Auf dem Ölmarkt scheint derzeit nichts mehr ausgeschlossen. Innerhalb eines guten Jahres ist der Preis pro Fass von 80 Dollar auf rund 40 Dollar gefallen. Die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs schätzt: Im kommenden Jahr könnte der Preis sogar auf 20 Dollar abstürzen. Damit wäre Öl so billig wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr. Das Öl des Opec-Kartells kostet bereits weniger als 33 Dollar. Im Durchschnitt des Jahres 2012 hatte Opec-Öl noch fast 110 Dollar gekostet.

Die Internationale Energieagentur (IEA), der von den Industrieländern nach der ersten Ölpreiskrise 1974 gegründete Thinktank mit Sitz in Paris, scheut zwar Preisprognosen. Aus den jüngsten Veröffentlichungen der IEA-Experten geht jedoch hervor, dass auch sie die Vorstellung eines anhaltend niedrigen Ölpreises nicht für völlig aus der Luft gegriffen halten.  In ihrem aktuellen Monatsbericht über das Geschehen auf dem weltweiten Ölmarkt heißt es, dass das Ölangebot die Nachfrage auch im kommenden Jahr übertreffen dürfte; das wäre die Voraussetzung für weiter fallende Preise. Doch selbst danach müsste der Preis nicht schnell wieder steigen, wie es nach dem letzten Preistief Ende 2008 der Fall war. Damals dauert es kaum mehr als zwei Jahre, bis der Preis von 40 Dollar auf mehr als 100 Dollar kletterte. 

Tatsächlich beschäftigt sich die in Sachen Ölpreis zurückhaltende IEA mittlerweile ernsthaft mit dem Gedanken, Öl könne bis weit in die 2020er Jahre nicht teurer als 50 bis 60 Dollar pro Fass werden und auch danach nur wenig mehr kosten. Der Rohstoff, ohne den sich im weltweiten Personen- und Güterverkehr fast nichts bewegt, könnte womöglich sogar ein Vierteljahrhundert lang billig bleiben. Das wäre dann ein Strukturbruch bei der Ölpreisbildung, denn bisher folgte der Preis einem zyklischen Auf und Ab, wie bei vielen anderen Rohstoffen auch. 

Und der Klimawandel?

Zyklus oder Strukturbruch? Keine andere Frage treibt die Akteure in der Welt des Öls momentan mehr um. Damit der Ölpreis dauerhaft niedrig bleibt, müssten laut IEA verschiedene Voraussetzungen erfüllt sein: Unter anderem müsste sich das Wachstum der Weltwirtschaft abschwächen; außerdem müsste das Kartell der Erdöl exportierenden Staaten (Opec) an seiner Strategie festhalten, den Markt mit Öl zu fluten, um die teurer produzierende Konkurrenz vor allem in den Vereinigten Staaten aus dem Feld zu schlagen.

Fantasterei? Immerhin hat die IEA in ihrem aktuellen World Energy Outlook, der jährlich erscheinenden "Bibel" der Energiewirtschaft, auf knapp 40 Seiten in einem eigenen Szenario analysiert, welche Konsequenzen es hätte, bliebe Öl für viele Jahre billig. Um es kurz zu machen: Sie wären überraschend – und längst nicht alle wären erfreulich.

Zwar würde billigeres Öl die Verbraucher reicher machen. Kostete ein Fass Öl um das Jahr 2020 nur rund 60 Dollar und um das Jahr 2040 etwa 85 Dollar, dann würde ihr Realeinkommen steigen: Bis 2040, dem Ende des Szenariozeitraums in den USA, um 1,1 Prozent, in Europa um 1,4 Prozent und in China gar um 1,8 Prozent. Mit Geld, das die Verbraucher eigentlich für Heizöl und Kraftstoffe hätten ausgeben wollen und müssen, könnten sie dann andere Güter kaufen – und obendrein mehr Diesel und Benzin.

Das würde die CO2-Emissionen des Transportsektors in die Höhe treiben, bis 2040 laut IEA um genau 1,9 Prozent. Unterm Strich wäre der Rückschlag für den Klimaschutz allerdings kaum merklich, denn das billigere Öl ließe auch den Preis von Erdgas sinken. Bei der Stromproduktion würde emissionsintensive Kohle deshalb durch vergleichsweise CO2-armes Erdgas verdrängt; Erdöl selbst spielt als Brennstoff in Kraftwerken kaum eine Rolle. Dieser Effekt kompensierte den CO2-Anstieg des Verkehrssektors fast vollständig  – allerdings nur im Vergleich zum Basisszenario. In dem allerdings wird die Erderwärmung keineswegs auf maximal zwei Grad begrenzt. Das bei der Klimakonferenz in Paris gerade beschlossene Ziel würde also deutlich verfehlt.

