Beim Gift kommt es auf die Dosis an, das hat schon Paracelsus betont. Welche Dosis man allerdings im Falle des Unkrautvernichters Glyphosat als gefährlich oder ungefährlich ansehen muss, darüber streiten sich die Gelehrten. Laut einem in der vergangenen Woche vorgelegten Bericht der Internationalen Krebsforschungsagentur IARC, die zur Weltgesundheitsorganisation WHO gehört, ist Glyphosat wahrscheinlich krebserregend. Das Bundesamtes für Risikobewertung (BfR) kam bislang hingegen zu dem Schluss, dass Glyphosat – sofern sachgemäß dosiert – kein erhöhtes Risiko darstellt.

In Europa läuft die Zulassung für Glyphosat Ende 2015 nach zehn Jahren aus, über eine Erneuerung muss die EU-Kommission entscheiden. Das wird sie auf Grundlage einer Empfehlung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) tun – und diese hat gerade angekündigt, sich für ihr Urteil mehr Zeit zu lassen als eigentlich geplant. Ursprünglich wollte die Efsa ihre Empfehlung bis 13. August abgeben. Wegen der IARC-Studie verschob sie den Termin nun mindestens bis Ende Oktober.    

Verbraucher- und Umweltschützer hoffen auf ein Verbot. Die Organisation Foodwatch will eine etwaige Neuzulassung mit einer E-Mail-Aktion an den Efsa-Präsidenten Bernhard Url stoppen. Auch das deutsche Umweltinstitut, das sich für ökologischen Landbau stark macht, ist dafür, Glyphosat komplett vom Markt zu nehmen. "Wenn ein Stoff krebserregend ist, dann ist er vollständig zu vermeiden", sagt Sophia Guttenberger, Gentechnik-Referentin beim Institut. "Man kann keine Dosis festlegen, wann so ein Stoff schädigt. Das kann von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein."

Nicht irgendein Pestizid

Das BfR hingegen sieht keinen unmittelbaren Handlungsbedarf. Näheres müssten die Behörden entscheiden, etwa das deutsche Ministerium für Verbraucherschutz und Landwirtschaft. Dieses ging bisher davon aus, dass nicht das Glyphosat selbst gesundheitsschädigend sei, sondern die zugesetzten Beistoffe, Tallowamine genannt. Deren Gebrauch hat das Ministerium bereits 2010 in der Bundesrepublik eingeschränkt.

Der Streit ist brisant, denn es geht nicht nur um irgendein Unkrautvernichtungsmittel. Glyphosat ist das am häufigsten eingesetzte Pestizid der Welt. Von den 2,5 Millionen Tonnen Pflanzengiften, die jährlich weltweit ausgebracht werden, sind rund 800.000 Tonnen glyphosathaltige Mittel, also ein Drittel. Es hilft Obst- und Weinbauern gegen den Unkrautwuchs, hält Raps- und Winterweizenfelder wildwuchsfrei, wird von der Berliner Stadtreinigung ebenso verteilt wie bei der Säuberung von Bahngleisen. Und die Regierung Kolumbiens geht damit bisher sogar gegen den illegalen Koka-Anbau vor, hat allerdings nach Bekanntwerden des IARC-Befunds beschlossen, Glyphosat künftig nicht mehr zu verwenden.

Käme die Landwirtschaft denn überhaupt ohne dieses Pestizid klar? Auch hierzulande kommt Glyphosat reichlich auf die Äcker, rund 6.000 Tonnen sind es Jahr für Jahr. Rund 30 bis 39 Prozent der Landwirtschaftsflächen werden damit gespritzt, belegen Umfragen der Universitäten Gießen und Göttingen unter Landwirten. 

Glyphosat ist praktisch

Im Norden der Republik läuft bei 100 Prozent der Zuckerrübenernte und beim Mais ohne das Pflanzengift nichts. Bei 50 bis 70 Prozent der Wintergerste und des Winterweizens kommt Glyphosat ebenfalls zum Einsatz. Es ist "zur konservierenden Bodenbearbeitung in vielen Regionen eine Standardmaßnahme", stellen die Studienautoren Michael Schmitz und Hendrik Garvert vom Institut für Agrarpolitik der Universität Gießen fest. Heißt: oft spart Glyphosat den Bauern das Pflügen. 

Auch darüber hinaus erleichtert es den Bauern die Arbeit sehr, wenn sie ihre Felder nur einmal vor der Ernte spritzen müssen und sich danach die Verbreitung von Unkraut erledigt hat. Wird das Glyphosat kurz vor der Ernte aufs Feld gebracht, sterben bestimmte Pflanzenteile ab und lassen Weizen und Gerste schneller abreifen, wie es im Fachjargon heißt. Und auch zwischen der Sommer- und Winterbepflanzung räumen die Landwirte damit noch einmal flott ihre Felder auf. Weil das Gift so praktisch ist, weil es alles schädliche Grünzeug tötet, hat sich die verspritzte Menge hierzulande von 1999 bis 2010 verdoppelt.

