Wenn Flüchtlinge sterben, sind immer die Schleuser schuld. Die österreichischen Behörden haben den Kampf gegen Schleuser intensiviert, nachdem 71 syrische Flüchtlinge tot in einem Lkw an der österreichisch-ungarischen Grenze gefunden worden waren. Die verstärkten Kontrollen an der Grenze führten schnell zu fünf Verhaftungen. Ungarn geht schon länger rigoros gegen Schleuser vor, 250 Haftstrafen wurden in diesem Jahr verhängt. Die italienischen Behörden vermelden in diesem Jahr über 1.000 Festnahmen.

Gegen wen kämpfen die europäischen Behörden da eigentlich?

"Diese Festnahmen sind lächerlich", sagt Andrea di Nicola, Kriminologe an der Universität Trient. Er ist Experte für das Schleuserwesen und berät die UN bei diesem Thema. "Man muss die Netzwerke der Schleuser erst mal verstehen, bevor man die Festnahmen von kleinen Fischen als Schlag gegen die internationalen Schleuserbanden verkauft", sagt er. Schließlich sei es auch kein Schlag gegen die Drogenkartelle, wenn lediglich 1.000 Kleindealer vor Gericht stünden.

Wie also arbeiten die Schleusernetzwerke?

Di Nicola hat mit dem italienischen Journalisten Giampaolo Musumeci zweieinhalb Jahre recherchiert und ein Buch über die Strukturen der Schleuserbanden geschrieben. Die beiden haben Schleuser im Gefängnis besucht oder sie im Straßencafé getroffen.  

Menschen in der Schleuserbranche haben keine einheitlichen Biografien. Es gibt Kriminelle im Dreiteiler, Anwälte oder einfache Schiffskapitäne. Sie operieren in kleinen oder in großen Netzwerken. Sie hantieren mit Kleinbeträgen oder Millionensummen. Sie arbeiten fast autark oder mit anderen Schleuserbanden zusammen. Einige Eigenschaften aber haben alle Schleuser, sagt di Nicola: Profitgier, Erfindungsreichtum und Flexibilität. Diese Flexibilität macht es den Behörden so schwer, gegen sie vorzugehen.

Muammer Küçük, einer der bekanntesten Schleuser, verkörpert die drei Haupteigenschaften. Mit einem Marketingcoup eliminierte der Türke mit kurdischen Wurzeln viele seiner Konkurrenten: Bezahlung erst bei Ankunft, lautete sein Versprechen. Das Geld, das die Flüchtlinge für ihre Reise bezahlen müssen, wird in einem Juweliergeschäft zwischengelagert. Wenn sie angekommen sind, rufen die Flüchtlinge dort an, und Küçük kann sein Geld abholen. Eine Sicherheitsgarantie, die Küçük reich machte. So reich, dass er auf Jachten umsteigen konnte, als die Kontrollen von einfachen Booten im Mittelmeer verstärkt wurden. Im Bauch der Jachten ließ er unzählige Flüchtlinge verstecken, bis die Fahnder auch darauf aufmerksam wurden.

Wird ein Schleuser gefasst, wird die Lücke in kurzer Zeit von jemand anderem geschlossen. Strippenzieher wie Küçük bleiben davon meist unberührt.

Wenn die Übergabe schiefläuft

Schleuser verstehen sich als Unternehmer. Sie bieten eine Dienstleistung an und sprechen von Klienten, nicht von Flüchtlingen. Dass ihre Klienten von Menschen zur Ware werden, ist für sie nicht von Belang.   

Die meisten Schleuser arbeiten wie Staffelläufer, sagt di Nicola. Für jede Etappe ist jemand anderes zuständig. Die Übergabe sei den Flüchtlingen, die in Österreich tot in dem Lkw gefunden wurden, zum Verhängnis geworden. "Sie wurden einfach weitergereicht, ohne nach ihrem Befinden zu sehen", sagt di Nicola.

