Jeden Tag kommen ein paar Zahlen, ein paar Hiobsbotschaften dazu: Eine Behörde ermittelt, ein Minister fordert Schadensersatz, eine weitere Anwaltskanzlei kündigt ein Klage an. Der Skandal bei Volkswagen wird so immer größer und immer teurer. Seit der Konzern zugegeben hat, dass in den Abgasanlagen von elf Millionen Dieselautos Manipulationssoftware steckt, rechnen in vielen Ländern die Behörden und Verbraucher zusammen, welche Regressansprüche sie gegen die Wolfsburger geltend machen können. Dabei wird klar: Es sehen sich sehr viel mehr Beteiligte geschädigt als anfangs gedacht.

Insgesamt kommen fünf große Kostenblöcke auf Volkswagen zu: Zunächst die Kosten für die technische Umrüstung der elf Millionen manipulierten Fahrzeuge. Zahlen aus England sagen: Bei einem Drittel der 1,2 Millionen dort verkauften Diesel-PKW muss die Hardware umgerüstet werden, also die Dieseleinspritzung. Bei den übrigen zwei Drittel zumindest die Software. Südkorea fordert ebenfalls, zügig die 120.000 VW-Diesel im Land umzurüsten. In China, dem größten Automarkt der Welt, müssen wohl nur 2.000 VW-Importfahrzeuge zurückgerufen werden. Die PKW, die in chinesischen Werken gebaut wurden, sind laut Firmenangaben nicht betroffen. In Deutschland sollen 2,8 Millionen Fahrzeuge zurückgerufen werden.

In welchem Zeitraum der gigantische Rückruf in den unterschiedlichen Ländern stattfinden wird, hat VW bisher noch nicht angegeben. Ebenso wenig, was er wohl insgesamt kosten wird. Klar ist: Es geht in die Milliarden. Der bisher größte Rückruf von Toyota im Jahr 2010, bei dem fünf Millionen Wagen in die Werkstätten beordert wurden, vernichtete über eine Milliarde Euro an Firmenkapital. Aber selbst wenn es bei VW dementsprechend zwei Milliarden Euro wären – es wäre noch längst nicht das Teuerste an diesem Skandal.

Viele Länder haben Ermittlungen aufgenommen

Viel größer nämlich sind diese vier Posten: Strafzahlungen an Länder, in denen gegen die Umweltschutzauflagen verstoßen wurde; Zahlungen an Aktionäre und Verbraucher, die in Sammelklagen Wertverluste einfordern; Anwaltskosten für die interne Aufklärung des Skandals sowie die Erstattung von Subventionen und verbilligten Darlehen, mit denen zahlreiche Institutionen in den vergangenen Jahren die Verbreitung von vermeintlich abgasarmen Autos gefördert haben. Und es waren weltweit viele Behörden, die solche Steuervergünstigungen gewährten oder Abwrackprämien zahlten und dieses Geld nun offenbar von VW zurückfordern wollen.

Anfangs war die befürchtete Milliardenstrafe aus Amerika das größte anzunehmende Übel: Umgerechnet gut 16 Milliarden Euro könnte die amerikanische Umweltschutzbehörde EPA dem Konzern als Höchststrafe aufbrummen. Sie kann pro Fahrzeug für das Nichteinhalten der Abgaswerte maximal 33.000 Euro verlangen, und zwar für immerhin eine halbe Million PKW mit VW-Dieselmotor in den Vereinigten Staaten. Am Ende wird die Strafe niedriger ausfallen, weil VW mit den Behörden kooperiert. Branchenbeobachter rechnen mit etwa sieben Milliarden Euro, die VW am Ende zahlen muss.

Noch viel härter könnte die australische Regierung durchgreifen, die ebenfalls eine Strafe angedroht hat. Denn dort ist genau das verboten, was VW getan hat: Das Verkaufen von Autos mit Manipulationssoftware. Die Verbraucherschutzbehörde ACCC könnte nun horrende 690.000 Euro Strafe pro Fahrzeug verhängen. Laut Schätzungen sollen rund 50.000 Volkswagen in Australien betroffen sein. Das ergäbe sogar eine 35-Milliarden-Euro-Strafe, wenn die ACCC ernst macht. Noch einmal sieben Milliarden Euro könnten aus Mexiko dazukommen, droht die dortige Staatsanwaltschaft für Umweltschutzfragen.

Verglichen damit wirken die 680 Millionen Euro fast schon mickrig, die Spanien wohl an Abwrackprämie für 680.000 Autos zurückfordern will. Frankreich prüft laut eigenen Aussagen ebenfalls die Rückforderung von Subventionen für 950.000 Autos, auch das könnte noch einmal eine knappe Milliarde ausmachen. In Brasilien könnten Umweltbehörden rund elf Millionen Euro wegen Verstößen gegen die Emissionsauflagen einfordern. Und Belgien eruiert seine Ansprüche ebenso.

