Der hohe Preis des billigen Öls – Seite 1

2015 könnte die Geschichte der Ölförderung um ein einschneidendes Ereignis reicher werden: Die Ölindustrie wird wahrscheinlich den stärksten Einnahmerückgang innerhalb eines Jahres in ihrer gesamten Historie erleben. Seit Mitte 2014 sinkt der Ölpreis gewaltig – und steigen wird er so schnell nicht wieder, prognostiziert nun die Internationale Energieagentur IEA. Die Organisation geht davon aus, dass er mindestens bis Mitte kommenden Jahres auf dem niedrigen Niveau verbleiben wird.

Die Folgen für die Öl exportierenden Länder sind dramatisch. Ihre Gewinne werden in diesem Jahr um geschätzt 50 Prozent auf 380 Milliarden Dollar zurückgehen. Doch nicht alle Förderländer trifft die Entwicklung gleichermaßen hart. Während einige Staaten die niedrigen Preise vielleicht sogar zu ihrem Vorteil ausnutzen können, bedeuten sie für andere vielleicht sogar den Ruin. Hier sind die großen Gewinner und Verlierer des niedrigen Ölpreises.

Die Gewinner:

Saudi-Arabien:
Der alte und neue Gewinner im Ölgeschäft wird wohl Saudi-Arabien sein. Saudische Scheichs sitzen nicht nur auf Unmengen von Ölreserven – rund 268 Milliarden Tonnen. Es lässt sich auch leicht fördern, sie müssen nur die Hähne aufdrehen. Das tun sie bereits. Ende 2014 waren es vor allem sie, die sich weigerten, die weltweite Fördermenge zu reduzieren. Sie pumpten fleißig weiter 11,7 Millionen Barrel täglich auf den Markt. Deshalb sind sie im Grunde die wahren Auslöser für den großen Preissturz beim Öl.

Kritiker werfen Saudi-Arabien vor, damit die Konkurrenz aushungern zu wollen. Denn die Saudis können für 40 Dollar je Barrel noch kostendeckend Öl fördern, was viele andere nicht können. Vor allem nicht der große Konkurrent USA. Natürlich leidet auch Saudi-Arabien unter den niedrigen Preisen – zumindest ein bisschen. Denn der Staatshaushalt des Landes beruht zum großen Teil auf Öleinnahmen. Und bei den derzeitigen Tiefstpreisen verbrennt das Land Devisenreserven, um seine laufenden Ausgaben zu decken. Allein 20 Milliarden an Petrodollarreserven schmolzen im Februar dahin. Der Haushalt werde bald ins Minus rutschen, heißt es von der Regierung. Eine Weile lang kann sie sich das aber leisten, schließlich hat sie durch Zukäufe diverser Großbanken und internationaler Großkonzerne ihr Staatsportfolio diversifiziert.

Iran:
Eines der wichtigsten Ölförderländer hatten viele zuletzt nicht mehr auf der Liste: Der Iran sitzt auf 157 Milliarden Barrel Öl und damit auf den viertgrößten Reserven der Welt. Die Förderung hatte er wegen der Wirtschaftssanktionen stark einschränken müssen. Noch in den 1970er Jahren förderte Iran sechs Millionen Barrel täglich, 2012 noch 3,5 Millionen Barrel und zuletzt nur noch 2,8 Millionen Barrel. Doch mit der Beilegung des Atomstreits im Juli sollen die Sanktionen bald aufgehoben werden.

Der Iran könnte die Produktion deshalb bald wieder hochfahren. Vermutlich ab dem ersten Halbjahr 2016 ist wieder eine üppigere Förderung möglich. Doch es liegen größere Ölvorräte in den Lagern und auf Schiffen. Das könnte 30 Millionen Barrel auf den Markt spülen. Schon bald sollen wieder 4,7 Millionen Barrel pro Tag gefördert werden. Das ist zwar nur ein Zwanzigstel der Weltfördermenge, es würden aber enorme Einnahmen in die Staatskasse kommen.

China:
Nur wenige denken beim Öl an China. Doch die Volksrepublik hat sich auch in diesem Sektor klammheimlich in die Weltspitze geschoben. Sie fördert rund 4,6 Millionen Barrel täglich. Das sind zwar nur fünf Prozent der Gesamtproduktion, es reicht aber, um die Nummer fünf der Produzenten zu sein, hinter den USA, Saudi-Arabien, Russland und Kanada. Nun konsumiert China weit mehr, als es produziert, nämlich sieben Millionen Barrel täglich. Genau das ist der Grund, weshalb es vom billigen Ölpreis profitiert.

Ganz groß nämlich ist die Volksrepublik bei der Produktion von Industriemetallen und Rohstoffen wie Stahl, Eisenerz, Kohle und Aluminium – hier decken die Chinesen mehr als 40 Prozent der weltweiten Produktion ab. Diese Branchen sind aber energieintensiv und benötigen Unmengen von Öl. Dadurch, dass die Volksrepublik den Schmierstoff für ihre Volkswirtschaft erheblich billiger einkaufen kann, macht sie noch bessere Gewinne.