Für die Hersteller ist das ein Riesengeschäft. Allen voran für den Agrarkonzern Monsanto, der sich den Stoff 1974 patentieren ließ und lange der Alleinproduzent war.

"Viele andere Unkrautvernichter sind noch schädlicher als Glyphosat"

Roundup heißt Monsantos Pflanzengift. Erst dieses Mittel machte auch die rasche Verbreitung von gentechnisch veränderten Pflanzen möglich, wie Genmais und -soja, an denen Monsanto prächtig verdient. Sie werden genetisch so manipuliert, dass ihnen das Gift nichts anhaben kann. Inzwischen gibt es allerdings Dutzende von Herstellern, die Glyphosat-Produkte vertreiben; allein 93 verschiedene Mischungen sind in Deutschland zugelassen. Auch Bayer Crop Science, BASF Plant Science, Syngenta oder Pioneer verdienen mit dem umstrittenen Stoff viel Geld. Insgesamt sollen die Hersteller damit zurzeit weltweit rund 5,5 Milliarden Dollar umsetzen, sagen Schätzungen.

Und es wird regelmäßig mehr, denn je mehr Gentechnik sich auf den Feldern verbreitet, desto häufiger greifen Bauern zu Glyphosat, auch während der Wachstumsphase. Und da das Mittel auch den Ertrag steigert – weil wegen des fehlenden Unkrauts die Nutzpflanzen besser wachsen – nutzen auch immer mehr konventionelle Bauern die Wunderwaffe.

Die Landwirte lassen sich nicht abschrecken

Dem Agrarriesen Monsanto bescherte das zuletzt ein jährliches zweistelliges Umsatzwachstum und einen steigenden Gewinn nach Steuern, der seit 2011 jährlich um 20 bis 45 Prozent wuchs. Im vergangenen Jahr schossen Gewinn und Umsatz zwar nicht mehr ganz so arg in die Höhe. Ob das aber an der Diskussion über Gesundheitsgefahren gelegen hat, darf man bezweifeln. Nachdem die Krebsforscher der IARC im März das Ergebnis ihrer Studie bekannt gaben – das komplette Papier veröffentlichten sie da noch nicht – legte Monsantos Umsatz mit Pflanzenschutzmitteln um 15 Prozent kräftig zu. Die Anwender scheint die Diskussion also eher nicht abzuschrecken. Die Investoren hingegen schon: Seit März fiel Monsantos Aktienkurs um 15 Prozent.

Natürlich könnten die Landwirte auch ohne den Bestseller arbeiten. Doch die große Frage ist: Was würden sie stattdessen gegen Unkraut tun? "Viele andere Unkrautvernichter sind noch schädlicher als Glyphosat", gibt Sophia Guttenberger vom Umweltinstitut zu bedenken. Und wie würde sich ein Verbot auf Anbau und Ertrag auswirken? Die Gießener Studie hat die mögliche Wirkung eines Verbots untersucht und kommt zu dem Ergebnis: Auch weil Resistenzen zunehmen, müsste dann insgesamt mehr Unkrautvernichtungsmittel gespritzt werden – und das mehrmals im Jahr, denn viele Pestizide sind nicht so wirksam wie Glyphosat.  

Dennoch würden die Landwirte wahrscheinlich geringere Erträge erzielen. Sie könnten auch wieder stärker aufs Pflügen setzen, also die maschinelle Unkrautvernichtung. Das allerdings brächte höhere Maschinenkosten mit sich und würde mehr Arbeitskraft erfordern. In Summe jedenfalls sänke die Leistung pro Hektar, während die Kosten stiegen. Bis zu 30 Prozent unrentabler könnte der Anbau dadurch sein.

Umstieg auf Öko-Landwirtschaft?

Die Folge wären steigende Preise für Nahrungs- und Futtermittel und höhere Importe aus anderen Ländern. Die EU könnte insgesamt 1,4 Milliarden Dollar an Wohlfahrtsverlusten erleiden. Den direkten Mehrertrag, den das Glyphosatspritzen bringt, weil die Pflanzen besser wachsen, beziffern Schmitz und Garvert demgegenüber auf 80 bis 200 Millionen Euro.

Das ist allerdings nur eine Meinung. Die Studie der Universität Göttingen geht etwas optimistischer davon aus, dass der Pflug wieder auf knapp doppelt so vielen Flächen zum Einsatz käme und der Pestizideinsatz insgesamt zurückginge. Theoretisch wäre es möglich, dass alle Bauern auf ökologische Landwirtschaft umschwenken und auf chemische Mittel verzichten, so wie es sich das Umweltinstitut erträumt.

Praktisch jedoch wird es bei der Verbotsdiskussion ums Glyphosat – so traurig es auch ist – eher darum gehen, was das kleinere Übel ist: die mögliche Gesundheitsgefahr oder die möglichen großen Ernteausfälle? Und das hängt dann wohl doch von der Dosis ab.