"Du kannst deine Rechnungen nicht bezahlen und die Gehälter auch nicht", sagt Maria Calafatis. "Das kann man zwei vielleicht drei Wochen durchhalten. Aber wie soll das länger gehen?" Calafatis gehört zu jenen Leuten, auf die die griechische Wirtschaft in Zukunft eigentlich bauen sollte: Sie ist eine der zentralen Figuren der Athener Start-up-Szene. Die Hitze steht in den Straßen von Exarchia, dem hippen Rebellenbezirk. Calafatis sitzt vor dem Cube und trinkt einen Eiskaffee. Der Cube ist ein Co-Working-Space, in dem auf sechs Etagen zwei Dutzend Start-ups untergebracht sind. Die meisten sind im Technologiesektor tätig, einige in der Tourismusbranche.

Seit Montag haben wenigstens die Banken wieder geöffnet. Aber die Kapitalverkehrskontrollen sind immer noch in Kraft und daran wird sich auch so bald nichts ändern. Wer Geld ins Ausland überweisen will, der muss eine lange Prozedur auf sich nehmen. Unternehmen müssen bei einer Bank-Transaktionsgenehmigungsstelle einen Antrag stellen, selbst wenn sie nur die kleinste Rechnung bezahlen wollen. Wer Importgüter braucht, seien es Nahrungsmittel für die Supermärkte oder Rohstoffe für Fabriken, der muss sich auf einer langen Liste eintragen und hoffen, dass er in ein paar Wochen langsam nach oben rutscht. Da es den Banken an Liquidität fehlt, haben größere Überweisungen beinahe überhaupt keine Chance.

Seit fast drei Wochen ist die griechische Wirtschaft nun schon tiefgefroren. Nicht nur, dass die Bürger kaum an Bargeld kommen – auch diejenigen, die ihre Eurobündel unter der Matratze horten, geben kaum Geld aus. Und zu allem Überfluss wurde, als Folge des vom EU-Gipfel diktierten Sparplans, am Montag auch noch die Mehrwertsteuer erhöht. Auf die meisten Lebensmittel, den Kaffee in den Cafés, das Essen im Restaurant, die meisten Güter des täglichen Bedarfs muss jetzt 23 Prozent draufgeschlagen werden.

"Die Krise ist nicht nur schlecht"

Die Ökonomie in Schockstarre aufgrund der Kapitalverkehrskontrollen, dazu eine weiter sinkende Konsumnachfrage gepaart mit höheren Steuern – nicht gerade der erfolgversprechendste Plan, den sich die Eurogruppe da ausgedacht hat. Da scheint es fast wie ein bösartiger Witz, dass obendrein die Läden am Sonntag öffnen sollen. Als ob sich die Wirtschaft erholen könnte, wenn die Griechen das Geld, das sie nicht haben, nun auch am Sonntag ausgeben können.

Vor sieben Jahren haben Maria Calafatis und ihr Kompagnon Stavros Messini ihren ersten Co-Working-Space eröffnet. Mittlerweile bespielen sie das ganze Bürohaus in der Klisovis-Straße. Im obersten Stockwerk residiert die Venture-Capital-Firma Openfund des Ökonomen Aristos Doxiadis, der Investorenkapital aus der ganzen Welt in die junge Start-up-Szene lenkt. Auch Anwälte und Notare sind Teil des Netzwerkes, die jungen oder ausländischen Unternehmen den Weg durch den griechischen Bürokratiedschungel bahnen.

"Die Krise ist nicht nur schlecht", sagt Maria Calafatis. "Sie hilft auch, Leute aus der Komfortzone zu zwingen." Früher, so erzählt sie, war das große Lebensziel der Griechen, einen sicheren Job beim Staat zu bekommen. Riskantes Unternehmertum wurde als Sache für Halbwahnsinnige angesehen. Das beginne sich zu wandeln. Heute kommen Eltern mit ihren Kindern zu den Workshops im Cube, weil klar ist, dass Jobs in der IT-Branche viel bessere Zukunftsaussichten haben als die klassischen Branchen.

Wobei das klassische und das unklassische auch die schönsten Kombinationen eingeht. So haben viele junge Leute die Stadt verlassen und betreiben auf den Feldern von Mama, Papa, Oma oder Opa ökologische Landwirtschaft und vertreiben ihre hochwertigen Produkte über die neuen, digitalen Kanäle. Manche von ihnen machen schon gute Geschäfte bis nach Dubai.

Ein Tropfen auf den heißen Stein, viel zu virtuell und klein, um die griechische Wirtschaft aus der Depression zu hieven? Nun, dieses Urteil ist weit verbreitet, aber möglicherweise falsch. Genauso wie die gängige Vorstellung, es gäbe überhaupt nichts in Griechenland, was wettbewerbsfähig wäre. "Die Griechen verdienen mit der Entwicklung von Apps heute schon mehr Geld als mit dem Verkauf von Olivenöl", sagt Christos Katsoulis, der in Athen das lokale Büro der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung leitet. Schon vor zwei Jahren hat seine Stiftung eine Studie herausgebracht, die "zehn Hoffnungsschimmer für die griechische Wirtschaft" aufzählte, wozu der High-Tech-Bereich genauso gehört wie die Ökostrombranche, die Qualitätslandwirtschaft und natürlich der Tourismus.

Doch in diesen Tagen hat man den Eindruck, als wäre der Optimismus verflogen. "Die Regierung bräuchte einen Plan, die Eurozonen-Minister bräuchten einen Plan – aber es gibt einfach keinen", sagt Stavros Messini, Marias Compagnon. "Die Hoffnungen der vergangenen Monate haben sich einfach in Luft aufgelöst."