Der Skandal um manipulierte Abgaswerte des deutschen Autoherstellers VW beschäftigt die internationale Presse. 

Die Neue Zürcher Zeitung bewertet die Affäre als "desaströs" für die Marken Volkswagen und Audi, sie beschädige die deutsche und internationale Automobilindustrie. Und die eigentlichen Auswirkungen stünden erst noch bevor: "Es ist nämlich völlig offen, welche Kreise der Skandal branchenweit ziehen wird. Schlimmstenfalls kann sich der 'Fall VW' für die Autoindustrie entwickeln wie der 'Fall UBS' für das Schweizer Bankgeheimnis." Es sei seit Langem "ein offenes Geheimnis, dass Autohersteller die angegebenen Werte zum Benzinverbrauch und Schadstoffausstoß nur unter Laborbedingungen erreichen, weshalb Kritiker seit Jahren von systematischer Kundentäuschung reden." Dieses Vorgehen sei zwar völlig legal gewesen, dürfte aber im Zuge des Skandals zu Recht künftig kaum haltbar sein. "Gefragt sind endlich ehrlichere Zahlen der Autohersteller, aber auch realistischere Grenzwerte der Aufsichtsbehörden."

Die französische Zeitung Le Figaro sieht deshalb auch etwas Gutes an dem Skandal: "Da der Zweifel wie ein Gift wirkt, dürfte Volkswagen Jahre brauchen, um seinen guten Ruf wiederherzustellen. Doch diese Affäre hat wegen ihrer globalen Wirkung vielleicht auch etwas Gutes. Multinationale Unternehmen mit fast unbegrenzten Geldmitteln werden kaum als Inbegriff der Tugendhaftigkeit betrachtet. Es wird wahrscheinlich noch viel passieren müssen, um ihnen ein untadeliges Verhalten aufzuzwingen."

Für die ebenfalls in Frankreich erscheinende Zeitung Le Monde ist das Verhalten von VW "unverzeihlich". Denn die Affäre gehe weit über Volkswagen hinaus. "Sie beschädigt das Image der Europäer, die gerne Lektionen erteilen und sich rühmen, Vorreiter im Kampf gegen die Umweltverschmutzung und gegen die Klimaerwärmung zu sein. Darunter leidet die Glaubwürdigkeit der Europäer, die bei ihren laufenden Verhandlungen über das transatlantische Freihandelsabkommen immer wieder die Überlegenheit ihrer Industrienormen rühmen." 

Die in Italien erscheinende La Republica versteht die VW-Affäre als Schlag für das zuletzt oft bemühte deutsche Modell: "Deutschland, das in den vergangenen Monaten zum großen Ankläger wurde, hat sich am selben Tag auf der Anklagebank wiedergefunden, an dem Tsipras, der 'große Angeklagte', sie, wie es scheint, vielleicht verlassen hat. (...) Der in Amerika entdeckte große Betrug, die Schadstoffdaten der Dieselautos von Volkswagen zu fälschen, ist ein Schlag ins Herz des 'deutschen Modells'." Das, was sich daher gerade abspiele, lasse sich nur mit einem deutschen Wort beschreiben, das kaum in andere Sprachen zu übersetzen sei: "Schadenfreude".

Kratzen an der Marke Made in Germany

Der britische Guardian rechnet vor, dass Volkswagen eine Million Tonnen Luftverschmutzung pro Jahr vertuscht hat. Die Welt sollte sehr besorgt sein, dass verantwortungslose Methoden von den Finanzmärkten auf die Prüfung von Umweltdaten übertragen würden. "Die Politik sollte eigentlich die Umwelt schützen, und nicht die Geschäfte der Industrie unterstützen. Es waren amerikanische, und nicht europäische Kontrolleure, die VW erwischt haben. Es ist vorstellbar, dass Behörden die Abgas-Werte, die von den Fahrzeugen wichtiger nationaler Unternehmen stammen, nicht zu streng prüfen wollen. Wenn die Messungen von Umweltverschmutzung so leicht arrangiert werden können, dann können auch politische und kommerzielle Vorgaben verzerrt werden."

Der österreichische Standard befindet, dass der VW-Skandal an der Marke Made in Germany kratzt. Falsch sei aber die Skandalisierung seitens der Politik: "Wenn sich Politiker des Autolandes Deutschland nun erstaunt und enttäuscht geben, dass ausgerechnet die teilweise im Staatsbesitz stehende Volkswagen AG getrickst hat, um die erlaubten Grenzwerte nicht zu überschreiten, dann ist das scheinheilig – zumindest aber blauäugig." Warum die VW-Techniker allerdings das Risiko solcher Manipulationen eingingen, bleibe deren Geheimnis: "Der Preis, den der Vorstand in Kauf nahm, um Toyota den Titel Branchenprimus abzunehmen, ist mit Sicherheit (zu) hoch."

Wie hoch der Preis für den Betrug am Ende sein wird, steht zwar noch nicht fest. Spanische Zeitungen wie El Pais und El Mundo sorgen sich aber, ob VW kürzlich zugesagte Investitionen in Milliardenhöhe in Spanien nun auch tätigen wird. Allerdings gibt El Pais zu Bedenken, dass das Vergehen des deutschen Konzerns ähnlich schwerwiegend sei wie das der Finanzindustrie vor 2008 – und es deshalb genauso harte Konsequenzen geben müsse.

Die Washington Post sieht die Diesel-Technik auf dem US-Markt am Ende. Die bereits heute schon geringen Anteile dürften weiter zurückgehen. Die New York Times schreibt daher, dass die in den USA aufgedeckte Manipulation VW vor allem in Europa schaden dürfte – wo bislang offenbar nicht so genau hingeschaut worden sei.

Das Time-Magazine beschäftigt sich ausgiebig mit den Versprechen der Volkswagen-Werbung und zitiert den Werbespruch, den Audi seit Jahren in den USA verwendet: "Truth in engineering." Als Antwort heißt es lapidar: "Well, not quite."