Ein Heer von Tagelöhnern

Wenn Axel Hunoldt arbeiten ging, unterschrieb er jedes Mal im Büro seines Vorgesetzten einen neuen Arbeitsvertrag. Jeden einzelnen Tag. Hunderte Mal hat er das in den vergangenen Jahren getan. Er trug sich in einen sogenannten Listenarbeitsvertrag ein. Auf dieser Liste stand in jeder Zeile die Zahl der zu arbeitenden Stunden, also 4,83 oder 6,33 oder 7,50 für den jeweiligen Einsatz. Und eine Begründung wie etwa "Ersatz für Herrn B." oder "Ersatz für Frau H." oder "Baumaßnahmen". Wenn Hunoldt nach Hause ging, war sein Vertrag für diesen Tag beendet.

Hunoldt, der seinen wahren Namen nicht nennen will, war mehrere Jahre als sogenannte Abrufkraft bei der Deutschen Post beschäftigt. Er sortierte Briefe, stempelte Umschläge und verdiente für diese ungelernten Tätigkeiten mit etwas mehr als 11 Euro brutto in der Stunde recht gut. Aber Hunoldt war jahrelang ein Taglöhner. Oft wurde er nur Stunden vor einem Einsatz telefonisch zum Dienst beordert. Tag- oder Nachtschicht, das spielte keine Rolle. Fast immer sagte er zu, egal wie spontan die Anfrage kam.

"Häufig riefen die Vorgesetzten sogar am Morgen nach einer Nachtschicht an, statt direkt zum Dienstende zu fragen, ob man am Abend wieder kommen kann", sagt Hunoldt. Viele seiner früheren Kollegen erleben das bis heute so. Hunoldt aber reichte es diesen Sommer: die ständige Ungewissheit, der Druck immer mehr leisten zu müssen als die unbefristeten Kollegen, um wieder angerufen zu werden. Er hörte auf.

Bei der Post gab es im August dieses Jahres laut Schätzungen der Gewerkschaft ver.di etwa 10.000 Abrufstellen in Vollzeit. Da die wenigsten dieser Beschäftigten jeden Tag arbeiteten, könne "die Anzahl der Köpfe höher sein", sagte ein ver.di-Sprecher ZEIT ONLINE. Wie viele dieser Mitarbeiter wie Hunoldt über Jahre hinweg immer wieder einen neuen, befristeten Arbeitsvertrag unterschreiben, könne die Gewerkschaft schwer beurteilen: "Es dürften bundesweit sicherlich mehrere Hundert Kolleginnen und Kollegen sein."

Die Deutsche Post betont, sie beschäftige "in Deutschland rund 180.000 Mitarbeiter mit einer Vergütung an der Spitze der Branche", wie ein Sprecher ZEIT ONLINE sagte. Unter diesen "seien weniger als ein Prozent Abrufkräfte", die darüber hinaus tarifgebunden bezahlt würden. Der Einsatz sei mit den Betriebsräten vor Ort abgestimmt.

1.400 Befristungen in sieben Jahren

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) kritisiert diese Praxis. Bundesweit gebe es "leider sehr viele Beschäftigte", die eine entsprechende Rahmenvereinbarung mit der Post geschlossen hätten, heißt es in einem DGB-Bericht. In diesen Vereinbarungen legt sich das Unternehmen lediglich fest, die Abrufkräfte in eine "Liste der Interessenten für Arbeitseinsätze" aufzunehmen – auch Hunoldt bekam eine solche Rahmenvereinbarung. Einen ähnlichen Fall begleitete der DGB in Hannover vor Gericht. Eine Beschäftigte hatte allein im Jahr 2014 rund 200 einzelne Arbeitsverträge abgeschlossen. "Hochgerechnet auf sieben Jahre Beschäftigung müssten es ungefähr 1.400 Arbeitsverträge sein, jeweils auf einen Tag befristet", schreibt der Gewerkschaftsbund. Das Gericht in Hannover ließ keinen Zweifel daran, dass diese Art von Befristung für einen Tag mit einer solchen Häufigkeit ein Missbrauch sei. Die Klägerin erhielt eine unbefristete Stelle.

