Der Moment der Wahrheit kommt in einem kleinen Restaurant, nur ein paar Schritte vom Vatikan entfernt. Marina Nikolajewa ist mit einer Freundin im Rom-Urlaub und es ist Zeit fürs Abendessen. Die jungen Frauen suchen lange auf der Speisekarte nach einem günstigen Gericht. Für Urlauber aus Russland ist Italien teuer geworden, der heimischen Wirtschaftskrise und dem Rubelverfall sei Dank. Für ihre Rubel bekommen die Russen immer weniger Euro. Wer heute nach Europa fährt, hat entweder keine Geldsorgen – oder achtet genau auf seine Ausgaben.

In ihrer Heimat spüre sie die Krise gar nicht so stark, sagt die Geschäftsfrau aus St. Petersburgs gehobener Mittelschicht, aber hier, in Italien, seien die Ausgaben jetzt viel höher. "Deshalb versuche ich, Geld zu sparen", sagt sie. Nikolajewa bestellt einen einfachen Teller Pasta und verzichtet auf das Menü mit Vor- und Nachspeise. Der Italien-Trip war schon länger geplant, den wollte sie nicht mehr absagen. Das nächste Mal aber fahre sie vielleicht auf die Krim: "Meine Freunde haben erzählt, dort soll es sehr schön sein." Am Montag besucht auch Russlands Präsident Wladimir Putin die Halbinsel und will für den dortigen Tourismus werben.

Viele Russen orientieren sich gerade neu, nicht nur jene dünne Schicht der Gesellschaft, die zur Ferienzeit regelmäßig ins Ausland reisen konnte. Solange die Löhne im Land stiegen, ging es nicht nur für sie bevorzugt in die Türkei, nach Ägypten oder in die Europäische Union. Inzwischen ist das anders. Immer mehr Russen entschieden sich, diesen Sommer in der Datscha zu verbringen, dem Ferienhäuschen außerhalb der Stadt. Die Alternative: Sie machen irgendwo in Russland Urlaub. Schätzungen zufolge sollen bis zu 50 Prozent weniger Russen nach Europa reisen.

Der Automarkt ist eingebrochen

Die lang von Russland kleingeredete Krise ist mittlerweile offensichtlich: Das Land steckt in einer tiefen Rezession. Und die lässt sich nicht mehr schönreden. Im April verkündete Präsident Wladimir Putin, die Wirtschaft sei wieder auf dem Weg der Erholung. Tatsächlich schrumpfte sie im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 4,6 Prozent, wie die jüngsten Zahlen der Statistikbehörde Rosstat belegen. Es ist der größte Rückgang seit dem Krisenjahr 2009. Schon im ersten Quartal 2015 sank das Bruttoinlandsprodukt um 2,2 Prozent.

Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew glaubt, das Minus wird am Jahresende bei 2,8 Prozent liegen. Andere Experten rechnen damit, dass die Wirtschaft um 3,5 Prozent schrumpfen wird. Der immer noch sehr niedrige Ölpreis trifft das Land hart. Russland hat jahrelang notwendige Reformen verschleppt und die hohe Abhängigkeit von Öl- und Gasverkäufen nicht reduziert. Hinzu kommt eine schleppende Binnennachfrage aufgrund der Rubelschwäche. Für einen Euro muss man inzwischen mehr als 70 Rubel zahlen. Sanktionen und Gegensanktionen verstärken die Probleme. 

Also sparen viele Russen, nicht nur am Urlaub. Sie arrangieren sich mit der Situation, wie schon so oft in der Vergangenheit. Größere Anschaffungen werden vorerst aufgeschoben, was etwa die Autoindustrie besonders spürt – der Markt ist um 30 Prozent eingebrochen. Aber auch bei Gütern des täglichen Bedarfs wird stärker auf die Ausgaben geachtet, etwa bei Einkäufen im Supermarkt, bei Kleidung, Kosmetik oder Freizeitaktivitäten. Erstmals seit zwei Jahren ist die Zahl der Restaurants in Moskau und St. Petersburg gesunken.