht in Griechenland. Wenn die Leute dem Fiskus von sich aus nichts beisteuern wollen, kann kein Staat unter demokratischen Bedingungen viel leisten."


Die Reichensteuer kommt erst im Gesamtpaket

Ministerpräsident Alexis Tsipras will den Reichen ja ans Geld, zumindest hat er den Griechen dieses Wahlversprechen gegeben. Etliche Monate später legte er bei den jüngsten Verhandlungen mit der EU erste Vorschläge vor. Er präsentierte Eckdaten zu einer Reichensteuer: Mit einer Sonderabgabe von 12 Prozent wollte er Vermögende mit mehr als 500.000 Euro Einkommen belegen. Auch kleinere Einkommen von 20.000 bis 30.000 Euro sollten 1,4 Prozent zusätzlich abgeben. Doch die Troika untersagte die Umsetzung. Erst wenn das Gesamtpaket zur Rettung endgültig abgesegnet sei, könne Griechenland solche Maßnahmen ergreifen.

Inzwischen sollte auch ein zentrales Vermögensregister für alle Steuerpflichtigen bis Juni eingerichtet werden und alle Bankguthaben und Börsengeschäfte durchleuchten. Aber alles schleppt sich dahin. Warum? Vielleicht liegt es daran, dass dann auch die heimischen Politiker registriert würden. Viele von ihnen, selbst Linke wie der Pasok-Chef Evangelos Venizelos, verdienen sechsstellige Summen im Jahr – und müssen bisher nur 30 Prozent ihrer Einnahmen versteuern. Der neue Finanzminister Euklides Tsakalotos hat sogar eine halbe Million Euro bei internationalen Fondsgesellschaften angelegt, kam bei einer – angekündigten – Konto-Offenlegung aller Politiker im Jahr 2013 ans Licht. Damals offenbarten viele Parteigrößen ihre Millionenvermögen.

"Seit 2010 wurden viele Versprechen gemacht, mit wenig Erfolg. Der weitaus wichtigste Grund dafür ist: es fehlt am politischen Willen", sagt Michel Zouboulakis, Professor für Ökonomie an der Universität Thessaly. "Klientelismus und Günstlingswirtschaft sind zwei angeborene Eigenschaften des griechischen Systems seit 1828, dem Jahr der Unabhängigkeit."