Es war ein lauter Hilferuf: "Viele hungern", sagte Rasmus Egendal Ende September. Er meinte die Millionen Flüchtlinge aus Syrien, die in den Nachbarländern Unterschlupf gefunden hatten und seither dort leben, abhängig von internationaler Hilfe. Etwa 4,2 Millionen syrische Flüchtlinge sind es derzeit. Das Geld reiche nicht mehr für eine ausreichende Ernährung der Bedürftigen, so der stellvertretende Direktor des UN-Welternährungsprogramms (WFP). Am Rande der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York versprach die internationale Gemeinschaft dann rasche Hilfe.

Umgerechnet 1,6 Milliarden Euro wollten die Außenminister der G7-Länder und der reichen Golfstaaten zusätzlich für die Flüchtlingshilfe bereitstellen. Deutschland sagte 100 Millionen Euro zu. Das Geld sollte dem WFP zugutekommen, dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR und weiteren Unterorganisationen der Vereinten Nationen in den Nachbarländern Syriens. Für sie hatten die EU-Staaten schon vor dem New Yorker Treffen der UN, auf einem eigenen Flüchtlingsgipfel, eine weitere Milliarde Euro angekündigt.

Was aus den Versprechen geworden ist, lässt sich nur schwer nachvollziehen. Dem Welternährungsprogramm sei inzwischen eine Zahlung von 30 Millionen Euro bestätigt worden, sagt eine Sprecherin des Berliner Büros. Das scheint sehr wenig, doch wie viel die Organisation überhaupt aus dem 1,6 Milliarden-Paket zu erwarten hat, ist unklar. "Das Geld soll ja an mehrere UN-Organisationen gehen", sagt die Sprecherin, "und wir wissen nicht, welcher Betrag für uns vorgesehen ist." Ähnlich äußert sich das Berliner Büro des UNHCR: Wie die angekündigten 1,6 Milliarden Euro auf die verschiedenen Organisationen verteilt würden, sei noch nicht raus.

USA geben am meisten

Unabhängig von den öffentlichkeitswirksamen Versprechen aus dem September führt das UN-Koordinierungsbüro OCHA eine Liste über alle bisherigen Zusagen, sortiert nach Ländern und privaten Geberorganisationen. Auch aus ihr lässt sich nicht ablesen, was aus den 1,6 Milliarden Euro der G7 wurde. Doch die Liste zeigt: Insgesamt wurden 2015 für die Katastrophenhilfe in und um Syrien rund 3,7 Milliarden Euro versprochen – rund 680 Millionen fehlen noch. Deutschland gehört hier zu den größten Finanziers, am meisten geben allerdings die USA.

Und die versprochene Milliarde der Europäischen Union? Darüber immerhin führt die Kommission Buch, und aus ihren Dokumenten ergibt sich: Für fast ein Viertel der zugesagten Summe werden unter den Mitgliedsstaaten noch Finanziers gesucht. Die Hälfte will die Kommission aus dem gemeinsamen EU-Haushalt aufbringen. Aus den nationalen Haushalten der Mitgliedsländer sind bisher 275 Millionen Euro fest zugesagt: Das macht die Summe von 775 Millionen Euro. Vor allem Großbritannien und Deutschland haben sich verpflichtet, Geld zu geben. Laut der OCHA-Liste gehört Großbritannien auch sonst zu den größten Gebern.

EU-Geld für Flüchtlinge

So viel will die EU-Kommission für Flüchtlinge ausgeben:

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Darüber hinaus hat die Europäische Union zwei eigene Fonds aufgelegt, um Fluchtursachen in der Region um Syrien und in Afrika zu bekämpfen. Bei ihnen ist die Finanzlücke noch größer. Für den Syrien-Fonds wollen die EU-Staats- und Regierungschefs ebenfalls eine Milliarde Euro aufbringen. Auch hier soll die Hälfte aus dem EU-Haushalt stammen und der Rest von den Mitgliedsstaaten finanziert werden. Doch die haben bisher nur acht Millionen Euro zugesagt. Fünf Millionen hat Deutschland versprochen. Es fehlen 492 Millionen.

Für ihren Afrika-Fonds plant Europa sogar insgesamt 3,6 Milliarden Euro ein, wieder hälftig finanziert aus dem EU-Haushalt und den Budgets der Mitgliedsstaaten. Luxemburg, Deutschland und Spanien haben jeweils drei Millionen versprochen. Es fehlen 1,791 Milliarden.

Noch fehlen Milliarden

Die EU-Kommission reagierte in einer für Diplomaten ungewöhnlichen Klarheit auf das Finanzloch: "Es ist zwingend, die Lücke zwischen dem Betrag, den der Europäische Rat als notwendig identifiziert hat, und der Realität dessen, was nur ein paar Mitgliedsstaaten bisher verbindlich zugesichert haben, schnell zu schließen", schrieb sie in der Abschlusserklärung zum Flüchtlingsgipfel der vergangenen Woche.

Immerhin: Das WFP erklärt, die Nahrungsmittelrationen inzwischen wieder etwas erhöht zu haben. Ausreichend zu essen bekommen die versorgten Flüchtlinge dadurch allerdings noch immer nicht. Bis zum Jahresende fehlen noch etwa 177 Millionen Dollar, umgerechnet rund 160 Millionen Euro, und für das kommende Jahr sei überhaupt noch keine Planung möglich. "Wir brauchen möglichst schnell Sicherheit, um verlässlich helfen zu können", sagt die Sprecherin. Für die gesamte Syrien-Hilfe, unter der Dutzende UN- und private Hilfsorganisationen arbeiten, fehlten für den Rest des Jahres noch rund 2,4 Milliarden Euro, erklärt das Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Noch nicht einmal die Hälfte des Bedarfs sei gedeckt.