Das fand offenbar auch Betriebsratchef Bernd Osterloh, der die Konzernspitze schon Anfang 2014 attackierte: Das Geschäft in den USA sei eine "Katastrophenveranstaltung" für Volkswagen. "Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Manchmal habe ich den Eindruck, dass das bei uns anders ist." Auch der im vergangenen Jahr eingesetzte neue VW-Amerika-Chef Michael Horn diagnostizierte bei seinem Amtsantritt, der Konzern habe bisher "klassische Programmfehler gemacht", nach dem anfänglich guten Geschäft mit dem Passat nicht nachgelegt und zu wenig neue Modelle auf den Markt gebracht.

Lange hatten VW-Autos auch kleinere Mängeln wie klemmende Scheibenwischer. So landete VW 2010 in einer Qualitätsumfrage in den USA nur auf Platz 31 von 33. In den vergangenen Jahren wurden die Fahrzeuge besser, doch der Ruf hing VW nach. Zudem sorgten zwei große Rückrufaktionen in Amerika für zusätzliche Beulen im VW-Image. Eine davon betraf 2013 die Getriebe von mehr als zwei Millionen VW-Fahrzeugen. Der zweite Rückruf erfolgte Ende 2014, nachdem schon damals die hohen Abgaswerte von VW-Autos aufgefallen waren. Eine halbe Million Pkw rief VW in Amerika zurück in die Werkstätten. Bei einer Nachkontrolle jetzt fanden die US-Behörden nach wie vor zu hohe Stickoxidwerte im Realbetrieb und machten die Sache publik – was den Skandal auslöste.

Soll schon der Rückruf Ende 2014 tatsächlich an Martin Winterkorn vorbeigelaufen sein?

Winterkorn schaltet sich gern direkt ein

Schließlich wissen Konzernkenner, dass Volkswagen ein äußerst hierarchisch strukturiertes Unternehmen ist, in dem zwar 600.000 Mitarbeiter an 120 Standorten arbeiten, in dem alle Berichtslinien aber auf kürzestem Wege nach oben führen – zu Gesamtchef Winterkorn. Der leitete ab 1993 zuerst die Konzernqualitätssicherung und später das gesamte Produktmanagement, bevor er im Juli 2000 zum Mitglied des Vorstands für die Geschäftsbereiche Forschung und Entwicklung aufstieg. Seitdem war er nicht nur für den Bereich Entwicklung direkt verantwortlich, sondern war auch bekannt dafür, dass er sich als Ingenieur mit dem Hang zur Detailverliebtheit bei vielen Fragen direkt einschaltete und Wert darauf legte, Entscheidungen selbst zu treffen.

Diejenigen, die ihn live erlebt haben, wissen, dass er gelegentlich sogar die Lackdicke an Fahrzeugen nachmaß. Andere sagen, VW-Manager müssten jede Kleinigkeit vom Vorstand absegnen lassen. Auch für die Regionalmanager soll das gegolten haben. Da klingt es unwahrscheinlich, dass Winterkorn von den Abgaswerten und deren Manipulation für die US-Emissionstests nichts gewusst haben soll. In seiner Rücktrittserklärung sagte Winterkorn, er sei "fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen-Konzern möglich waren". Er sei sich keines Fehlverhaltens bewusst. Doch die Ermittlungen haben gerade erst begonnen. Das Präsidium des Aufsichtsrats erwartet nach eigenen Angaben "in den nächsten Tagen weitere personelle Konsequenzen".