Fracking lohnt sich nicht mehr

Die Verlierer:

Die USA:
Die Vereinigten Staaten hatten sich gerade erst zum weltgrößten Produzenten aufgeschwungen: Die USA förderten im August 2014 erstmals mehr Öl als Saudi-Arabien, rund neun Millionen Fass am Tag. Bis 2020 wollten die USA sogar energieautark sein und kein Öl mehr importieren müssen. Vor allem wegen der Fracking-Technologie sprudelt nun wieder massenhaft Öl aus dem Boden. Die Schieferöl- und Schiefergas-Gewinnung hat die Produktionsmengen allein seit 2009 um 70 Prozent gesteigert. Noch jubeln die USA wie andere Industrieländer über das günstige Öl, das gut für Verbraucher und die Wirtschaft ist.

Aber: Fracking ist sehr teuer. Dabei werden unterirdische Gesteinsschichten mittels eingepresster Gase aufgebrochen und das Öl herausgedrückt. Bei einem Ölpreis von über 100 Dollar je Barrel lohnte sich das noch. Bei Preisen unter 80 Dollar aber können viele Fracking-Firmen ihre Kosten nicht mehr decken, sagen Marktexperten. Etliche Förderer würden wohl 2015 dichtmachen müssen.

Dazu kommt: Viele amerikanische Hedgefonds haben in extrem risikoreiche Anleihen von Frackingfirmen investiert und damit den Ausbau der Technologie erst ermöglicht. Rund 3,4 Milliarden Dollar sollen allein 2013 in den Sektor geflossen sein. Kollabieren die Fracking-Firmen, platzen auch deren Anleihen. Das könnte für die Investoren einen Ausfall in Milliardenhöhe bedeuten und vielleicht sogar eine neue kleine Finanzkrise auslösen.

Venezuela:
Das sozialistische Venezuela ist reich – aber leider nur an Öl. Die Hälfte der Staatseinnahmen und ein Viertel des Sozialprodukts speisen sich aus dem Ölverkauf. Auch fast sämtliche Deviseneinnahmen erzielt das Land damit. Und diese Devisen braucht es auch dringend, denn Venezuela importiert sehr viel aus dem Ausland. Bisher verkaufte die Regierung ihr Öl noch zu Preisen, bei denen sich Einnahmen und Ausgaben in etwa die Waage hielten, und verkündete großspurig, sie habe genug Geld. Bei 100 Dollar je Barrel stimmte das. Inzwischen verkauft Venezuela sein Rohöl für weit unter 40 Dollar.

Schon im Januar räumte der sozialistische Präsident Nicolás Maduro ein: "Wir haben ernsthafte wirtschaftliche Schwierigkeiten." Im Februar steckte das Land bereits tief in der Rezession und führte ein neues Wechselkurssystem gegen den Währungsverfall ein. Seitdem ist klar: Die sozialistische Regierung, die am Tropf der Ölindustrie hängt, und der sinkende Ölpreis sind kein staatstragendes Gespann mehr – dabei hatten die Sozialisten zuvor die Abhängigkeit vom Öl noch zusätzlich gefördert. Zuletzt tingelte der Staatspräsident durch Asien und den Nahen Osten auf der Suche nach Finanziers, die seinem Land Kredite geben würden, um die Zeit des billigen Öls zu überstehen. Große Zusagen brachte er aber nicht mit nach Hause. Die Pleite ist nun nah.

Russland:
Hier ist die Krise schon da. Russland leidet darunter, dass seine Realwirtschaft schwächelt, der Rubel fällt und die Inflation 17 Prozent beträgt. Im zweiten Quartal 2015 brach die Wirtschaftsleistung um 4,6 Prozent ein, so stark wie seit der Krise von 2009 nicht mehr. Wenn nun Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew, der eher als Optimist bekannt ist, sagt, die Veränderung beim Bruttoinlandsprodukt "zwinge ernsthaft zum Nachdenken", darf man die Lage durchaus als ernst werten. Auch ohne Ölpreisverfall.

Der Preissturz macht es allerdings noch dramatischer: Russland ist vom Öl ähnlich abhängig wie Venezuela. Rund 68 Prozent seiner Gesamteinnahmen erzielt es aus dem Geschäft mit Öl und Gas. Weitere 10 Prozent mit Industriemetallen, deren Preise ebenfalls am Öl hängen. Ohne die Einnahmen aus Ölfördersteuern und Ausfuhrzöllen hätte das russische Finanzministerium nur halb so viel Geld. Der Staat erlöste zuletzt 174 Milliarden Dollar aus dem Export von Rohöl und weitere 109 Milliarden Dollar mit anderen Ölprodukten, demnächst nur noch die Hälfte davon.

Es rächt sich noch etwas anderes: Viele Ölfelder und Raffinerien gehören ausländischen Energiekonzernen, die das Öl auf dem Weltmarkt für Dollar verkaufen. Aber sie zahlen ihre Steuern in Russland in Rubel. Und dessen Wert sinkt rasant. Dem Staat versiegen also die Einnahmen. Inzwischen droht bereits jeder vierten der 83 russischen Regionen der Bankrott, beziffert die Wirtschaftsuniversität Moskau. Das Haushaltsdefizit des Staates lag zuletzt bei 3,7 Prozent – und es ist das einzige, was in der derzeitigen Wirtschaftslage noch wächst.