Wenn man von einer Klatsche für den Vorstand sprechen kann, dann doch bei dieser Entscheidung. Oder? Schließlich einigten sich Gewerkschaften und Arbeitgeber nach wochenlangem Streit über die Bezahlung der Kita-Erzieher auf einen Kompromiss – und dann lehnt die Basis diesen ab, mit 70-prozentiger Mehrheit. Ist das nicht ein Misstrauensvotum erster Güte? Könnte sein, muss aber nicht, sagen Gewerkschaftsforscher. Auch bei der Frage, ob die Gewerkschaftsführung noch weiß, was ihre Mitglieder wollen, und ob die vielen Streiks in jüngster Zeit nun ein Zeichen neuer Stärke sind oder nicht, gehen die Meinungen auseinander.

Seit Jahren stecken die Arbeitnehmerorganisationen schon in einer Krise, so muss man es wohl sehen, wenn man die reinen Zahlen nimmt: Von den zwölf Millionen Mitgliedern, die es noch 1990 gab, ist inzwischen nur noch die Hälfte übrig. Vor allem Jüngere und Frauen meiden die Organisationen heute, und auch in schnell wachsenden und innovativen Branchen wie der IT haben die Gewerkschaften wenige Mitglieder. Waren früher, vor allem in den Wirtschaftswunderjahren, noch 40 Prozent aller Beschäftigten in Gewerkschaften organisiert, sind es heute gerade einmal 17 Prozent, nicht einmal jeder sechste Arbeitnehmer. Von der "Gewerkschaftsdämmerung" spricht Demografieforscher Robert Lorenz deshalb. Er sieht die Krise in erster Linie damit begründet, dass sich der hauptamtliche Führungsapparat vom gesellschaftlichen Mainstream entfernt habe.

Dass viele Gewerkschaften den richtigen Ton nicht mehr treffen, sieht auch Hagen Lesch so, Experte für Tarifpolitik im arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW): "Gewerkschaften gelten vielen als zu ideologisch. Die Leute sind liberaler geworden. Die Gewerkschaften halten da bisher nicht mit." Kritiker werfen ihnen schon länger vor, zunehmend zum Lobbyverband der Arbeitsplatzbesitzer geworden zu sein und wenig auf den sich wandelnden Arbeitsmarkt zu reagieren. Wolfgang Schröder, Professor der Universität Kassel, wirft zudem die Frage auf, ob Gewerkschaften nicht zu Interessenvertretern der älteren Generation geworden seien – schließlich gehörten sie mit 1,3 Millionen Rentnern zu den "größten Seniorenorganisationen in Deutschland".

"Sehr unstetes Verhalten"

Zudem hielten sich die Gewerkschaften nach der Finanzkrise stark mit Lohnforderungen zurück, sie gaben sich lieber als Sozialpartner für Arbeitgeber und schlossen Bündnisse zur Beschäftigungssicherung ab. Manche nahmen ihnen das übel. Andere wiederum sagen, genau das habe die Gewerkschaften wieder zu ernstzunehmenden Akteuren gemacht. Zumindest gewinnen sie wieder Mitglieder und machten zuletzt mit Streiks auf sich aufmerksam wie selten: Fast eine Million Streiktage zählen Arbeitgeber bereits 2015, zehnmal mehr als in den Jahren zuvor.

Vor allem die kleinen Gewerkschaften, wie die von Lokführern und Piloten, werden konfliktfreudiger und streiken immer länger, beobachtet Lesch. Das Gros der Ausfalltage, 80 Prozent, geht aber auf das Konto der Dienstleistungsgesellschaft ver.di, so seien Streiks insgesamt "sichtbarer und spürbarer" geworden. Genau das könnte eine Gefahr sein: Kurze Streiks, die schnell zum Ergebnis kommen, kämen gut an, sagt Lesch. Der jüngste Poststreik aber hat extrem lange gedauert, und der Kitastreik geht in die nächste Runde. "Jedes Mal verzichten die Streikenden auf Einkommen, aber es passiert nichts. Das kann genauso gut nach hinten losgehen", warnt der Tarifexperte.

Zudem fehlt ihm die große Linie: "Bei ver.di habe ich nicht den Eindruck, dass die Gewerkschaft weiß, was ihre Mitglieder wollen. Es gibt unterschiedliche Reaktionen und sehr unstetes Verhalten." Schon häufiger, so findet Lesch, "schien sich ver.di nie mit dem angefreundet zu haben, was es ausgehandelt hat". Anders als eine andere große Arbeitnehmerorganisation: "Die IG Metall fragt erst ihre Mitglieder und leitet daraus ihre Tarifpolitik ab. Ver.di formuliert erst seine Ziele und fragt dann. Das ist ein Führungsproblem." Die IG Metall sei zuletzt stark und harmonisch gewachsen und sei zudem bis in die Tiefen hinein recht homogen, sagt Lesch. Zudem sammelt die IG Metall neue Mitglieder entweder schon im Studienalter oder sie mobilisiert gezielt mit Kampagnen, etwa für Zeitarbeit. Ver.di dagegen trommle mit der großen Idee, "dass man im Kollektiv mehr erreicht als einzeln. Sie versucht eine neue soziale Bewegung zu schaffen. Ob sie damit Erfolg hat, muss man abwarten".