In den skandinavischen Ländern gibt es weniger arme Kinder als im Rest Europas. Das liegt vor allem an der besseren Chancengleichheit in den nordeuropäischen Gesellschaften. Zu diesen Ergebnissen kommt der Politikwissenschaftler Gøsta Esping-Andersen, einer der renommiertesten Wissenschaftler in der Sozialstaatsforschung, in einer aktuellen Analyse. Wie die Entwicklung der Kinderarmut in einigen Ländern Europas ausfällt, zeigt die Infografik, die das Portal Statista für ZEIT ONLINE erstellt hat.

Demnach lebten in den 2000er Jahren in Deutschland 10,7 Prozent aller Kinder in armen Haushalten; diese verfügen per Definition über weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Nettoeinkommens im jeweiligen Land. In den 1970er Jahren lag der Prozentsatz noch bei 4,4 Prozent. Auch in Großbritannien ist Kinderarmut viel verbreiteter als noch vor 40 Jahren. Anders dagegen sieht es in Nordeuropa aus: In Norwegen ist die Quote beinahe konstant geblieben, in Schweden ist sie von den 1970ern bis in die 2000er Jahre sogar zurückgegangen.

Dass Skandinavien bei der sozialen Gerechtigkeit relativ gut dasteht, sei ziemlich unstrittig, sagt Esping-Andersen. Nach seinen Berechnungen ist die soziale Mobilität in den USA, Großbritannien oder Frankreich deutlich geringer. Der Zusammenhang zwischen dem eigenen und dem früheren Einkommen der Eltern ist in diesen Ländern dreimal so groß wie in Dänemark. In Schweden haben Kinder von bildungsfernen Eltern eine dreimal, bei den Dänen eine viermal so große Chance auf höhere Bildung verglichen mit Deutschland und den USA.

Aber warum sind die Gesellschaften in Schweden, Dänemark und Norwegen sozial gerechter als die kontinentaleuropäischen und angelsächsischen Länder? Esping-Andersens Analyse zeigt, dass der egalitäre Charakter der nordischen Länder auf politische Reformen der skandinavischen Sozialdemokratie in den 1960er Jahren zurückzuführen ist.

Entscheidend für die positive Entwicklung waren die Bildungsreformen. Um Klassenschranken zu überwinden, wurden seit den 1960er Jahren Gemeinschaftsschulen eingeführt und finanzielle Hindernisse im Bildungssystem beseitigt. Zum anderen habe die Emanzipation der Frau eine Schlüsselrolle gespielt, sagt Esping-Andersen. Zur Förderung der Frauenerwerbstätigkeit wurde das Kita-Angebot massiv ausgebaut. Zugleich seien bessere Jobchancen für Mütter ein effektives Mittel gegen Kinderarmut gewesen.