ZEIT ONLINE: Herr Romano, der "Islamische Staat" (IS) hat Paris in einem Moment attackiert, in dem er auf seinem eigenen Gebiet erhebliche militärische Verluste erlitten hatte. Hängt beides zusammen?

David Romano: Der Zeitpunkt ist so gewählt, dass die Anschläge in Paris die größtmögliche mediale Wirkung erzielen. Natürlich geschieht das nicht spontan, solche Attacken müssen Monate im Voraus geplant werden. Aber wenn die Planung abgeschlossen ist, können die Täter in aller Ruhe auf den richtigen Zeitpunkt warten. Und der ergab sich für den IS offenbar genau am vergangenen Freitag.

Durch die Anschläge in Paris konnte der IS davon ablenken, dass er im Irak Territorium aufgeben musste. Darüber wird kaum noch berichtet; stattdessen ist die Organisation nun mit einer erfolgreichen Aktion in den Medien omnipräsent.

ZEIT ONLINE: Das heißt, die Anschläge in Paris sind eher ein Zeichen für die Schwäche des IS?

Romano: Militärisch ist der IS sicher geschwächt. Seine Kämpfer haben die irakische Stadt Sindschar verloren und mussten große Teile des Gebiets an der Grenze zur Türkei aufgeben. Sie kontrollieren einen ihrer wichtigsten Grenzübergänge zwischen Syrien und Irak nicht mehr, über den zentrale Handelsrouten laufen.

Eine Zahl illustriert das Ausmaß des Rückzugs sehr deutlich: 90 Prozent der im Kampf umgekommenen Peschmerga starben zuletzt durch improvisierte Sprengfallen, die der IS in den aufgegebenen Gebieten zurückgelassen hat. Der IS hat eine ganze Serie Rückschläge erlitten. Die Kurden drängen seine Kämpfer schon seit September 2014 zurück.

ZEIT ONLINE: Sie haben davor gewarnt, dass sich kriminelle Gruppen vom IS abspalten könnten, wenn seine Macht auf heimischem Gebiet schwindet. Waren die Anschläge von Paris das Werk einer solchen Zelle oder zentral von Syrien aus gesteuert?

Befehl zum Losschlagen kann leicht per Playstation übermittelt werden

Romano: Beides. Aus dem Zentrum des IS in Syrien kommt vermutlich lediglich die Anweisung, einen Anschlag zu planen. Die Zelle in Europa übernimmt dann die Details, etwa die taktische Planung. Wenn es so weit ist, kann der Befehl zum Losschlagen leicht per Playstation übermittelt werden.

ZEIT ONLINE: Wie wird das Ganze finanziert?

Romano: Ein Anschlag wie der in Paris dürfte ziemlich wenig kosten. Man braucht ein paar Kalaschnikows und Sprengstoff. Die Ausrüstung ist auf dem Schwarzmarkt leicht zu bekommen. Für die Sicherheitsdienste ist das ein Albtraum: Es gibt keine großen Geldströme, die sie verfolgen können, und da die Planung bei lokalen Terrorzellen liegt, auch keine umfangreichen internationalen Informationsflüsse. Dem beizukommen ist extrem schwierig. Alles, was man tun kann, ist, Verdächtige zu observieren. Aber rund um die Uhr, sieben Tage die Woche? Das Risiko, dass die Täter davonkommen, ist hoch. In Paris ist offenbar genau das passiert.

ZEIT ONLINE: Die G20 wollen den IS nun unter Druck setzen, indem sie seine Geldquellen austrocknen. Wie groß sind da die Möglichkeiten? 

Romano: Begrenzt. Der IS finanziert sich vor allem durch die Beschlagnahme von Vermögen in den eroberten Gebieten. Etwa 45 Prozent seiner Einnahmen kommen daher. Internationale Finanz-Sanktionen haben auf diese Summen keinen Einfluss – aber militärische Operationen können sie empfindlich treffen. Wenn der IS keine neuen Gebiete erobert, versiegt das regelmäßige Einkommen, und die Organisation bekommt ein Problem. Das funktioniert ein wenig wie bei den europäischen Armeen im Mittelalter: Wenn sie nicht plündern konnten, wurden die Soldaten sauer.

ZEIT ONLINE: Was ist mit den Einnahmen aus dem Ölgeschäft? Da könnten die G20 doch ansetzen.

Romano: Die Öl- und Gasverkäufe sind signifikant zurückgegangen. Einige der Förderanlagen sind durch militärische Schläge beschädigt. Auch der grenzüberschreitende Handel ist kaum noch möglich. Der IS ist definitiv in Schwierigkeiten.

ZEIT ONLINE: Wofür gibt der IS sein Geld bisher aus?