Nach Ansicht des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung kann die deutsche Wirtschaft die Flüchtlingskrise verkraften. Deutschland und Europa gehe es derzeit wirtschaftlich gut, sagte Christoph Schmidt, der Chef des Sachverständigenrates, bei der Veröffentlichung des Jahresgutachtens. In diesem Jahr dürften Bund, Länder, Gemeinden und Sozialkassen insgesamt einen Überschuss von gut 21 Milliarden Euro oder 0,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) ausweisen. 2016 werde der Überschuss voraussichtlich mit 5,5 Milliarden Euro oder 0,2 Prozent des BIP niedriger liegen. Die Steuereinnahmen werden dem Gutachten zufolge 2016 erstmals die Marke von 700 Milliarden Euro überschreiten.

Die weiterhin günstige Wirtschaftsentwicklung erleichtert nach den Worten von Bundeskanzlerin Angela Merkel die Bewältigung der Flüchtlingskrise. "Die Tatsache, dass die Wirtschaft derzeit relativ robust ist, ist eine sehr, sehr gute Botschaft dahingehend, dass wir zusätzliche Herausforderungen damit natürlich auch besser stemmen können", sagte Merkel.

Für die Sicherung von Wachstum und Wohlstand müsse Deutschland jedoch mehr tun, heißt es in dem Gutachten der fünf Ökonomen. "Derzeit ist wenig von einer Aufbruchsstimmung zu spüren, die Deutschland befähigen könnte, seine starke wirtschaftliche Stellung zu behaupten". Es gebe zu wenig Firmengründungen und Probleme bei der Digitalisierung. Für die exportorientierte deutsche Industrie sei das umstrittene Freihandelsabkommen (TTIP) der EU mit den USA wichtig. Es soll für mehr Wachstum auf beiden Seiten des Atlantiks sorgen.

Ökonomen fordern Mindestlohn-Ausnahmen

Die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt müsse eine hohe Priorität erhalten, weil sie ein wichtiger Schritt für die gesellschaftliche Integration sei, schreiben die Wirtschaftsweisen außerdem. Vor allem müsse in Bildungs- und Qualifikationsangebote für die Zugewanderten investiert und das Asylverfahren beschleunigt werden. Der Rat schlug vor, arbeitsuchende Flüchtlinge nach ihrer Anerkennung wie Langzeitarbeitslose zu behandeln und riet zudem vorerst davon ab, den Mindestlohn zu erhöhen. "In Anbetracht des steigenden Arbeitsangebots im Niedriglohnbereich sollte der Mindestlohn keinesfalls erhöht werden", schreiben die Ökonomen. Auch eine Staffelung des Mindestlohns nach Alter könne dazu beitragen, mehr junge Erwachsene zu beschäftigen.

Die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland dürfte nach Vorhersage der Wirtschaftsweisen dank der neu angekommenen Flüchtlinge bis 2020 um bis zu 500.000 steigen. Dem stünden etwa bis zu 350.000 arbeitslose Flüchtlinge gegenüber. Die Zahl der Arbeitslosen dürfte daher in den kommenden Jahren die Marke von drei Millionen wieder überschreiten, die Arbeitslosenquote nicht weiter zurückgehen.