Der Renten-Irrweg – Seite 1

Wie schwer es uns vor einem Regal mit 20 Marmeladensorten fällt, uns zu entscheiden, haben Ökonomen untersucht. Im Zweifel kaufen wir gar keine, weil wir uns überfordert fühlen. Dabei hängt vom Brotaufstrich nun wirklich nicht unser Leben ab. Da wundert es nicht, dass wir uns bei einer wirklich wichtigen Entscheidung erst recht gelähmt fühlen, nämlich wenn wir vor der Frage stehen: Wie spare ich fürs Alter?

Ein Drittel der Bevölkerung beantwortet diese Frage inzwischen mit "gar nicht". Wieso auch? Man weiß ja heutzutage gar nicht mehr, wie man das überhaupt noch machen soll. Ständig ist von Minizinsen und Aktiencrashs die Rede, von "Sparern in der Riesterfalle" und dem "Irrweg Betriebsrente". Wohin soll man da noch sein Geld stecken?

Gleichzeitig ist den meisten wohl bewusst, dass sich dieses Nichtstun später nicht gerade auszahlen wird. Denn die gesetzliche Rente schrumpft, schon seit Jahren, genau wie die Bevölkerung. Weil wir gleichzeitig immer älter werden, hat der Staat das Niveau der Rente immer weiter abgesenkt. Heute liegt sie bei knapp 48 Prozent des letzten Nettolohns, 2030 werden es nur noch 43 Prozent sein. Während die Generation der bis 1950 geborenen Männer heute im Schnitt 1.000 Euro Monatsrente vom Staat bekommt (Frauen 800 Euro), haben die von 1967 bis 1971 Geborenen nur noch durchschnittlich rund 600 Euro zu erwarten, sagen Hochrechnungen.    

Durchschnittsrente auf Sozialhilfeniveau

Das ist weniger als das, was der Staat derzeit als Grundsicherung zahlt, also als die Sozialhilfe. Jedenfalls, wenn wir weitermachen wie bisher.

Die Prognosen sind ernüchternd: Wer 40 Jahre lang in die Rentenkasse einzahlt, bekommt nur dann mehr als die Grundsicherung heraus, wenn er kontinuierlich mindestens 2.300 Euro brutto verdient. Wer nur 35 Jahre lang arbeitet, muss sogar 2.700 Euro heimbringen. Sehr viele Arbeitnehmer werden das nicht schaffen, zumal höchstens Zweidrittel von uns ihr Leben lang Vollzeit arbeiten ohne Unterbrechung. Die meisten legen durch Arbeitslosigkeit oder Familie Einzahlungspausen ein. 

Zudem kommt eine große Herausforderung auf die Gesellschaft zu: Derzeit zahlen die geburtenstarken Jahrgänge in die Rentenkasse ein und sie stehen einer dezimierten Generation von Rentnern gegenüber, in die der Krieg große Lücken gerissen hat. Demnächst gehen die Geburtenstarken selbst in Rente – und müssen finanziert werden von der Generation Pillenknick und ihrer immer überschaubareren Anzahl von Nachfolgern.

Wer kein Geld hat, kann nicht sparen

Doch was ist die Lösung der Rentenmisere? Ganz klar, wir müssen privat vorsorgen, so trichtern uns Politiker und Rentenexperten seit den 90er Jahren ein. Seitdem schwächten sie die erste Säule der Altersvorsorge (gesetzliche Rente) mit mehreren Reformen, um die zweite und dritte Säule, die der privaten Vorsorge, zu stärken (Betriebsrente und Riester).

Nur funktioniert das Ganze längst nicht wie gedacht, denn weder die Zahl der Sparer noch deren Erträge überzeugen: 52 Millionen Erwerbstätige zahlen (aktiv oder passiv) in die gesetzliche Rentenkasse ein. Nur knapp 20 Millionen sparen zusätzlich für eine Betriebsrente (bAV) und noch weniger, etwa 15 Millionen, haben einen Riestervertrag. Und die Zahlen stagnieren.

Privatsparverträge schlossen vor allem die Besserverdiener ab. Die vier Millionen Geringverdiener dagegen nutzen die geförderten Sparformen nur selten – weil sie dafür schlicht kein Geld übrig haben, wie Umfragen immer wieder ergeben. Von den knapp fünf Millionen Minijobbern, die auch nichts in die Rentenkasse einzahlen, dürfte gar keiner privat vorsorgen. Damit fehle die private Vorsorge genau da, wo sie am nötigsten sein wird, beklagt das Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung: bei denen, die als Rentner akut armutsgefährdet sein werden.

Betriebsrenten schaden dem Rentensystem

Wer aber tatsächlich einen privaten Vertrag bespart, wird sich wundern, wie wenig dabei herauskommt. Die hohen Kosten der Riesterprodukte und ihre mangelnde Transparenz bemängeln Finanzexperten schon lange. Sinkende Garantiezinsen und schrumpfende Auszahlungen der Lebensversicherer tun ihr Übriges, um Zweifel zu schüren, ob sich diese Sparform überhaupt lohnt – und für wen. Die Demografie-Kommission der Heinrich-Böll-Stiftung nennt das eine "systemische Ungewissheit", und sagt: Diese Ungewissheit "dürfte das ihre zur schwindenden Attraktivität  der kapitalgedeckten Formen der Altersvorsorge beigetragen haben".

Ähnlich ungewiss sind die Erträge der Betriebsrente. Nicht einmal der Kapitalerhalt sei in 80 Prozent der Fälle garantiert, stellten Verbraucherschützer und Versicherungsmathematiker fest. Das heißt: Es ist sehr wahrscheinlich, dass ein Sparer am Ende weniger herausbekommt, als er jahrzehntelang eingezahlt hat.