Gesamtkosten von 100 Milliarden Euro sind möglich

Neben den Staaten sind auch Verbände und Verbraucherschützer aktiv geworden: Weltweit sind bereits über 230 Sammelklagen gegen VW eingegangen. In Italien etwa hat der Umweltverband Codacons Klage gegen die italienische Volkswagentochter eingereicht und Fahrzeugbesitzer aufgefordert, sich ihr anzuschließen. Codacons will Schadensersatzforderungen wegen Umweltschädigung und Verbrauchertäuschung durchsetzen, in welcher Höhe ist noch unklar. Andere Kläger wollen die sinkenden Wiederverkaufswerte ihrer PKW ausgeglichen sehen oder die erhöhten Spritkosten, die sich möglicherweise nach der Umrüstung ergeben. Aktionärsvertreter wollen ferner den Wertverlust der VW-Aktie einklagen und argumentieren: Der Vorstand habe sich viel zu lange Zeit gelassen mit der Veröffentlichung der ersten Informationen zum Skandal. Wie teuer VW alle diese Schadenersatzforderungen letztlich kommen werden, kann noch niemand beziffern.

Auch hierzulande könnte VW die Rückzahlung der Abwrackprämie drohen. Das könnte ebenfalls einen dreistelligen Millionenbetrag ausmachen. Zudem droht das NRW-Finanzministerium damit, die KFZ-Steuer nachzufordern, die VW-Besitzer jahrelang zu wenig entrichteten, weil ihre Wagen als zu umweltfreundlich eingruppiert wurden. Allerdings will NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans die Beträge nicht bei den Fahrzeugbesitzern eintreiben, sondern sie von VW direkt kassieren. Dazu braucht er aber noch die Hilfe von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Die Verhandlungen laufen.

Droht VW die Pleite?

Überschlägt man nun all diese möglichen Strafzahlungen und Rückforderungen, käme man auf eine Summe von rund 50 Milliarden Euro bereits ohne die Sammelklagen. Im schlimmsten Fall müsse VW sogar mit Kosten von bis zu 100 Milliarden Euro rechnen, schätzt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW): "Dies sind mehr als drei Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung", warnt er. Daran werde sich der deutsche Staat – und damit der Steuerzahler – beteiligen müssen. Schließlich gehören dem Land Niedersachsen 20 Prozent des Volkswagenkonzerns.

Könnte Volkswagen durch den Skandal sogar in die Pleite rutschen? Schließlich ist nicht absehbar, wie stark die Verkaufszahlen künftig wegen des Imageschadens einbrechen werden. Womöglich müsse VW mit Staatshilfe gerettet werden wie einst der ungleich kleinere Holzmann-Baukonzern, sagt Fratzscher. Aber wie wahrscheinlich ist das? Natürlich sind 100 Milliarden Euro eine unvorstellbar große Summe Geld. Nun steht aber noch längst nicht fest, wie viel davon VW tatsächlich bezahlen muss – und über welchen Zeitraum. Das Geld würde ja in jedem Fall nicht auf einen Schlag fällig.

Die Reserven sind hoch

Dazu kommt: Volkswagen ist immer noch ein verhältnismäßig kapitalkräftiger Konzern. Gemessen an der Marktkapitalisierung, also am Aktienwert ist es das achtgrößte Unternehmen Deutschlands. Vor Absturz des VW-Aktienkurses war VW neben Bayer sogar einer der größten beiden DAX-Konzerne. Und Volkswagen macht 200 Milliarden Euro Umsatz jedes Jahr sowie zehn Milliarden Euro Gewinn vor Steuern, jedenfalls bisher. Zudem könnte das Unternehmen eine Kapitalerhöhung vornehmen, also neue Aktien ausgeben, wodurch sich VW im besten Falle elf Milliarden Euro zusätzlich von den Anlegern beschaffen könnte.

Zudem besitzt der Konzern noch eine üppige Finanzreserve: Allein 18 Milliarden Euro betragen die Cash-Bestände von VW, das ist mehr als Adidas oder die Deutsche Börse insgesamt wert sind. Nach Bekanntwerden des Skandals hat VW erst mal 6,5 Milliarden Euro an Rückstellungen gebildet. Einsparungen bei Investitionen und Zulieferern sollen weitere vier Milliarden Euro bringen.

Außerdem hortet das Unternehmen Wertpapierbestände von 15 Milliarden Euro, die schnell veräußert werden könnten, sagt Branchenanalyst Frank Schwope von der Nord LB. Sowie weitere fünf Milliarden Euro, die bald in die Firmenkasse fließen, weil sich VW jüngst von Beteiligungen an Suzuki und LeasePlan getrennt hat. Bräuchte VW sehr nötig Geld, könnte es sich zudem noch von einer Reihe von Beteiligungen trennen, schließlich gehören Bentley, Bugatti, Ducati und Lamborghini zum Konzern. Deren Verkauf würde zwar schmerzen, könnte aber immerhin fünf bis zehn Milliarden Euro einbringen. Mit dem Verkauf der Lastwagensparte MAN/Scania wären sogar noch einmal 30 bis 35 Milliarden Euro drin, rechnen Branchenanalysten vor.

Zählt man nun diese Posten zusammen, käme man auf den Betrag von ebenfalls rund 100 Milliarden Euro. So gesehen klingt es extrem unwahrscheinlich, dass der Konzern den Skandal nicht übersteht. Aber natürlich hängt das auch von etwas anderem ab: Davon, wie viele Kunden und Aktionäre auch künftig bereit sein werden, bei VW einzusteigen.

Im Video: Volkswagen verschärft wegen Abgas-Krise den Sparkurs