Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) meint, Deutschland müsse gerade der ganzen Welt Ratschläge erteilen. "Wir erwarten von den Regierungskonsultationen konkrete Ergebnisse", verkündete diese Woche der BDI-Präsident Ulrich Grillo, kurz bevor Angela Merkel zu ihrem Besuch nach Brasilien aufbrach. Konkret: Merkel solle doch bitte Reformen "anmahnen". Und das Land dazu drängen, seine Korruptionsskandale "konsequent" aufzuarbeiten.

"Ach was!", würde die Präsidentin Dilma Rousseff sagen, falls Merkel ihr bei den Regierungskonsulationen am Donnerstag und Freitag tatsächlich damit kommt. "Ich bin nicht autistisch", hatte sie schon kürzlich bei einer anderen Gelegenheit gespottet, "ich weiß durchaus, welches Ausmaß diese Krise hat." Ist auch einfach: Brasilien steckt in einer Totalkrise. Das gilt für die Wirtschaft wie für die Politik. Nur: Die Krise zu beenden, ist gerade besonders schwierig.

Das eine Problem betrifft die Konjunktur. Das 200-Millionen-Einwohner-Land, das vor wenigen Jahren noch Wachstumsraten von fünf, sechs oder sieben Prozent jährlich hinlegte, erlebt eine Rezession: Aufs Jahr gerechnet schrumpft gerade die Wirtschaftsleistung. Die Inflation liegt irgendwo zwischen sechs und sieben Prozent, in großen Städten noch weitaus höher, und das Schreckgespenst ist wieder eine Hyperinflation wie in den frühen neunziger Jahren (die die Notenbank aber auf Biegen und Brechen verhindern würde).

Jahrelang wurde zu wenig investiert

Die Arbeitslosigkeit hält sich mit sieben Prozent bisher in Grenzen, aber die Zahl der Massenentlassungen nimmt zu. Nur die Verschuldung des Landes ist noch im Rahmen: Bloß etwa 62 Prozent Staatsschulden als Anteil an der Wirtschaftsleistung, weniger als in Deutschland.

So weit, so normal: Auf und ab geht es immer in der Wirtschaft. Brasilien ist nicht mal alleine schuld an dieser Flaute: China – Brasiliens Exportziel Nummer eins – konnte von Erzen und Soja jahrelang nicht genug bekommen, aber jetzt kämpfen die Chinesen mit ihrer eigenen Wirtschaftskrise. So gingen Brasiliens Ausfuhren nach China von 2013 auf 2014 um zwölf Prozent zurück. Für Öl, Kaffee und andere beliebte brasilianische Exportgüter sind im Moment keine guten Preise auf dem Weltmarkt zu bekommen, und der Binnenmarkt schwächelt. Da wurde jahrelang zu viel auf Kredit gekauft und zu wenig echtes Geld verdient. Aber: sowas geht vorbei.

Beunruhigender ist der andere Teil: die strukturelle Krise des Landes und die politische Krise. Beide gehören zusammen. Überall im Land merkt man, dass jahrelang zu wenig investiert wurde. China steckt üblicherweise 40 Prozent seiner gesamten Wirtschaftsproduktion wieder in Investitionen, Brasilien weniger als 20 Prozent. Der Unterschied ist jedem Skipper klar, der einen Container in Shanghai löscht oder in Santos bei São Paulo. Und jedem Reisenden, der die U-Bahn in Shanghai nimmt (22 Linien) und dann in Rio de Janeiro (anderthalb Linien). 

An dieser Stelle kommt eine politische, strukturelle Krise Brasiliens zum Vorschein, die ebenfalls eine lange Geschichte hat. Sehr schwer, hier langfristige Politik zu machen, besonders dann, wenn es um viel Geld und große Investitionen geht. Baugenehmigungen, Umweltprüfungen, Anhörungsvorschriften, Buchprüfungen, Rechenschaftsberichtsvorschriften, Beteiligung aller erdenklichen Ämter an den einfachsten Prozessen – das ist in Brasilien so komplex wie fast nirgendwo sonst auf der Welt.