So ist aus dem viel gelobten Mustebeispiel in einer Wahlnacht ein neuer Krisenstaat entstanden. Und das, obwohl der harte Sparkurs der vergangenen vier Jahre anders  als in Griechenland oder im benachbarten Spanien keine Protestparteien hervor gebracht hat.

Die Portugiesen hatten statt dessen mit der ihnen eigenen Geduld Steuererhöhungen, Kürzungen der Einkommen und der Sozialbudgets sowie Einschränkungen des Kündigungsschutzes ertragen. Gleichzeitig nutzten Hersteller in den früheren Billigsektoren Textil- und Schuhindustrie die Krise für Innovationen und Spezialisierung und erschlossen sich so neue Exportmärkte. Im Dienstleistungssektor greifen internationale Großkonzerne auf das Programmierwissen portugiesischer IT-Spezialisten zurück.

Viele Portugiesen blickten auch durchaus wieder zuversichtlicher in die Zukunft, seit das Land voriges Jahr plangemäß den von EU, EZB und IWF aufgespannten Rettungsschirm verließ und sich seither wieder selbst Geld an den Finanzmärkten besorgt. Das für 2015 erwartete Wirtschaftswachstum liegt mit 1,6 Prozent auf derselben Höhe wie die OECD-Schätzung für Deutschland. Die Arbeitslosigkeit ist – auch wegen zahlreicher Fortbildungsmaßnahmen – auf unter zwölf Prozent gesunken. Und als hätte es noch eines weiteren Konters gegen die Kritiker bedurft, die Austerität mit Untergang gleichsetzten, stiegen in diesem Jahr auch die Autoverkäufe um mehr als 30 Prozent. Selbst die teuren Luxusmarken Porsche und Ferrari finden Abnehmer.

"Die Portugiesen sind sehr engagiert"

Doch selten zuvor war gleichzeitig der Unterschied zwischen Arm und Reich in Portugal so groß wie heute. Laut Statistikamt INE müssen 20 Prozent der arbeitenden Bevölkerung mit dem Mindestlohn von brutto 505 Euro pro Monat auskommen.

Daran werde sich erst etwas ändern, wenn die Produktivität der Unternehmen zunehme, sagt Pedro Portugal, der zu den einflussreichsten Ökonomen des Landes zählt und in den vergangenen Jahren mit der Troika zusammengearbeitet hat. "Die Portugiesen sind sehr engagiert, aber zu viele arbeiten noch in Berufen mit wenig Wertschöpfung."

Der Aufstand äußert sich nicht in Straßenprotesten, sondern im Stillen bei den Wahlen. Nur 57 Prozent der Portugiesen gingen überhaupt zur Wahl. Während die Regierungsparteien abgestraft wurden, legten die Sozialisten um gut vier Prozent und der Linksblock um fünf Prozent zu. Sie betrachten sich deshalb als die eigentlichen Wahlsieger und werfen Präsident Cavaco Silva einen Staatsstreich vor, weil der es ablehnt, den Sozialisten Costa mit der Regierungsbildung zu beauftragen. Cavaco Silva ist selbst ein konservativer Politiker.

Zu viel des Leidens

Ein Drittel der Portugiesen wünscht sich eine Große Koalition aus Konservativen und Sozialisten. Ein bisschen weniger Sparkurs, das würde vielen schon genügen. Aus dem Euro oder gar der EU austreten, das wollen sie nicht. Aber sie haben Angst vor dem, was ihnen nach den Jahren der Entbehrungen bevor steht. Denn um die Rückzahlung der 2011 gewährten Finanzhilfe zu überwachen, bleibt die Troika aus EU, EZB und IWF nach den bisherigen Plänen noch mindestens bis 2038 im Land. So lange, bis 75 Prozent des Kredits abbezahlt sind.

Bei einer öffentlichen Schuldenlast von derzeit 129 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) müsste Portugal laut OECD seinen Staatshaushalt jährlich um 1,9 Prozent kürzen, um bis 2030 wieder auf die für die Euroländer obligatorische Verschuldungsquote von 60 Prozent des BIP zu kommen. Vielen Portugiesen ist das zu viel des Leidens.