Dennoch macht sich viel Unruhe unter den Immobilienbesitzern breit – und neuerdings sogar unter Mietern. In der nordrhein-westfälischen Kleinstadt Nieheim hat die Stadtverwaltung langjährigen Mietern eines Wohnhauses wegen "Eigenbedarfs" gekündigt, um dort Flüchtlinge einzuquartieren. Juristen sind jedoch recht sicher, dass die Kündigung nicht rechtmäßig ist, weil die Kommune als juristische Person keinen Eigenbedarf anmelden könne. Und in Hamburg, so scheint es, geht die Stadt mit der Beschlagnahme für Flüchtlinge nur einen weiteren Schritt in die Richtung, die sie bereits 2013 eingeschlagen hat.

Bereits damals hatte die Stadt nämlich ihr Wohnraumschutzgesetz verschärft und angedroht, leerstehende Wohnungen zwangszuvermieten. Seinerzeit hatte es die Hansestadt jedoch auf Wohnungsspekulanten abgesehen und auf Besitzer von Ferienimmobilien, die zentral gelegene Wohnungen über Vermietplattformen wie Airbnb anboten, um damit Geld zu machen. Sie entzögen der Bevölkerung damit bezahlbaren Wohnraum, war die Begründung. Und der fehlt in vielen Metropolen und Ballungsräumen, weswegen dort nun nicht nur Studenten und Wenigverdiener, sondern auch Tausende Flüchtlinge um zu wenige günstige Wohnungen konkurrieren.

Dabei sind die Städte selbst schuld an dieser Entwicklung, findet Ulrich Ropertz vom Deutschen Mieterbund (DMB): "Wir warnen schon seit Jahren davor, dass dieser Engpass auf uns zukommt. Und wir haben damals schon gesagt, wir brauchen mehr Wohnungen wegen der Zuwanderungszahlen – jetzt kommen auch noch die Flüchtlinge dazu. Aktuell fehlen 800.000 Wohnungen in Deutschland, und die Lage spitzt sich weiter zu."

Seit Jahren nämlich geht die Bautätigkeit hierzulande zurück. Nur 140.000 Wohnungen wurden zuletzt pro Jahr fertiggestellt. Es würden jedoch inzwischen 400.000 Wohnungen pro Jahr gebraucht, sagen Mieterbund und das Pestel-Institut, das jüngst aktuelle Zahlen zum deutschen Wohnungsbau vorgelegt hat. Seit Jahrzehnten bereits ließen Bund, Länder und Kommunen ihr Engagement im geförderten Wohnbau schleifen, sagen Kritiker. Die Zahl der Sozialwohnungen ist inzwischen auf 1,5 Millionen gesunken, 1987 waren es noch mehr als doppelt so viele. Der Bund schießt den Ländern zwar jährlich 500 Millionen Euro zu, damit sie den Sozialbau fördern, "doch die Länder müssten das Geld auch zweckgerichtet einsetzen, das haben sie bisher oft nicht getan", mahnt Ropertz, "zudem müssten sie mindestens genauso viel eigenes Geld ausgeben." Das macht aber auch kaum ein Land.

Die Menge an Flüchtlingen, die nun nicht bloß in Erstaufnahmeeinrichtungen, sondern später auch in bezahlbaren Wohnungen untergebracht werden muss, macht diesen Mangel jetzt schmerzhaft bewusst. Neuerdings versuchen einige Bundesländer, im Hauruckverfahren Wohnraum zu retten oder neu zu schaffen – und stecken auch wieder mehr Geld in neue Projekte. Brandenburg etwa hat den Abriss leerstehender Plattenbauten gestoppt und will 17,5 Millionen Euro zur Verfügung stellen, um die alten Wohnungen stattdessen zu sanieren. 4.000 Wohnungen könnten so recht bald wieder nutzbar gemacht werden. Auch Thüringen diskutiert, 11.000 Wohnungen in Plattenbauten zu erhalten und dort Flüchtlinge einzuquartieren. In Franken werden gerade Reihenhäuser in billiger Modulbauweise errichtet. Die Landesregierung will sie zehn Jahre lang für Asylsuchende anmieten, danach sollen sie normal vermietet werden. Und auch Hamburg will im Stadtteil Bergedorf Wohnungen für 3.000 Flüchtlinge bauen lassen und sie später als Sozialwohnungen nutzen.

All das sind Anfänge, aber es wird noch Monate, wenn nicht sogar Jahre dauern, bis die fehlenden 400.000 Wohnungen stehen, schätzt Ulrich Ropertz vom Mieterbund: "Stück für Stück hilft uns das. Aber ich sehe noch lange kein Ende der aufziehenden Problematik kommen." Statt der Beschlagnahme wäre daher eines dringender vonnöten, finden Immobilienmarktexperten: Dass die Politik den Neubau von Wohnungen in den Metropolen wieder fördert – dann wären ein paar leere Wohnungen auch nicht mehr so schlimm.