Es sind viele und sie werden bleiben. Bis zu einer halben Million Flüchtlinge könnten in diesem Jahr als Asylberechtigte in Deutschland anerkannt werden. Damit brauchen sie demnächst vor allem eines: Arbeit. In den vergangenen Wochen ist unter Ökonomen und Wirtschaftspolitikern bereits eine hitzige Diskussion über die Chancen der Flüchtlinge auf dem deutschen Arbeitsmarkt ausgebrochen.

Die ersten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit scheinen dabei den Pessimisten Recht zu geben: Die Zahl der Hartz-IV-Empfänger, die als Flüchtlinge aus Krisenstaaten nach Deutschland gekommen sind, ist im September innerhalb eines Jahres um 20 Prozent gestiegen. Auch erste Stichproben, bei denen untersucht wurde, welche Bildungsabschlüsse die Flüchtlinge besitzen, sind nicht gerade ermutigend: Etwa zwei Drittel haben keine Berufsausbildung, zeigt zum Beispiel eine Auswertung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Landen Flüchtlinge also am Ende alle in Hartz IV? Vieles spricht dafür, dass es nicht so kommen wird.

Nirgendwo sonst in der Eurozone gibt es momentan so viel Arbeit wie in Deutschland. Regelmäßig vermeldet die Arbeitsagentur neue Rekorde. Zuletzt im August, als die Zahl der Arbeitslosen unter 2,8 Millionen fiel und damit so niedrig lag wie noch nie in einem August seit der Wiedervereinigung. Die Arbeitslosenquote ist seit 2010 um 1,5 Prozentpunkte auf momentan 6,2 Prozent gefallen, die Zahl der Erwerbstätigen von rund 41 auf fast 43 Millionen gestiegen. Der Aufschwung hat inzwischen den gesamten Arbeitsmarkt erfasst. Die Zahl der Minijobs und befristeten Stellen sinkt, die der Vollzeitstellen steigt. Auch Hartz-IV-Empfänger gibt es immer weniger: Seit 2010 ist ihre Zahl immerhin um rund eine halbe Million gesunken.

Vollbeschäftigung in Süddeutschland

Diese Nachrichten dürften auch viele Flüchtlinge gelesen haben, bevor sie sich auf ihre gefährliche Reise machten. Dass Deutschland eines der beliebtesten Länder für Migranten ist, liegt auch an der starken Wirtschaft. "Die niedrige Arbeitslosigkeit ist vermutlich einer der Hauptgründe, warum viele Flüchtlinge vor allem nach Deutschland wollen", sagt Herbert Brücker, der am IAB über Migration und Arbeitsmarktpolitik forscht. Wie genau Flüchtlinge die ökonomische Situation in Europa analysieren, sieht man auch daran, wie viele weiterhin versuchen, nach Großbritannien zu kommen – obwohl sie dafür oft ein weiteres Mal ihr Leben riskieren müssen. In Großbritannien ist die Arbeitslosenquote mit 5,4 Prozent sogar noch niedriger als in Deutschland.

Könnten die Flüchtlinge auch nach ihrer Ankunft in Deutschland entscheiden, wohin sie weiterreisen, würden viele vermutlich Bayern oder Baden-Württemberg wählen. In den beiden großen süddeutschen Bundesländern bietet der Arbeitsmarkt besonders gute Chancen. Die Arbeitslosenquote liegt mit 3,5 und 3,8 Prozent nochmal deutlich niedriger als der bundesdeutsche Durchschnitt. In vielen Regionen werden Arbeitskräfte inzwischen dringend gesucht, wie auch der Stellenindex der Bundesagentur zeigt, der in Bayern im September auf einen neuen Höchststand stieg. "Und das betrifft nicht nur hochqualifizierte Jobs wie Banker oder Ingenieure", sagt IAB-Forscher Brücker. "Das Dienstleistungsgewerbe ist in diesen Regionen ebenfalls stark und bietet Arbeitsplätze für Geringqualifizierte."