Das Fatale dabei: Mit den Einzahlungen in die Betriebsrente schmälert jeder Sparer zudem seine gesetzliche Rente. Denn durch die Entgeltumwandlung gehen die Sparbeträge vom unversteuerten Bruttogehalt ab. Sie reduzieren das Einkommen und entziehen dem gesetzlichen Rentensystem Beiträge.

Indem der Staat die private Vorsorge förderte, vergrößerte er das Problem

Längst sagen Sozialpolitikforscher wie Wilfried Schmähl, ehemaliger Vorsitzender des Sozialbeirates der Bundesregierung, deshalb: Genau dadurch, dass der Staat versucht hat, die gesetzliche Rente durch kapitalmarktabhängige Sparformen zu ersetzen, hat er das Problem der schrumpfenden Renten nicht gelöst – sondern es erst verursacht. Die Kapitalmärkte sorgen langfristig eben nicht für sichere und ausreichende Erträge, zumindest nicht, solange Alterssparen so sehr an Lebensversicherungen gebunden ist wie zurzeit. Die Altersarmut nimmt eher zu.

Den Ausweg aus dem Dilemma sehen viele Demografie- und Rentenexperten inzwischen in einem: Statt des privaten Sparens muss die gesetzliche Rente wieder gestärkt werden. Gerade weil das Kapitalmarktsparen in die Krise geraten ist, könnte das gesetzliche System beweisen, wie stabil es ist. Es ist dabei sogar von Vorteil, dass die Politik in das gesetzliche System eingreifen kann – sofern sie es denn richtig macht.  

Allerdings war das bisher nicht immer der Fall. Reiner Klingholz, Direktor des Berlin Instituts, kritisiert: Die Mütterrente und Rente mit 63 verursacht zusätzliche Kosten; und obwohl die Bundesregierung versprochen hat, für mehr Generationengerechtigkeit zu sorgen, tut sie damit genau das Gegenteil.

Die Löhne müssten steigen

Selbst wenn die Bevölkerung weiter schrumpft: Auch künftig wird die Wirtschaft einen Produktivitäts- und Wachstumsschub erleben, da sind Ökonomen sicher. Brächte der nicht nur steigende Kapitalrenditen, sondern auch Lohnzuwächse, spülte das künftig mehr Geld in die Rentenkasse.

Doch das Wichtigste ist: Die Zahl der Einzahler ins Rentensystem muss kräftig wachsen. Das ließe sich sogar machen, auch wenn das ein oder andere Instrument dazu etwas radikal klingt:

Zuerst muss man die "stille Reserve" heben, also die 11 Millionen Erwerbsfähigen in Jobs bringen, die bisher nicht arbeiten. Vor allem die vielen gut ausgebildeten Frauen, die derzeit aus familiären Gründen zu Hause bleiben oder nur Mini-Teilzeitverträge haben. Oder die Älteren.

Um eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit komme das System ohnehin nicht herum, fordern etwa das Berlin Institut und die Böll-Stiftung unisono. Möglichst viele Einzahler müssten möglichst lange im System bleiben. Da ist die jüngst eingeführte Rente mit 63 das völlig falsche Signal. Vorbildländer wie Dänemark koppeln den Renteneintritt dagegen an die steigende Lebenserwartung, nach dem Motto: Durchschnittlich 14,5 Jahre im Ruhestand sind genug. Das hieße für die Generation der heute 40-Jährigen, dass sie vermutlich bis 70 arbeiten wird.

Eine Billion Euro für Beamte

Außerdem wächst unsere Gesellschaft ja neuerdings, trotz der fehlenden Kinder: Der Zuzug vieler Zuwanderer, der seit 2012 erstmals wieder den Bevölkerungsschwund aufhält, hilft der Rentenkasse enorm – vorausgesetzt sie dürfen arbeiten. Gut ausgebildet sind viele von ihnen allemal.

Und dann gibt es da noch die über sechs Millionen Beschäftigten, die schon existieren, aber bisher nicht in die Rentenkasse einzahlen, nämlich die Beamten und Selbstständigen. Sie machen rund ein Siebtel der Erwerbstätigen aus. Den Gedanken, sie in den Generationenvertrag einzubinden, hegen Sozialpolitiker schon lange. Bisher zahlt der Staat die Renten der Beamten, doch weil er dafür keine Rücklagen gebildet hat, nimmt er das Geld aus den Steuereinnahmen. Das kommt zunehmend teuer und wird 2050 rund eine Billion Euro kosten. Künftig könnte der Staat wie andere Arbeitgeber auch in die Rentenkasse einzahlen und die Beamten könnten ebenso ihren Beitrag leisten. Gerechter wäre das allemal.

Selbstständige zahlen bisher meist in berufsständische Versorgungswerke ein, die auch an Versicherungsunternehmen hängen. Bisher garantierten sie gute Auszahlungen, nun schrumpeln sie aber wegen sinkender Zinsen und Überschüsse ebenfalls dahin. Es könnte also für Selbstständige sogar von Vorteil sein, wenn sie in die gesetzliche Rente einzahlen. Allerdings sind die Hälfte der Selbstständigen, rund zwei Millionen, Soloselbständige und Niedrigverdiener mit Ich-AGs. Ihre Zahl wächst noch rasant und ihnen könnte es tatsächlich schwerfallen, überhaupt fürs Alter zu sparen. 

Den anderen aber könnte geholfen sein, wenn man ihnen in der Altersvorsorge wieder die Qual der Wahl abnimmt.