Geht es nach den Vereinten Nationen, wird mit diesen Zielen alles anders: Armut und Hunger werden abgeschafft, Diskriminierung gibt es nicht mehr, Schulen und eine gute Gesundheitsversorgung stehen sämtlichen Bürgern offen, und die Staaten unternehmen alles, um ungleiche Lebensverhältnisse zu bekämpfen. Umwelt und Klima werden geschützt, die Wirtschaft wird dennoch angekurbelt. Die Gesellschaften üben sich im friedlichen Zusammenleben und jeder Bürger hat Zugang zur Justiz. 17 globale Ziele mit 169 Unterzielen sind es insgesamt; schon in 15 Jahren sollen sie erreicht sein.

Ehrgeiziger – und umfassender – geht es kaum. Die bisherigen Millenniumsentwicklungsziele (MDGs) der UN, die vom Jahr 2000 bis 2015 galten, hatten sich zwar auch schon mit Ökologie und Gleichberechtigung beschäftigt. Ihr Schwerpunkt aber lag eindeutig auf der Bekämpfung von Armut und Hunger, auf einer besseren Bildung und Gesundheit für alle. Und sie gelten als Erfolg, weil sie in wichtigen Teilen erreicht wurden: Die Zahl der extrem Armen hat sich, seit die UN-Agenda verkündet wurde, halbiert vor allem wegen Chinas wirtschaftlichem Aufstieg. Die Kindersterblichkeit ging stark zurück, und die Zahl der Kinder, die wenigstens eine Grundschule besuchen, nahm zu. 

Doch während es im Kampf gegen die Armut Fortschritte gab, litt die Umwelt schwer – das war gewissermaßen der Preis des Fortschritts. Der Kohlendioxidausstoß stieg weltweit weiter an, Wälder wurden gerodet, Tierarten starben aus. Im Juni 2013 beschlossen die Vereinten Nationen deshalb auf ihrem Erdgipfel in Rio, dass Nachhaltigkeitsziele an die Stelle der MDGs treten sollen. Die neuen Sustainable Development Goals (SDGs) sollen jetzt eine wirtschaftlich, sozial und ökologisch nachhaltige Entwicklung vereinen.

Gleiche Ziele für alle

Dass Umweltschutz und Soziales so viel Gewicht erhalten, ist neu. Das eigentlich Bahnbrechende an den neuen Zielen ist aber: Sie sollen nicht mehr nur für die Entwicklungsländer gelten, sondern sie verpflichten auch die Industrienationen zum Handeln – auch bei sich zu Hause. 

Etwa wenn anständige Arbeitsplätze für alle geschaffen werden müssen, wie in Ziel Nummer 8 vereinbart; wenn es im Kampf gegen die Ungleichheit darum geht, Höchstverdiener im Inland stärker zu besteuern und Migration zwischen einzelnen Ländern zu erleichtern, wie Ziel Nummer 10 verlangt; in der Bildung, wenn es um Chancengleichheit für alle geht; wenn ein nachhaltiger Konsum verlangt wird oder wenn Ziel Nummer 13 schnelles Handeln zum Schutz des Klimas fordert. 

Auch Deutschland wird sich an den neuen nachhaltigen Entwicklungszielen messen lassen müssen: in der Flüchtlingspolitik, in der Steuerpolitik, im sozialen Wohnungsbau, im Umweltschutz und bei der Energiewende. Nimmt man die Vereinbarung der Vereinten Nationen ernst, legen die Entwicklungsziele ab dem 1. Januar 2016 damit nicht nur fest, wohin das Geld aus dem deutschen Entwicklungshaushalt fließen muss. Sie setzen vielmehr Prioritäten für den gesamten Etat, über alle Ministerien und Ressorts hinweg.    

Im September wollen die Vereinten Nationen neue Entwicklungsziele verabschieden. Sie sollen auch für die reichen Industriestaaten gelten, nicht nur für die Armen – ein Paradigmenwechsel. Wir stellen jede Woche ein Ziel vor. Ein Klick auf das Bild bringt Sie zur Übersicht.

Die große Frage ist, wie sehr das die Politik von Finanzminister Wolfgang Schäuble beeinflusst. Denn ob Staaten und Privatwirtschaft ausreichend Geld geben, wird mit über den Erfolg der 17 Ziele entscheiden. Und hinter dem Finanziellen steckt noch ein viel größerer Knackpunkt: Werden die Regierungen ihre  Entwicklungsziele wirklich mit so viel Engagement verfolgen, wie sie es in der jetzt beschlossenen Liste versprechen?

Denn die Umsetzung ist freiwillig. Jedem Staat bleibt selbst überlassen, was er tun will, um seine Ziele zu erreichen – in der Praxis heißt das: welche er priorisiert, ob er überhaupt etwas tut, und welche er vernachlässigt. 

Kritiker werfen den Vereinten Nationen deshalb Beliebigkeit vor. "Es ist für Politiker nur natürlich, zu versprechen, sich um alles zu kümmern", sagt der dänische Umweltökonom Björn Lomborg. "Aber jedem alles zu versprechen, bietet keine Richtung – 169 Prioritäten zu haben ist in Wahrheit dasselbe, wie gar keine zu haben." Er fordert eine stärkere Schwerpunktsetzung. 

Zu wenig Ehrgeiz?

Andere finden die 169 Teilziele zu schwammig formuliert und die Indikatoren willkürlich. "Die Armut überall in all ihren Formen zu beenden", sagt etwa der Philosoph Thomas Pogge, "das könnte gar nicht schöner und ehrgeiziger formuliert sein. Aber wie kann man dann in den Unterzielen als Armutsgrenze wieder die alten 1,25 Dollar pro Tag zugrunde legen? 1,25 Dollar zum Leben, für Essen, Trinken, Wohnung, Heizung, Gesundheit: Das ist absurd."

Hinzu kommt ein ganz praktisches Problem: In vielen Staaten gibt es nicht einmal genügend Daten, um Fortschritte zu beurteilen. 

Viel Aufwand also um nichts? Dagegen spricht der Erfolg der alten Millenniumsziele. Auch sie wurden anfangs als überambitioniert und unrealistisch kritisiert. Doch weltweit mobilisierten sie die Bürger. Prominente, Nichtregierungsorganisationen, Stiftungen und Regierungen setzten sich für sie ein. In Deutschland warben Benno Fürmann, Herbert Grönemeyer und David Garrett, international trommelten Bob Geldof und Bono für mehr Engagement. 

Ähnlich könnten auch die neuen Entwicklungsziele funktionieren. Immerhin: Sie markieren einen Anspruch. Und schon alleine dadurch, dass sie im September öffentlichkeitswirksam auf einem großen UN-Gipfel in New York verabschiedet werden sollen, entsteht politischer Druck. Jede Regierung, die sich danach untätig zurücklehnt, muss mit öffentlicher Kritik rechnen. Das ist zwar keine harte Sanktion, aber politisch zumindest unangenehm. Letztlich wird der Erfolg der SDGs deshalb auch davon abhängen, wie sehr die Bürger ihre Regierungen in die Pflicht nehmen und den politischen Druck auf die Mächtigen aufrechterhalten können.     

In Uganda wurde im vergangenen Jahr eine App entwickelt, die nachvollziehbar macht, wie viel Geld in Schulen und Bildung fliesst. Wie das funktioniert, erklärt das Video.