Leere Wohnungen sind genug da – Seite 1

Die Turnhallen vieler deutscher Städte sind zu Feldbettenlagern geworden, nicht mehr vom Militär genutzte Kasernen sind mit Flüchtlingen überbelegt, und in manchen Notunterkünften müssen bis zu sieben Erwachsene in Acht-Quadratmeter-Räumen hausen. Zur gleichen Zeit aber sieht es andernorts so aus: verdammt leer. Es gibt Städte, da sind Hunderte Wohnungen mitten im Stadtgebiet unbewohnt; Dörfer, in denen ganze Straßenzüge verwaisen; Kommunen, da bekommen Wohnungsbaugesellschaften vieles nicht mehr vermietet, weil zu viele Menschen in die nächstgrößere Stadt gezogen sind. 

Könnte man den Leerstand nicht nutzen, um dort Flüchtlinge unterzubringen, statt sie in Behelfsunterkünfte zu pferchen?

Natürlich, findet Analyst Harald Simons vom Wirtschaftsberatungsinstitut Emprica, das sich auf den Immobilienmarkt spezialisiert hat: "Genügend Wohnraum ist ja vorhanden. Wir haben unglaublich viel Leerstand in Deutschland. Ihn nutzbar zu machen, geht schneller als alles andere." Vor allem schneller als neue Wohnungen zu bauen.

1,7 Millionen Wohnungen stehen leer

Insgesamt, so ermittelte Empirica, stehen 1,7 Millionen Wohnungen hierzulande leer, davon 1,1 Millionen im Westen und 0,6 Millionen im Osten. Während in Ballungsgebieten und Wachstumsregionen der Wohnraum extrem knapp ist, sind in Schrumpfungsregionen knapp sieben Prozent aller Wohnungen nicht vermietet, etwa im Hunsrück, dem Bayerischen Wald, in vielen Städten des Ruhrgebiets ebenso wie in weiten Teilen des Saarlands und Thüringens.

In Brandenburg oder Sachsen-Anhalt melden einige Städte und Wohnungsbaugesellschaften sogar noch höhere Quoten und beziffern den Leerstand auf zwölf Prozent. Im Westhavelland zum Beispiel, sagt die Immobiliengesellschaft WSI, seien rund 80 ihrer 670 Wohnungen derzeit nicht belegt. Die kommunalen und genossenschaftlichen Wohnungsbaugesellschaften in Sachsen-Anhalt sprechen von 41.000 leeren Wohnungen, und Sachsen beziffert seinen landesweiten Leerstand sogar auf 230.000 Wohneinheiten.    

In diesen Regionen ginge noch viel in Sachen Flüchtlingsunterbringung, finden die Immobilienmarktanalysten – übrigens genau wie viele Chefs der Wohnungsbaugesellschaften vor Ort. Der Freistaat Sachsen investiert neun Millionen Euro, um bestehenden Wohnraum herzurichten. Und Verbandsdirektor Jost Riecke vom Verband der Wohnungswirtschaft Sachsen-Anhalt sagt: "Für die Wohnungsgesellschaften ist es natürlich ein Gewinn, wenn sie auf dem Wege ihren Leerstand reduzieren und mehr Wohnungen vermieten können. Man muss aber sehr vorsichtig sein bei dem Thema."

Denn klar ist auch: Es wäre wenig sinnvoll, die Flüchtlinge einfach nach dem Wohnungsleerstand übers Land zu verteilen statt nach dem bisher gültigen Königsteiner Schlüssel, der vor allem auf das Steueraufkommen und die Einwohnerzahl der aufnehmenden Bundesländer schaut. Wo die Wirtschaftskraft ohnehin schon schwach ist, gibt es auch weniger Jobs für Flüchtlinge. Und wo Siedlungen aussterben, gibt es womöglich weniger Anreiz für Alteingesessene wie Migranten, Kontakt zueinander zu knüpfen: keine guten Voraussetzungen für eine gelungene Integration. 

"Wir haben etwas zum Locken"

"Das kann nur schiefgehen", sagt Empirica-Analyst Simons. Aber er hat eine klare Vorstellung davon, wie Integration auch außerhalb der großen Zentren funktionieren könnte. Denn er hat schon häufiger Geschichten wie diese gehört: In einem Dorf, das schon seit 20 Jahren schrumpft, weil die Familien weniger Kinder bekommen und viele Junge wegziehen in die nächste Großstadt, brachte die Kommune eine syrische Familie in einem leerstehenden Einfamilienhaus unter. "Schon nach einer Woche spielte der Junge im örtlichen Fußballverein mit und der Schützenverein hat sofort ein Dorffest organisiert."

Solche Geschichten klingen zu schön, um wahr zu sein, aber es gibt sie. Jedenfalls überall dort, wo die Verantwortlichen mit Augenmaß vorgehen, wie Jost Riecke das nennt, "und wo geguckt wird, wie belastbar ein Quartier ist und wie viele Fremde man dort wohl ansiedeln kann".  In erster Linie entscheiden darüber die Eigentümer der Wohnungen, also die kommunalen, freien oder genossenschaftlichen Wohnungsgesellschaften. Es gebe viele Fälle, in denen Immobiliengesellschaften einzelne Wohnungen zur Verfügung stellten und Kommunen für deren Belegung sorgten. "Der eine hat fünf Wohnungen übrig, der andere zehn, es funktioniert. Und je geräuschloser das vor Ort passiert, desto erfolgreicher ist das", sagt Riecke.

Es gäbe im Grunde keine Wohnungen an der falschen Stelle, findet Analyst Simons. Selbst unattraktivere Städte und erst recht das platte Land seien doch viel bessere Orte als die überfüllten Großstädte, in denen sich ohnehin schon alle gegenseitig auf die Füße treten. "Eine Familie ist doch auf dem Land gut aufgehoben, wo sie einen Nachbarn hat, mit dem sie sofort in Kontakt kommt als 10.000, die sie nie kennenlernt." Vielleicht rette der Zuzug hier und da sogar eine dörfliche Struktur und belebe die Nahversorgung wieder. Die Lebenshaltungskosten in ländlicheren Gebieten seien überdies viel niedriger.

Und wie sieht es mit den Arbeitsplätzen aus? Auch da sind die Berater von Empirica optimistisch: "Wir haben gerade eine fünfjährige Boomphase in Deutschland erlebt und die Zahl der Arbeitsplätze ist gestiegen. Von den über 300 Kreisen haben alle – bis auf sechs – zusätzliche Arbeitsplätze aufgebaut." Trotzdem ziehen die Leute aus entlegenen Gebieten wie Eifel, Harz oder Oberpfalz weg, oder aus der Region zwischen Würzburg und Ulm, "obwohl da in jedem zweiten Dorf ein Weltmarktführer sitzt, der Arbeitsplätze schafft", sagt Simons. "Da finden die Unternehmen schon heute nicht genügend Arbeitskräfte. Oder suchen Sie mal in der Uckermark einen Maurer."

Zwangsansiedeln will die Asylsuchenden dort niemand. Und die wenigsten befürworten, was die Bürgermeister von Salzgitter oder Tübingen verlangen: leerstehende Wohnungen für die Flüchtlingsunterbringung zu konfiszieren und deren Besitzer eine Zwangsentschädigung zu zahlen. Aber Simons sagt: "Locken kann man sie doch. Und wir haben etwas zum Locken." Womöglich ist das Werben ja erfolgreich.