Wem nützt billiges Öl? Wem schadet der Preisverfall?

Manchen würde das günstige Öl sehr weh tun. Unter anderem würden private Ölunternehmen wie Exxon, Shell und BP an Wert verlieren. Vor allem aber wäre mit gravierenden Sicherheitsrisiken zu rechnen. Das billigste Öl kann schließlich nur aus Fördergebieten kommen, in denen sich Öl vergleichsweise kostengünstig aus dem Boden holen lässt – und das sind vor allem die Länder des Nahen Ostens. Entsprechend würde ihr Anteil am Rohölhandel laut IEA im Jahr 2040 bei 57 Prozent liegen, statt bei nur 50 Prozent wie im Basisszenario. Abgesehen von der politischen Entwicklung der Nahostregion – die Folge wäre, dass mehr Öl international gehandelt und zu den Verbrauchern transportiert werden müsste, auch durch kritische Engpässe. Durch die Straße von Hormus im Persischen Golf beispielsweise werden heute täglich rund 16 Millionen Fass Öl transportiert, bliebe das Öl billig, könnten es im Jahr 2040 mehr als 25 Millionen Fass sein. Das bedeutete – eine nicht sehr beruhigende Vorstellung – dass mehr als die Hälfte des physisch gehandelten Rohöls nur einen einzigen Zugang zum Weltmarkt hätte, heißt es im IEA-Bericht.

Die größten Probleme bereitete billiges Öl jedoch den Ölexporteuren. Ihnen entginge richtig viel Geld. Im Durchschnitt der Jahre 2010 bis 2014 verdienten die Opec-Länder mit dem Ölexport jährlich mehr als eine Billion Dollar. Im IEA-Niedrigpreisszenario würde diese Summe schon in naher Zukunft (bis 2020) fast halbiert, gegenüber dem Basisszenario läge der jährliche Verlust immer noch bei mehr als 100 Milliarden Dollar. Unterm Strich und längerfristig verlieren sämtliche Opec-Länder wegen der niedrigeren Preise mehr, als sie aufgrund der höheren Exportmengen gewinnen, so die IEA. Das heißt, dass die Opec zwar erfolgreich ihren Marktanteil vergrößern kann, sich aber dabei am Ende selber schadet.

Tatsächlich läge ein langfristiger Ölpreis in der Größenordnung von 60 bis 80 Dollar deutlich unter der Marge, welche die Exportländer benötigen, um ihren Staatshaushalt zu finanzieren. Niedrige Preise bedeuteten deshalb eine immense Herausforderung: Saudi Arabien & Co müssten die Erwartungen einer wachsenden Bevölkerung mit schrumpfenden öffentlichen Ausgaben befriedigen, eine fast unlösbare Aufgabe. Deshalb spreche viel dafür, dass die Opec-Länder zu ihrer traditionellen Strategie zurückkehren, die Fördermengen begrenzen und ihre Einnahmen maximieren, sobald die Konkurrenz aus den Nicht-Opec-Staaten die Förderung wegen der sinkenden Preise drosseln muss – glaubt die IEA. 

Billiges Öl, nur ein Gedankenexperiment?

Tatsächlich spricht viel dafür, dass Öl jedenfalls dauerhaft nicht billig bleibt. Der Absturz des Ölpreises hat bereits Kräfte freigesetzt, die schon in absehbarer Zeit wieder für einen Aufwärtstrend sorgen dürften. Während die globale Nachfrage nach Erdöl weiter wächst, lassen die niedrigen Preise die Ölförderung in den Nicht-Opec-Ländern wohl schon im kommenden Jahr schrumpfen. Obendrein haben viele Ölunternehmen im zu Ende gehenden Jahr 2015 deutlich weniger investiert. Mit einigem Zeitverzug wird deshalb die Ölförderung in Ländern wie Kanada, Brasilien oder Russland niedriger ausfallen, während in den USA das Ende der Produktionssteigerung näher rückt.

Sollte sich der Investitionsattentismus wegen anhaltend niedriger Preise fortsetzen, erwarteten die Verbraucher sogar sehr ungemütliche Zeiten: Jährlich rund 410 Milliarden Dollar müssten laut IEA in die Ölförderung investiert werden – nicht etwa, um zusätzliches Öl zu fördern, sondern allein um die aus geologischen Gründen rapide nachlassende Förderung aus den heute bekannten Feldern wettzumachen. Der größte Teil dieser Summe müsste laut IEA übrigens auch dann investiert werden, wenn die Klimaschutzpolitik weltweit ernsthaft das Zwei-Grad-Ziel ansteuerte.

Mag sein, dass der Ölpreis noch ein paar Tage, vielleicht auch Wochen und Monate niedrig bleibt, womöglich sogar sinkt. Längerfristig mit billigem Öl zu rechnen, scheint allerdings ziemlich unklug zu sein.