Schleuser werden oft mit der Mafia verglichen. "Ein Fehler", sagt di Nicola, denn die meisten Organisationen seien weder hierarchisch noch strukturiert, außerdem arbeiteten sie mit anderen kriminellen Organisationen zusammen. Die großen Fische verstünden sich nicht als Kopf einer Bande, anders als bei der Mafia. Di Nicola erinnert sich, dass er vor zwei Jahren einen mächtigen Schleuser in Ägypten gefragt hat: "Sind Sie der Big Boss?" Er belächelte ihn nur: "Wenn Sie mich das fragen, haben Sie das Geschäft nicht verstanden."

Den Schleusern die Geschäftsgrundlage nehmen

Weil das Schleusergeschäft nicht hierarchisch ist und keine Strukturen hat, haben Ermittler ein echtes Problem. Landesgrenzen und unterschiedliche polizeiliche Standards in den verschiedenen EU-Ländern blockieren ihre Arbeit. "Für eine effektive Bekämpfung braucht es mehr Kooperation innerhalb Europas und eine gemeinsame Task Force", sagt di Nicola. Auch auf internationaler Ebene müsse eine Lösung gefunden werden: "Wir brauchen eine Kooperation mit den Ländern, aus denen die Flüchtlinge kommen", fordert er.

Erste Ansätze für ein gemeinsames europäisches Vorgehen gegen Schleuser gibt es seit Juni dieses Jahres. Die Bundeswehr soll unter italienischer Führung Informationen über die kriminellen Netzwerke sammeln. Der Name des EU-Mandats lautet Eunavfor Med

Aufklären und auch retten

Mit Schiffen, Hubschraubern und Flugzeugen soll im Namen des Mandats aufgeklärt werden. Wird beispielsweise ein Schleuserschiff aufgegriffen, werden die Flüchtlinge von deutschen Soldaten befragt. Die Schiffe, die zuvor im Rahmen der italienischen Operation Mare Nostrum Menschen gerettet haben, kümmern sich nun um beides: Seenotrettungen und Schleuser. Die polizeilichen Ermittlungen übernehmen dann die italienischen Behörden gemeinsam mit Frontex, der europäischen Grenzschutzbehörde.

Bisher fanden die Soldaten der Bundeswehr heraus, dass oft gar keine Schleuser an Bord sind. Stattdessen muss einer der Flüchtlinge das Boot steuern. Sebastian Fischborn, Sprecher für maritime Einsätze der Bundeswehr, sagt, die an Land operierenden Schleuser kassierten an den Stränden westlich und östlich von Tripolis nur das Geld. "Kurz vor der nächtlichen Abfahrt der Boote wird meist einer der Flüchtlinge zum Steuermann ernannt. Er erhält eine knappe Einweisung in den Gebrauch des Außenbordmotors. Dann werden die Menschen sich selbst überlassen", sagt Fischborn.

Von der Türkei aus Asyl in der EU beantragen

Für di Nicola ist das keine neue Erkenntnis. Das EU-Mandat ärgert ihn, er bezeichnet es als Papiertiger. Gegen die Schleuser könne eben nicht auf hoher See vorgegangen werden. Viel mehr Aufmerksamkeit müsse den Transitländern gewidmet werden.

In der Türkei floriere die Branche derzeit. Mittlerweile wird die Route über Griechenland und den Westbalkan viel stärker genutzt als der gefährlichere und längere Seeweg von Libyen nach Italien. "Das Land liegt strategisch sehr günstig", sagt di Nicola. Die Korruption in der Türkei mache es den Schleusern zusätzlich einfach. Und für die türkische Regierung habe der Kampf gegen die illegale Einwanderung keine Priorität.   

Um den türkischen Schleusern die Geschäftsgrundlage zu nehmen, schlägt di Nicola eine bessere Kooperation mit der türkischen Regierung vor. "Wir brauchen eine Erstaufnahmeeinrichtung in der Türkei." Die Menschen sollten dort einen Antrag auf Asyl einreichen können. Anschließend könne man sie geordnet und gerecht in der EU verteilen. Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak etwa, die einen Anspruch auf politisches Asyl in der EU haben, bräuchten dann keine Schleuser mehr.

"Nur wer eine langfristige politische Vision hat, was Fragen der Migration, den Umgang mit Flüchtlingen und das Recht auf Asyl anbelangt, kann stärker als das Strafrecht werden", sagt di Nicola.

Ein echter Schlag gegen die Schleuserbanden wäre es, wenn den Schleusern die Klienten ausgehen.