Nach der Entscheidung der US-Notenbank, die Leitzinsen auf eine Spanne zwischen 0,25 und 0,5 Prozent zu erhöhen, ist viel vom Ende der Niedrigzins-Ära die Rede, von der historischen Zinswende. Die Frage ist allerdings, wie nachhaltig der jüngste Schritt von Notenbankchefin Janet Yellen und ihren Kollegen der Federal Reserve (Fed) sein wird. Der endgültige Abschied von den Niedrigzinsen wird noch lange auf sich warten lassen. Denn die Wall Street hat sich an sie gewöhnt, bestimmte Mitspieler sind von ihnen abhängig geworden – etwa riskante Anleihen wie die Junkbonds.

Für diese Analyse sprechen schon die Gründe, warum die Fed nach jahrelangen Andeutungen und Ankündigungen sich nun tatsächlich bewegt hat. "Yellen musste nach sieben Jahren endlich die Alarmsirenen ausschalten, um die Wirtschaft zu beruhigen", sagt ein Wall-Street-Veteran. Solange die Fed die Zinsen bei Null ließ, sendeten die Notenbanker die Botschaft, dass die Krise noch nicht überwunden ist. Das verunsicherte Investoren und Unternehmen.

Dass die Fed mit ihrem Minizinsschritt überhaupt so lange warten musste, zeigt auch, wie substanzarm die Erholung geblieben ist. Und damit sind wir auch schon beim nächsten Problem: Auch wenn es sich für Normalbürger kaum so anfühlt, ist dieser sogenannte Aufschwung einer der längsten der amerikanischen Geschichte: 78 Monate. Der durchschnittliche Aufschwung seit dem Zweiten Weltkrieg dauerte 58 Monate.

Schon hat deshalb unter Ökonomen eine Diskussion begonnen, wann die US-Wirtschaft wieder in eine Rezession versinken wird. Je nachdem, welchen Schätzungen man glaubt, kann die Wirtschaft noch zwei Jahre, vielleicht sogar noch drei Jahre weiterwachsen. Ein Abschwung folgt zwar nicht zwangsläufig und der Abstand zwischen Rezessionen ist seit der Großen Depression länger geworden. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass wirtschaftliche Überhitzung oder ein Schock wie die Finanzkrise einen Einbruch auslösen, steigt.

Und das ist ein weiterer Grund für die Fed, jetzt die Zinsen vorsichtig zu erhöhen. Yellen und ihre Kollegen müssen sich Munition für eine mögliche nächste Krise besorgen, denn die Notenbanker haben derzeit sämtliche Maßnahmen ausgereizt. Und so muss die Fed die noch verbleibenden guten Jahre des laufenden Zyklus nutzen, um einen Leitzinssatz zu erreichen, den sie dann bei Bedarf wieder senken kann. Dabei dürfen die Fed-Verantwortlichen den Satz allerdings nicht zu hastig erhöhen, sonst sind sie es am Ende selbst, die die neue Rezession auslösen.

Wenn der laufende Aufschwung bis 2018 anhielte, wäre dies ein Rekord. Das ist aber eher unwahrscheinlich. Schon zeigen sich Zeichen ökonomischer Schwäche. Die Erträge der Unternehmen stiegen zuletzt nur marginal. Doch Yellen und ihr Team sind von solchen Konjunktur-Indikatoren offenbar unbeeindruckt. Bis zum Ende des kommenden Jahres erwarten die Notenbanker, den Zinssatz auf 1,4 Prozent zu erhöhen. Ab 2018 soll sich der Zinssatz wieder auf das Niveau von 3,5 Prozent bewegen.

Hohe Zinsen treffen auch die Steuerzahler

Doch dieser Fahrplan zur Normalisierung hat einen kleinen Schönheitsfehler: Die Fed lag mit ihren Prognosen in der Vergangenheit überwiegend daneben.  

Und da ist noch ein Faktor. Die Notenbank agiert zwar unabhängig von der Politik, aber sie kann sich den Vorgängen dort nicht entziehen. Die Tatsache, dass die USA mehr als 13 Billionen Dollar Schulden haben, können die Notenbanker nicht ignorieren. Denn höhere Zinsen treffen auch die US-Steuerzahler. Der Staat muss dann mehr für den Schuldendienst ausgeben – auf Kosten von anderen Posten wie Bildung, Militär oder Soziales. Ein höheres Zinsniveau würde dementsprechend die Grabenkämpfe und Blockadepolitik in Washington noch verstärken.

So stecken wir bis auf Weiteres in der Niedrigzins-Epoche fest. Mit all ihren ungesunden Nebenwirkungen für Sparer.