Da ist man an den Amazonas gereist und will über den Waldschutz reden. Und dann lernt man Davi Menezes kennen und besucht ihn im Hinterzimmer seines Fachgeschäftes für Büromöbel, Computer und Baumaterial. Man hat vor seinem Schreibtisch Platz genommen, auf kleinen Stühlchen mit abwaschbarem, knallgelbem Bezug, und der Gastgeber redet von einer ganz anderen Zukunft für den Amazonaswald. Einer Zukunft, in der Bäume eher nicht so die Rolle spielen.

"Ökonomisch gesehen befinden Sie sich gerade in Eldorado", begeistert sich der schmale, gepflegte Mann. Er schaut ganz zufrieden durch seine kastige Plastikbrille auf den Besuch aus dem Ausland und lässt wirtschaftliche Kennziffern über seine Heimat auf dem Bildschirm erscheinen. "Sie finden in ganz Brasilien keine Region, die so schnell wächst, wie diese hier."

Da hat er recht: Menezes lebt in Itaituba, einer 100.000-Einwohner-Stadt tief im brasilianischen Amazonaswald. Er ist hier Verbandschef der Einzelhändler und engagiert sich stark für die Förderung der Wirtschaft.

Itaituba boomt. Die Regierung will in dieser Gegend in den kommenden Jahren drei Staudämme bauen, knapp 20.000 Arbeiter und ihre Familien ziehen deshalb in die Region. Am Tapajós-Strom, der an der Stadt vorbei führt, entstehen zwölf neue Häfen, zwei davon sind schon in Betrieb. Entlang der staubigen, löchrigen Straßen von Itaituba sind die Immobilienpreise binnen weniger Jahre um das Zehnfache gestiegen. Dabei gibt es hier nicht mal eine Kanalisation. Die Stadtverwaltung will das alles bald in den Griff bekommen – den Staub, die Kanäle, die Löcher in den Straßen. Sie wartet nur noch auf viel Geld aus dem Boom.

Itaituba hat immer wieder mal einen Boom erlebt, allerdings noch nie so einen wie jetzt. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts kamen die Kautschuksammler. Dann wurde in der Gegend Gold entdeckt. Bis heute sind in den Wäldern rings um die Stadt Tausende Goldgräber unterwegs, und sie spülen an den Wochenenden Hunderttausende in die Kassen der Hoteliers, Barbesitzer und Bordellbetreiber. Wo die Goldsucher Schneisen schlagen, rollen bald die Holzfäller mit ihren Bulldozern und Lastern hinterher.

Im September wollen die Vereinten Nationen neue Entwicklungsziele verabschieden. Sie sollen auch für die reichen Industriestaaten gelten, nicht nur für die Armen – ein Paradigmenwechsel. Wir stellen jede Woche ein Ziel vor. Ein Klick auf das Bild bringt Sie zur Übersicht.

Das Ergebnis: Vor einem Vierteljahrhundert stand hier noch dichter Dschungel, in den sich kaum ein Weißer hineinwagte, wegen der Jaguare, wegen der Riesenschlangen, wegen der kriegerischen Stämme von Ureinwohnern. Heute muss man von Itaituba aus mehr als eine halbe Stunde lang fahren, um überhaupt noch zusammenhängende Urwaldstücke zu sehen.

Die Sägewerke der Stadt liefern großteils direkt ins Ausland, auftragsgemäß zugeschnittene Bretter für Kunden in China, Deutschland und Kanada. Auf den gerodeten Flächen stehen heute Rinder, und es werden gigantische Monokulturen aus Sojafeldern gepflanzt. Beides ist hoch profitabel. 400 bis 500 Lastwagen pro Tag passieren die Stadt, die gleich an zwei abenteuerlich zerfurchten, aber wichtigen Durchfahrtstraßen durch die Amazonasregion liegt. Sie kommen mit Handelswaren aller Art und fahren mit Soja, Holz und Rindern beladen wieder ab.

Auf drei Arten von Menschen sind die Leute in Itaituba nicht gut zu sprechen: Bundespolizisten, Beamte der Baumschutzbehörde und Mitglieder von Umweltschutzorganisationen. Denn es ist nicht so, dass gar nichts getan wird gegen den Waldschwund in Brasilien. Mehr Aufseher sind unterwegs, und in den vergangenen zehn Jahren wurden hier mehr illegale Holzfällerbetriebe und Sägewerke geschlossen denn je. Der wohl größte einzelne Waldvernichter des ganzen Amazonasgebiets, ein Holzfällerchef, sitzt im Gefängnis von Itaituba ein. Er ging den Fahndern vor wenigen Monaten ins Netz. Zufallskontrollen von Lastwagen und Frachtschiffen haben zugenommen, Satellitenüberwachung hilft den Beamten beim Aufspüren illegaler Sägearbeiten im Wald.

"Wir sind ja für den Waldschutz, aber…"

Doch genug ist das alles nicht. Den Satellitenbildern ist auch zu entnehmen, dass das Ausmaß der Abholzung im brasilianischen Amazonaswald seit zwei, drei Jahren wieder zunimmt, von Jahr zu Jahr und stellenweise rasant. Besonderer Hotspot: Die Gegend rings um Itaituba.

Der Wirtschaftsförderer Menezes findet, dass die Beamten aus der fernen Hauptstadt und ihre Vollstrecker sich viel zu sehr einmischten in die Angelegenheiten seiner Region. Jahrzehntelang habe die Regierung Menschen aus dem Süden und dem Nordosten des Landes an den Amazonas gelockt, und zwar unter ganz anderen Vorzeichen. "Es hieß: Man darf 80 Prozent des Waldes schlagen und muss 20 Prozent stehen lassen. Dann hieß es: 50 zu 50. Und nach den neuesten Regeln soll man 80 Prozent stehen lassen!"

Menezes hat keinen Zweifel daran, dass das alles auf Druck aus dem Ausland geschehe. Aus Ländern wie Deutschland. "Die Leute aus Deutschland, den USA und von Greenpeace kamen und haben gesagt: Ihr dürft das nicht! Am Amazonas entsteht das Klima der Welt! Ehrlich gesagt: Wenn Sie in Deutschland ein  schlechtes Klima haben, dann ist das Ihr Problem."

In Itaituba wollten die Leute erst einmal so wohlhabend werden, wie die im reichen Westen, der seine Wälder schon vor Jahrhunderten abgeholzt hat, sagt Davi Menezes. Der Moment des großen Durchbruchs sei jetzt gekommen. "Wir sind ja auch für den Waldschutz. Aber lassen Sie uns erst mal unsere Arbeit machen."