Geht die Volksrepublik China den japanischen Weg? Einem meteorhaften Aufstieg folgt ein steiler Absturz, nach dem atemberaubenden, wirtschaftlichen Fortschritt folgt jahrzehntelange Stagnation? Seit dem jüngsten Einbruch an den Börsen wird diese Frage vielfach gestellt.

China hat in der Lebensspanne einer einzigen Generation einen in der gesamten Weltgeschichte beispiellosen Aufstieg genommen: Seit 1978, dem Beginn von Deng Xiaopings Reformen, stieg das Bruttosozialprodukt von 45 Milliarden auf 9.400 Milliarden US-Dollar. Das Prokopfeinkommen stieg von 76 auf 6.900 Dollar, das Außenhandelsvolumen von 44 Milliarden auf 4.100 Milliarden Dollar. Es hortet Devisen in Höhe von mehr als 4.000 Milliarden US-Dollar.    

Schon heute ist das Land wieder, was es bis 1820, 1830 war: die größte Volkswirtschaft der Erde – in Kaufkraftparität berechnet schon seit längerem, und auch in normaler Wechselkurs-Rechnung entweder jetzt schon oder spätestens in einem oder zwei Jahren. Dies ist erstaunenswert und bewunderungswürdig, wenngleich das Prokopfeinkommen noch auf Jahrzehnte hinaus nicht an das westliche Niveau heranreichen wird.

Der rasante Aufstieg des Reichs der Mitte vollzog sich lange Zeit gleichsam hinter dem Rücken des Weltbewusstseins. Erst ab dem Jahr 2000 stiegen die relevanten Indikatoren Wachstum, Export und Prokopfeinkommen wahrnehmbar an. Dann aber schossen sie steil in die Höhe.

Alle Welt glaubte – die Chinesen eingeschlossen – dass es ewig so weitergehen werde. Bis sich jetzt plötzlich mit Urgewalt herausstellte, dass auch im autoritären Kapitalismus chinesischer Abart die Bäume nicht in den Himmel wachsen.

Jetzt also plötzlich: boom and bust. Die Aktienblase, von der Partei propagandistisch heftig gefördert, zerplatzte mit einem großen Knall. Seit Mitte Juni haben chinesische Aktien 40 Prozent ihres Wertes verloren, Anleger bußten so rund 200 Milliarden Dollar ein. Viele einfache Leute, besonders Angehörige der aufsteigenden Mittelschicht, wurden um ihr Erspartes gebracht.

Chinas Krankheit bedroht die Alte Welt

Der Einbruch an den chinesischen Börsen verursachte einen Kursrutsch auch im Westen. Deutsche Unternehmen, die auf China gesetzt hatten, mussten Umsatz- und Gewinnerwartungen reduzieren. Früher sagte man: Wenn Amerika hustet, bekommt Europa Lungenentzündung. Heute gilt – in den Worten des Guardian: "China niest, und der Westen steht vor einem leeren Apothekenschrank." Letztes Jahr noch entfielen 38 Prozent des weltweiten Wachstums auf die Volksrepublik. Das ist nicht länger drin. Die chinesische Krankheit, von den Ärzten der Kommunistischen Partei nur unzulänglich – ja: inkompetent – behandelt, bedroht nun auch die Alte Welt.

Im Jahr der Ziege ist China ein schwächelnder Importeur geworden. "Die neue Normalität" des Präsidenten Xi Jinping setzt mehr auf Anhebung des Binnenkonsums als auf Steigerung der Einfuhren. Die krasse Talfahrt wird zwar nicht anhalten. Aber darauf, dass China die Lokomotive der Weltwirtschaft bleibt, ist kein Verlass mehr. Der chinesische Wachstumsmotor läuft nicht mehr rund. Das Vertrauen auf die ökonomische Weisheit der Führung ist angeschlagen, im Inland wie im Ausland. 

Achtzehn rivalisierende Macht-Clans

Vieles kann tatsächlich schiefgehen mit China. Japans Beispiel birgt eine beherzigenswerte Lehre: Die Umstände mögen sich wandeln; ein anscheinend unaufhaltsamer Schwung mag plötzlich seine Triebkraft verlieren; die Unfähigkeit der Führung, rechtzeitig und durchgreifend zu reformieren, kann die Zukunftsaussichten eines Landes dramatisch verdunkeln. Die Frage ist, ob die chinesischen Kommunisten – die in Wahrheit ein marxfreies, leninfreies und Mao-Zedong-freies, sich neuerdings konfuzianisch gebendes Kartell von achtzehn rivalisierenden Macht-Clans sind – die Kraft aufbringen, den notwendigen Wandel ins Werk zu setzen.   

Eine riesige Militärparade samt protziger Waffenschau, wie sie am Mittwoch auf dem Platz des Himmlischen Friedens von den Staats-und Parteiführern abgenommen wird, mag dem Stolz der Chinesen schmeicheln. Ihre Ängste um die wirtschaftliche Entwicklung wird sie ihnen nicht nehmen.