Auch der Göttinger Arbeitsrechtsprofessor Olaf Deinert sieht Probleme: "Man muss vor allem hinterfragen, ob ständig diese Ein-Tagesverträge geschlossen werden können", sagt er. Das Gesetz lege hierzu fest, dass Arbeitsverträge ohne sachlichen Grund maximal viermal verlängert werden können. "Und die hat man natürlich schnell voll", sagt Deinert.

Mitarbeiter scheuen sich vor Klagen

Auch der Europäische Gerichtshof habe sich damit schon beschäftigt und darauf hingewiesen, dass bei langen Ketten von Befristungen genau geprüft werden müsse, ob Missbrauch vorliegt, sagt der Jurist. Bei Hunderten solcher Verträge im Jahr müsse man fragen: Sind die Gründe für die Befristungen wirklich echt? Wird jedes Mal tatsächlich ein anderer Arbeitnehmer vertreten, ein "Herr B." oder eine "Frau H." wie im Fall von Hunoldt? Falls hier wissentlich falsche Begründungen vorgespielt würden, könne dies durchaus auch strafrechtlich relevant sein, sagt Deinert. Das bedeutet, dass Betroffene auch Strafanzeige wegen Betruges stellen können.

Hunoldt sagt, die Begründungen bei der Post seien meist fadenscheinig gewesen. So habe er zum Beispiel Mitarbeiter vertreten, die "zeitgleich anwesend waren". Das Unternehme habe auch für einen Mitarbeiter eine Vertretung geholt, diese dann aber an einem ganz anderen Arbeitsplatz eingesetzt. Außerdem werde häufig ein erhöhter Arbeitsbedarf angegeben, obwohl bei der Post schwankende Briefmengen die Regel seien.

Bedarf an Saisonkräften

Ein Post-Sprecher entgegnet: "Der Einsatz von Abrufkräften ist eine zulässige arbeitsrechtliche Gestaltungsform, die wir unter Beachtung der gesetzlichen Vorschriften anwenden." Das Unternehmen habe sich außerdem nach dem Streik mit der Gewerkschaft ver.di darauf verständigt, fast 9.000 Mitarbeiter in diesem Jahr zu entfristen. Ob darunter auch Abrufkräfte fallen, ließ die Post allerdings unbeantwortet. Auch weiterhin sei das Unternehmen auf Saisonkräfte angewiesen, gerade "in den Wochen vor Weihnachten". In dieser Zeit stiegen die Sendungen auf das Doppelte. Solche Schwankungen ließen sich nur bewältigen, indem man kurzfristig weitere Mitarbeiter einsetze.

Warum wehren sich die Abrufkräfte nicht gegen ihren Status als Tagelöhner? Ihnen entgeht schließlich nicht nur die Sicherheit einer Festanstellung, die Post zahlt auch kein Gehalt, wenn die Mitarbeiter in Urlaub fahren wollen oder krank werden. Auch steigen die Abrufkräfte nicht entsprechend ihrer Berufserfahrung in den Tarifgruppen auf und hängen damit immer auf dem gleichen Stundenlohn fest. Der Gewerkschaftsbund aber sagt: Die meisten Beschäftigten scheuten "aus Kostengründen ein solches gerichtliches Verfahren".

Dabei stehen die Chancen gut, wenn man vor einem Arbeitsgericht klagt. Häufig enden solche Verfahren mit einem Vergleich und einer unbefristeten Beschäftigung – wie im Fall aus Hannover. Allerdings kann immer nur der letzte befristete Arbeitsvertrag aus einer womöglich langen Reihe angegriffen werden. Die Klage muss außerdem innerhalb von höchstens drei Wochen eingereicht werden, nachdem der Vertrag ausgelaufen ist. Für Hunoldt sind das sehr hohe Hürden. "Die meisten Kollegen wissen nicht einmal, dass sie gerichtlich gegen die Post vorgehen könnten." Wenn das Unternehmen nicht dazu gezwungen werde, sein Verhalten zu ändern, würden sich immer Menschen finden, die das Geld benötigen.