Es war absehbar, dass sie kommen werden. Doch die Vielzahl der Flüchtlinge, die seit Monaten in Deutschland Hilfe sucht, überfordert Politik und ehrenamtliche Helfer. Alleine seit Anfang September sind 400.000 Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Wie viele noch kommen werden, weiß niemand. Während die Politik über die Grenzen der deutschen Belastbarkeit streitet, gibt es aufseiten der Wirtschaft einige, die sich über immer mehr Flüchtlinge freuen: Sie verdienen die Milliarden, die Staat und Hilfsorganisationen für die Flüchtlinge ausgeben. Die große Anzahl ankommender Flüchtlinge wirkt für sie wie ein warmer Geldregen. ZEIT ONLINE stellt fünf Wirtschaftszweige vor, die von der aktuellen Situation profitieren.

Unterbringung

Jürgen Wowra verdient sein Geld mit den ungewöhnlichsten Flüchtlingsunterkünften Deutschlands. Sein Unternehmen Paranet hat sich eigentlich auf Sporthallen und die Überdachung von Schwimmbädern spezialisiert. Doch seit einigen Monaten rufen vor allem Bürgermeister bei Wowra an, verzweifelt auf der Suche nach einer Möglichkeit, Hunderte Flüchtlinge innerhalb weniger Tage unterzubringen.

Wowras Hallen sind dafür perfekt: Sie bestehen nicht aus Stein oder Holz, sondern aus unzähligen gigantischen Luftkissen, die sich bei Bedarf an fast jedem Ort aufblasen lassen. Im Notfall entsteht so innerhalb von drei Tagen eine Unterkunft für Dutzende Flüchtlinge, die optisch ein wenig an die Münchner Allianz Arena erinnert. Diese Kurzfristigkeit lässt sich Paranet gut bezahlen: Bis zu 120.000 Euro kostet eine große Halle pro Monat. Zehn solcher Notunterkünfte für mehrere Tausend Flüchtlinge wurden bislang aufgestellt.

Die Lufthallen stehen exemplarisch für die Not vieler Kommunen, schnell eine geeignete Herberge für die Flüchtlinge zu finden. Ihre Verhandlungsposition ist angesichts der vielen Neuankömmlinge miserabel: Gemietet wird quasi alles, was schnell verfügbar und trocken ist – zu fast jedem Preis. "Wir mussten unsere Produktion von einer Schicht auf vier Schichten umstellen", sagt der Paranet-Chef, "sonst wären wir nicht mehr hinterhergekommen." Ein Ende der Anfragen erwartet er so schnell nicht. "Das wird weit bis ins nächste Jahr gehen."

Im Vergleich zu vielen anderen Unterkünften sind die Lufthallen sogar noch günstig. Die Stadt Berlin baute sechs Containerdörfer für insgesamt 42,7 Millionen Euro. Drei Firmen erhielten dafür den Zuschlag. Bei 2.200 Flüchtlingen, die in den Dörfern leben können, verdienten die Firmen gut 19.000 Euro pro geschaffenem Heimplatz.

Und andere Kommunen ziehen nach – zur Freude der Unternehmen. Die meisten Anbieter von Wohn- und Sanitärcontainern sind auf Monate hinaus ausgebucht, kommen mit der Arbeit kaum hinterher. Nebenbei erteilen sie den Bürgermeistern eine kleine Lektion in Sachen Marktwirtschaft: Die gigantische Nachfrage hat – bei verhältnismäßig niedrigem Angebot – regelrechte Preissprünge ausgelöst. In Regensburg stiegen die Quadratmeterpreise für Wohncontainer innerhalb weniger Tage um ein Drittel von 1.800 auf 2.400 Euro; der Stadt blieb nichts anderes, als widerwillig zu akzeptieren. Noch gieriger wurden die Containeranbieter in einigen Orten in Niedersachsen: Der dortige Städte- und Gemeindebund berichtet von Preissteigerungen von bis zu 1.000 Prozent – dem Zehnfachen des Ursprungspreises.

Möbel und Haushaltsgeräte

Die Stadt Köln geht in den kommenden zwei Jahren auf große Shoppingtour. Auf der Einkaufsliste stehen unter anderem: 2.200 Elektroherde, 3.800 Waschmaschinen und 4.600 Kühlschränke. Die Geräte dienen der Ausstattung von Wohnungen für Asylbewerber und Hartz-IV-Empfänger. Kosten des Großeinkaufs: 3,4 Millionen Euro.

Die Anschaffungen illustrieren den Bedarf der deutschen Großstädte an Haushaltsgeräten und Möbeln. Viele Hersteller können vor allem Betten und Matratzen gar nicht so schnell produzieren, wie sie für die Flüchtlingsunterkünfte aufgekauft werden. In manchen Ikea-Filialen etwa kommt es zu Lieferengpässen für einige Produkte. Besonders beliebt laut einer Sprecherin: das metallene Etagenbett Svärta (159 Euro) und die Schaummatratze Moshult (49 Euro). Man bemühe sich, die Regale schnell wieder aufzufüllen.

Vor allem Matratzenhersteller profitieren laut dem Verband der Deutschen Möbelindustrie (VDM) bisher von den Flüchtlingszahlen: Der Umsatz stieg in diesem Jahr bereits um ein Fünftel. Der große Sprung für die Möbelindustrie steht aber wohl erst noch bevor: Ab dem nächsten Jahr rechnet der VDM mit einer "Zusatzkonjunktur" – dann nämlich, wenn Tausende Flüchtlinge die Aufnahmeeinrichtungen verlassen und in eigene Wohnungen ziehen. Die Asylbewerber müssen dann häufig einen ganzen Haushalt neu einrichten. Die Möbelindustrie freut sich schon.