Donald Trump spricht auf Fox News erneut aus, was viele konservative Amerikaner nur allzu gerne hören. "Obamacare", poltert der republikanische Präsidentschaftskandidat in gewohnter Manier, sei schlicht "ein einziges Desaster". Es ist die erste große TV-Debatte der republikanischen Bewerber, und das Publikum in der Halle belohnt den derzeit in Umfragen führenden Trump mit Begeisterung. Sollte er ins Weiße Haus kommen, verspricht Trump dann, werde er die Reform rückgängig machen und "mit etwas Großartigem ersetzen".

Der Affordable Care Act, so der offizielle Name der Reform, gehört zu den Lieblingszielen der Republikaner im laufenden Wahlkampf. Kaum ein Programm verkörpert die Angst des konservativen Amerikas vor dem Eingreifen der Regierung in das Privatleben und die Freiheit so sehr wie Obamas Krankenversicherungsreform. Eine von Washington auferlegte Versicherung, so der Tenor von Fox News bis zur Tea Party, könne nur steigende Kosten für Bürger und Regierung, mehr Arbeitslose und politische Willkür bedeuten. Kein anderes Thema, sagt Matthew Buetggens vom Urban Institute in Washington, sei so sehr politisiert worden.

Dabei ergibt sich rund zwei Jahre nach dem holprigen Start abseits der politischen Verzerrungen eine positive Bilanz. 16 Millionen Amerikaner haben dank des Affordable Care Acts erstmals eine Versicherung, weil das Medicaid-Programm ausgeweitet wurde, die Versicherungen durch staatliche Subventionen für viele bezahlbarer und für die Mehrheit der Amerikaner verpflichtend wurden. Bis 2025 soll die Zahl auf 25 Millionen steigen. Die Quote der Nicht-Versicherten ist von 20 auf einen historischen Tiefstand von 13 Prozent gefallen.   

Arbeitsplätze gingen nicht verloren

Obama habe ein Gesetz geschaffen, das das Leben von Millionen Amerikanern trotz aller Versuche seiner politischen Gegner besser und sicherer gemacht habe, schrieb Nobelpreisträger Paul Krugman vor Kurzem in der New York Times. Nur noch elf Prozent der Versicherten haben das Gefühl, es gehe ihnen wegen Obamacare schlechter, die Mehrheit ist mit dem Status quo zufrieden. "Der große konservative Albtraum", so Krugman, "ist wahr geworden". Allerdings: Rund 31 Millionen Amerikaner werden laut Schätzungen auch in Zukunft ohne Krankenversicherung bleiben, weil sie trotz allem lieber die unter dem Gesetz fällige Strafe zahlen, keine Papiere haben oder in einem Staat wohnen, der das Medicaid-Programm nicht ausgeweitet hat.

Nebenwirkungen gibt es zwar, doch fallen sie weitaus weniger stark aus, als von den Gegnern der Reform prophezeit. Die Republikaner hatten noch 2014 vor deutlich steigenden Kosten gewarnt. Tatsächlich sind die Beitragszahlungen im ersten Jahr um zwei Prozent gestiegen. Einige Versicherer haben ihre Beiträge nahezu verdoppelt oder bestehende Policen gekündigt. Doch weil es grundsätzlich mehr Versicherer gibt und die Policen dank der eingerichteten Onlinebörsen leichter zu vergleichen sind als zuvor, haben die Amerikaner mehr Wahlmöglichkeiten.

Zudem hat sich die Qualität der Versicherungen seit dem Start vor zwei Jahren deutlich verbessert. Vor Obamacare habe es auf dem freien Markt Policen gegeben, die Krankenhauskosten gleich völlig ausklammerten, oder Angebote für junge Leute, die gerade mal 40 Prozent der Gesundheitskosten übernahmen, sagt Matthew Buettgens. Beides ist unter Obamacare nicht mehr möglich. "Dass die neuen Policen in solchen Fällen teurer sind, ist kein Wunder", so der Ökonom.

Auch am Arbeitsmarkt bleiben die negativen Folgen aus, die die Gegner der Reform heraufbeschworen hatten. Anstatt den Aufschwung zu bremsen, ist das Wachstum auch nach Obamacare stabil. Seit dem Start hat die US-Wirtschaft monatlich rund 240.000 neue Jobs geschaffen – der größte Anstieg seit den neunziger Jahren. Die Befürchtung, Arbeitgeber würden die Stundenzahl ihrer Mitarbeiter nun massenweise unter 30 Stunden pro Woche drücken, um der Versicherungspflicht zu entgehen, scheint sich ebenfalls nicht zu bewahrheiten: Der Anteil der Arbeitnehmer mit weniger als 30 Stunden Arbeitszeit ist laut dem privaten IT-Dienstleister ADP seit 2013 stabil geblieben.

"Ob die Reform die Zahlen in die eine oder andere Richtung beeinflusst, lässt sich kaum sagen", meint Matthew Buettgens. Um ein wirklich umfassendes Bild zur Bilanz zu bekommen, sei es zu früh. Denn es fehlt bislang an den nötigen Daten, die zeigen, wer mit der Reform tatsächlich erreicht wurde – und wer noch immer durch das Raster fällt.