Tihange 2 und Doel 3 sind seit dem Beginn der achtziger Jahre am Netz. "Sie sind nicht mehr die jüngsten", sagt Mohr. "Je länger aber das Metall der Druckbehälter der Strahlung ausgesetzt ist, desto spröder wird es. Es hält Belastungen nicht mehr so gut aus." Müsse etwa aufgrund eines Störfalls die Notkühlung angeworfen werden und sänke die Temperatur dann schlagartig um eine hohe Differenz, sei nicht auszuschließen, dass die Risse im Reaktor sich vergrößerten. "Die Integrität des Druckbehälters ist dann möglicherweise nicht mehr zu gewährleisten."

Mohr glaubt nicht, dass die von Electrabel vorgenommenen Ultraschallprüfungen ausreichen. Tihange und Doel seien 2012 und 2014 untersucht worden, mit unterschiedlichen Ergebnissen. "Man hat das Verfahren weiterentwickelt und 2014 mehr Risse gefunden – das aber einfach als Folge der verfeinerten Methode gewertet. Dabei ist das überhaupt nicht ausreichend belegt." 

Das Grundsatzproblem der Untersuchungen: "Man kann nicht in die Wand des Reaktordruckbehälters hineinsehen", sagt Mohr. "Dazu müsste man ihn zerstören, aber das ist nicht möglich." Die Untersuchungskommission habe lediglich die Ultraschallbefunde mit Schadensbildern aus anderen Materialproben verglichen. "So aber wird man nie mit hundertprozentiger Sicherheit sagen können, wie es im Reaktor aussieht." Electrabel dagegen erklärt, alle Analysen seien unter "höchst vorsichtigen Annahmen" ausgeführt worden, um möglichst alle Risiken auszuschließen. 

Ohne Kernkraft: Stromausfall

Belgien ist auf Kernkraft angewiesen. In Doel und Tihange stehen insgesamt sieben Reaktoren. Vier davon sind im Moment – noch vor der Rückkehr ans Netz von Doel 3 – in Betrieb; und sie alleine liefern bis zu 40 Prozent des Strombedarfs. Wenn alle sieben Blöcke laufen, dürften es mehr als 50 Prozent sein.

Zwar baut auch Belgien seine Windkraft aus. Doch noch ist die Kernenergie so wichtig, dass die Laufzeit mehrerer Reaktoren kürzlich verlängert wurde. Den Bedarf stattdessen einfach im Ausland zu decken, ist keine Alternative, denn noch funktionieren die Grenzübergänge im europäischen Stromnetz technisch nicht. Und so besteht gerade im Winter, wenn Wind und Sonne wenig Strom liefern, aber der Energiebedarf hoch ist, ohne Tihange 2 und Doel 3 die Gefahr von Stromausfällen.

In Aachen haben sie dennoch wenig Vertrauen in die alten Reaktoren. Auf Fragen bekomme man von Electrabel immer nur drei Antworten, sagt Oberbürgermeister Philipp: "Wir stellen Strom her. Unsere Reaktoren sind sicher. Lassen Sie uns in Ruhe." Er könne auf die Bedenken der Bürger nicht eingehen, weil er selbst sich schlecht informiert fühle. Aber Electrabel gebe keine Möglichkeit zum Austausch. "Es gibt keine Transparenz." Electrabel bestreitet das.

Inzwischen hat sich selbst das Bundesumweltministerium in Berlin des Falles angenommen. Man nehme die Entscheidung der belgischen Behörden, Tihange 2 und Doel 3 wieder ans Netz zu lassen, "zur Kenntnis", sagt eine Sprecherin, und habe sich "auf verschiedenen Ebenen seit Bekanntwerden der Befunde an die belgischen Behörden gewandt". Derzeit lasse das Ministerium die Prüfungsunterlagen fachlich auswerten.

Im Januar 2016 werde die belgische Aufsicht den Fall auf einem internationalen Arbeitstreffen erläutern, erklärt die Sprecherin weiter. "Das Bundesumweltministerium wird sich in die Erörterung aktiv einbringen. Es erfüllt damit auch seinen Schutzauftrag für die Sicherheit der Bevölkerung." Der Aachener Oberbürgermeister wird es vermutlich gerne hören.