Am Montagmorgen um 9.30 Uhr Ortszeit erreichten die Schockwellen auch die Wall Street. Und das mit Macht: Gleich nach der Eröffnung der New Yorker Börsen stürzten die Kurse im freien Fall. Der Dow Jones, der Index mit den US-Großkonzernen wie General Electric, Microsoft und Exxon, verlor in den ersten Minuten mehr als 1.000 Punkte.  

Einen solch steilen Absturz gleich zum Auftakt hatten selbst Veteranen auf dem Parkett noch nicht erlebt. Die Anleger hatten nach dem Schwarzen Montag an den chinesischen Märkten offenbar nur darauf gewartet, ihre Aktien loszuschlagen. Die Bildschirme in den Handelsräumen leuchteten alarmrot. Um den totalen Absturz zu vermeiden, setzte die New Yorker Börse wiederholt Aktien vom Handel aus. Und anstatt dass wie üblich Computerprogramme die Kurse zum Börsenstart automatisch erstellten, kalkulierten sie wie früher die Händler auf dem Parkett.  

Später ebbte die Angst ab. Die Kurse erholten sich. Käufer kamen so eifrig zurück, dass Händler von Panikkäufen sprachen. Noch lautet das Mantra hier in New York, dass es sich um eine sogenannte Korrektur nach einer jahrelangen Aufwärtsphase handele. Eine solche Korrektur ist der Börseneuphemismus eines Rückschlags der Kurse um zehn Prozent. Für viele Börsianer gar keine schlechte Sache.  

Vergangene Woche war die Atmosphäre trotz der heftigen Verluste auf dem Parkett deshalb eher wie auf dem Schulhof, wenn es zur großen Pause klingelt – endlich war mal wieder Betrieb. Händler hatten sich lange über zu wenig Auf und Ab beklagt. Die Aktienkurse seien so stark gestiegen, so die verbreitete Klage, dass viele Investoren sie als zu teuer empfanden und den Markt mieden. Und sowieso profitiert die Wall Street von Bewegung, nicht vom Stillstand.

So ist seit Langem eine tiefere Unruhe spürbar. "Nichts regt die Anleger mehr auf, keine Krise verunsichert sie wirklich – das ist ungesund", sagt ein Händler, der für eine internationale Großbank auf dem New Yorker Parkett arbeitet. Ungesund, weil die Investoren und Marktteilnehmer potenzielle Risiken verschlafen.  

Krisen an sich sind kein Problem für die Finanzmärkte – wenn sie absehbar sind, wenn sich die Marktteilnehmer darauf vorbereiten können. Der Schreck in der Morgenstunde sei in der Hinsicht positiv, befand ein Investmentmanager der Wall Street. "Was wir brauchen, ist ein heilsamer Schock. Aber wir müssen aufpassen, dass es kein Herzinfarkt wird." 

Rückschlag an den Aktienmärkten war absehbar

Das aber lässt sich nicht ausschließen. Dass die Aktienmärkte einen Rückschlag erleben würden, war absehbar. Was den Kursverfall, den am Montag die Handelsplätze der Welt erlebten, jedoch so gefährlich macht: Er kann einen verstärkten Abwärtstrend auslösen. Denn wenn Investoren ihr Geld von Fonds zurückfordern, um ihre Verluste zu begrenzen, dann müssen die Fonds unter Umständen Aktien verkaufen, um das notwendige Geld für die Auszahlung zu erhalten. Diese Verkäufe des Fonds wiederum stärken die Abwärtsbewegung und bringen potenziell weitere Investoren dazu, ihr Geld lieber abzuziehen. Deren Fondsverwalter müssen ebenfalls verkaufen, um Cash zu bekommen – so kann sich der Verfall rasch gefährlich verstärken. 

Hinzu kommt, dass die Aktienmärkte nicht die einzigen sind, an denen es nach unten geht. Der Rohstoffsektor leidet durch die langsamere Wirtschaftsentwicklung in China. Das hat die Wirtschaft in Ländern wie Brasilien ins Trudeln gebracht. Das wiederum erhöht die Gefahr, dass ganze Institutionen ins Wanken geraten – wie die große US-Investmentbank Lehman Brothers, die im Zuge der Finanzkrise 2008 pleiteging.   

Noch erleben wir keine globale Finanzkrise. Was der Schwarze Montag des Jahres 2015 allerdings schon geändert hat:  Die Nervosität ist zurück. Das muss nicht das Schlechteste sein.